Carl Friedrich Goerdeler (* 31. Juli 1884 in Schneidemühl, Provinz Posen; † 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Jurist, Politiker (parteilos, 1919–1931 DNVP) und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Goerdeler gehörte zu den führenden zivilen Köpfen der Widerstandsbewegung und sollte nach einem erfolgreichen Attentat vom 20. Juli 1944, an dessen Planung er maßgeblich beteiligt war, das Amt des Reichskanzlers übernehmen.
Goerdeler entstammte einer preußischen Beamtenfamilie. Er war ab 1911 Kommunalpolitiker und von 1930 bis 1937 Oberbürgermeister von Leipzig. Geistig orientierte Goerdeler sich an der preußischen Tradition und einem wirtschaftsliberalen Wertkonservatismus. Der Verwaltungsfachmann war in den 1920er Jahren mehrfach als Reichskanzler im Gespräch, bevor er 1931/32 und 1934/35 das Amt des Reichskommissars für Preisüberwachung innehatte.
Die Machtübertragung an die NSDAP Anfang 1933 bewertete Goerdeler teilweise positiv. Aus seiner konservativen Weltanschauung heraus weigerte er sich jedoch von Anfang an, Mitglied der Partei zu werden, und entwickelte sich bis spätestens 1936 zu einem entschiedenen Gegner des NS-Regimes. Als die Nationalsozialisten im November 1936 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Leipziger Denkmal des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy aufgrund dessen jüdischer Herkunft beseitigten, stellte Goerdeler demonstrativ den Antrag, spätestens zum 1. April 1937 als Oberbürgermeister aus dem Dienst der Stadt Leipzig entlassen zu werden. Sein Antrag wurde am 7. Januar 1937 genehmigt und er bis zum Ende seiner Dienstzeit beurlaubt. In den folgenden Jahren reiste er durch die Staaten der Westmächte, um vor dem Nationalsozialismus zu warnen und die alliierten Regierungen zu beraten.
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges bildete sich um Goerdeler ein konservativer Kreis des zivilen Widerstands heraus, der das Ende der NS-Herrschaft herbeiführen wollte. Dieser sogenannte „Goerdeler-Kreis“ war ein geistiges Zentrum der Opposition gegen Hitler und verfügte über zahlreiche Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, insbesondere zum militärischen Widerstand um Ludwig Beck. Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli wurde Goerdeler im August 1944 denunziert, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Carl Friedrich Goerdeler wurde als dritter Sohn des Juristen Julius Goerdeler und seiner Frau Adelheid, geborener Roloff, in Schneidemühl, Kreis Kolmar i. Posen, geboren. Seine Familie gehörte väterlicher- und mütterlicherseits zur preußischen Beamtenelite. Bereits sein ursprünglich aus Lüchow stammender Urgroßvater Christian Goerdeler war als Oberrevisionsrat zur Zeit Friedrich Wilhelms III. in Berlin tätig gewesen. Sein Großvater, Dietrich Wilhelm Goerdeler, arbeitete am Oberlandesgericht Hamm in der Provinz Westfalen. Seit seiner Versetzung 1852 an das Appellationsgericht Marienwerder in der Provinz Westpreußen war die Familie eng mit dem ländlichen Ostelbien verbunden. Der noch in Hamm geborene Vater Julius Goerdeler wuchs in Marienwerder auf und heiratete die Tochter des dortigen Appellationsgerichtsrats Carl Roloff, nachdem er als Offizier der Reserve aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zurückgekehrt war. Aus dieser Ehe gingen vier Söhne (Gustav, Franz, Carl und Fritz) sowie eine Tochter (Else) hervor. Über die Jugendzeit Goerdelers liegen aufgrund seiner erhaltenen Jugenderinnerungen, die er kurz vor seiner Verhaftung 1944 verfasste, detaillierte Quellen vor.
Nach der Geburt des dritten Sohnes Carl gab Julius Goerdeler seine Tätigkeit als Rechtsanwalt in Schneidemühl auf und ergriff die Chance, als Amtsrichter und gleichzeitig als Geschäftsführer der Landwirtschaftsbank „Neue Westpreußische Landschaft“ zu arbeiten. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr wuchs Carl Goerdeler in der kleinen Landstadt Schneidemühl auf, bevor sein Vater 1890 ins nahe Marienwerder versetzt wurde und die Familie dorthin umzog. Am Umfeld der Familie änderte sich jedoch wenig: Ihre Lebensführung war bürgerlich und von provinzieller Einfachheit und Naturverbundenheit geprägt. Sein Vater führte die Familie patriarchalisch-autoritär, kompensiert durch die „liebreizende Würde“ und Lebhaftigkeit der Mutter. Der große Familienzusammenhalt und insbesondere auch die geschlechterspezifische Rollenverteilung bestimmten Goerdelers spätere Auffassungen über die Familie als wichtigste Stütze der Gesellschaft – er selbst nannte dies das „Grunderlebnis“ seiner Kinder- und Jugendzeit. Hinzu kam der „Geist altpreußisch-konservativen Beamtentums“: Goerdeler erfuhr eine Erziehung zu preußischen Tugenden und königstreu-konservativer Grundeinstellung. Auch politische Diskussionen fanden im Hause der Familie häufig statt, besonders, seitdem der Vater 1899 für die Freikonservative Partei in den preußischen Landtag eingezogen war.
Ab 1891 besuchte Goerdeler das humanistische Gymnasium Marienwerder, an dem schon sein Vater das Abitur gemacht hatte. Auch wenn er nicht zu den besten Schülern gehörte, so beurteilte er im Rückblick seine Schulzeit doch als „vorzüglich“. Am humanistischen Gymnasium erwarb er eine bürgerlich ästhetisch-geschichtlich ausgerichtete Bildung. Besonders die Kultur des antiken Griechenlands und die friderizianisch-protestantische Tradition standen im Vordergrund. Am 22. März 1902 legte Carl Goerdeler dort die Reifeprüfung erfolgreich ab.
Anschließend meldete er sich, der Mode der Jahrhundertwende folgend, zur Offiziersausbildung bei der kaiserlichen Marine. Er verbrachte aber nur wenige Monate als Schüler der Marineakademie in Kiel, da ihn „furchtbares Heimweh“ packte. Nach dem kurzen Zwischenspiel als Marinesoldat entschloss sich Goerdeler, die Familientradition fortzusetzen und Jurist zu werden.
Studium in Tübingen und Königsberg
Am 13. November 1902 nahm Goerdeler an der Eberhard Karls Universität Tübingen ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Dort hatten bereits seine beiden älteren Brüder studiert, und wie sie wechselte auch Carl nach drei Semestern die Universität: 1905 ging er an die Albertina nach Königsberg. Die juristischen Fakultäten dieser beiden Hochschulen galten als besonders konservativ und elitär. Neben Vorlesungen der Rechtswissenschaft besuchte Goerdeler auch historische, da er sich sehr für die Geschichte des 19. Jahrhunderts, insbesondere für die Preußischen Reformen, interessierte. Dieses historische Interesse prägte später auch seine politischen Ansichten.
In Tübingen trat er der „Akademischen Turnerschaft Eberhardina“ (heute: Alte Turnerschaft Eberhardina-Markomannia) bei. Im Kaiserreich bildeten die Verbindungen die zentralen Institutionen des studentischen Lebens. Die „Eberhardina“, der auch Goerdelers Brüder angehörten, war eine 1884 gegründete, freie, farbentragende und pflichtschlagende Turnerverbindung. Zu seinen Kommilitonen gehörte Eugen Bolz, der als Zentrumspolitiker 1928 bis 1933 württembergischer Staatspräsident war und später im Widerstandskreis des 20. Juli mitwirkte. Zum Sommersemester 1904 wechselte Goerdeler nach Königsberg und legte dort am 31. Oktober 1905 sein erstes Staatsexamen mit dem Prädikat „befriedigend“ ab, was damals im zweiten juristischen Staatsexamen eine anerkennenswerte Note war. Wenige Tage später erfolgte seine Ernennung zum Referendar. In Königsberg lernte er die Arzttochter Anneliese Ulrich (1888–1961) kennen, mit der er sich 1903 verlobte. Er war Mitglied der Verbindung Rossitten, aus der 1926 die Fliegerschaft Preußen hervorging.
Vom 1. November 1905 bis zum 30. September 1906 diente Carl Goerdeler als Einjährig-Freiwilliger beim 1. Ostpreußischen Feldartillerie-Regiment Nr. 16. Danach begann er mit einer praktischen Ausbildung als Referendar. Er absolvierte seinen Vorbereitungsdienst in Fischhausen, Braunsberg, Königsberg und Marienwerder. Neben seinem Referendariat fand Goerdeler die Zeit, zum Thema Das Bewusstsein der Pflichtwidrigkeit im Schuldinhalte und Behandlung in der Literatur und den wichtigsten deutschen Gesetzbüchern des 19. Jahrhunderts zu promovieren. 1907 reichte er die Dissertation bei Robert von Hippel an der Universität Göttingen ein. Insgesamt erhielt er hierfür aber nur die Note „rite“.