An diesem Tag

Bruno Topff

Deutscher Marinesoldat, Vorsitzender des Sønderborger Soldatenrates

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Bruno Gustav Eugen Topff (* 2. November 1886 in Potsdam; † 9. November 1920 in Sonderburg/Sønderborg, heute Dänemark) war ein deutscher Uniformschneider und Marinesoldat. Vom 6. bis zum 9. November 1918 war er Vorsitzender des Sønderborger Soldatenrates und setzte in dieser Position die Novemberrevolution auf der Insel Alsen (Nordschleswig) unblutig durch. Nach einer unhistorischen, aber im regionalen Gedächtnis weit verbreiteten Legende rief Bruno Topff angeblich die „Republik Alsen“ und sich selbst zu deren Präsident aus.

Leben und Wirken bis Ende 1918

Bruno Topff wurde 1886 in Potsdam als der Sohn des Baumeisters Arved Topff und seiner Frau Louise geboren. Der Vater kann nur ein bescheidenes Baugeschäft geführt haben, denn er musste von Potsdam nach Berlin-Rahnsdorf übersiedeln, um dem Konkurrenzdruck auszuweichen. Sonst hätte er seinen Sohn Bruno wohl auch nicht in die Lehre zu einem Schneider gegeben. Bruno Topff avancierte schließlich zum Oberschneidergast, wie man damals einen Matrosen nannte, der für die Schneiderwerkstatt eines Kriegsschiffes oder einer Kaserne verantwortlich war. Anfang November 1918 lag er schwer lungenkrank im Marinelazarett Sonderburg. Am 5./6. November 1918 gelangte die Kunde vom Kieler Matrosenaufstand nach Sonderburg auf Alsen, wo zwischen 4000 und 5000 Marine- und auch Infanteriesoldaten in der Marinestation Sonderburg stationiert waren. Topff verließ daraufhin das Lazarett (angeblich durch einen Sprung aus dem Fenster) und wurde am 6. November zum Vorsitzenden des Soldatenrates gewählt.

Topffs erste Sorge galt der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Er ließ Marinewachen auf den Straßen aufstellen und verbot den Alkoholausschank, zweifellos um zu verhindern, dass die in Sonderburg stationierten Soldaten sich nun im Rausch ihrer neugewonnenen Freiheit betranken und alkoholisiert durch die Straßen zogen. Seiner politischen Einstellung nach Kommunist bzw. Anhänger des Spartakusbundes, ließ Topff die Marinestation Sonderburg und ihre Schiffe nicht mehr mit der Reichskriegsflagge, sondern mit einer roten Fahne beflaggen. Am Morgen des 7. November besuchte Topff im beschlagnahmten Wagen des Landrats Kurt Schönberg Banken, Sparkassen und das Postamt, um die Kassenbestände festzustellen. Weiter verbot Topff die Lebensmittelausfuhr aus Alsen und ließ aus örtlichen Beständen je eine Portion Butter an alle Familien der Stadt verteilen. Außerdem ließ Topff am 7. November den Hauptmann Specht verhaften, der mit seinen Soldaten gegen die Revolutionäre vorgehen wollte. Aus Sicht der meuternden Matrosen hatte Topff damit eine „Konterrevolution“ verhindert. Schließlich besuchte Topff zahlreiche Versammlungen auf den Dörfern der Insel und sprach über die Revolution. Jedoch dauerte das Regime Topff keine 70 Stunden: Schon am 9. November 1918 musste er aus gesundheitlichen Gründen den Vorsitz des Soldatenrates abgeben.

Der Hofbesitzer Ernst Christensen aus Asserballe suchte Topff während seiner kurzen Herrschaft einmal in der Marinestation Sonderburg auf. Topffs Büro befand sich dort in einer gewöhnlichen Mannschaftsstube, wo quer im Raum ein großer Tisch aufgestellt war. Vor Ernst Christensen warteten noch ein halbes Dutzend andere Leute darauf, Topff ihr Anliegen vorzutragen. Christensen fand es interessant zu beobachten, was sie vorzubringen hatten, und gab hierüber später folgenden Bericht, der leicht gekürzt und übersetzt lautet (im dänischen Originaltext sind die Zitate Topffs meist auf Deutsch):

Die geschilderten Szenen müssen sich am 7. November 1918 abgespielt haben, denn an diesem Morgen landete das beschriebene Wasserflugzeug aus Kiel, eine Albatros W.4, welches die von Noske gezeichneten Beschlüsse des dortigen Soldatenrates mitbrachte.

Leben nach der Novemberrevolution

Topff wurde im Dezember 1918 verhaftet und vor das Kriegsgericht der Stadt Schleswig gestellt. Dort wurde er am 19. Januar 1919 freigesprochen, weil sich der Verdacht auf strafbare Handlungen nicht bestätigt hatte und weil seine friedliche Revolution „vielleicht Radikalere daran gehindert hatte, die Macht zu erobern“, wie es in der Urteilsbegründung hieß.

Topff kehrte nach Sonderburg zurück und eröffnete dort ein Schneidergeschäft. Im Februar/März 1919 fanden bei ihm nach anonymen Denunziationen mehrere ergebnislose Hausdurchsuchungen nach illegalen Waffen statt. Daraufhin schrieb Topff am 20. März einen Leserbrief, der am 2. April in der Sonderburger Zeitung veröffentlicht wurde und in welchem er sich nicht als Revolutionär, sondern als Wahrer von Recht und Ordnung darstellte:

Am 5. November 1920 wurde Topff in die Krankenhausabteilung der dänischen Kriegsinvalidenschule in Sonderburg eingeliefert. Kurz darauf, am 9. November 1920, erlag er hier seiner Lungentuberkulose. Seine Witwe Anni Topff meldete sich noch am selben Tag nach Berlin ab. Die sterblichen Überreste ihres Mannes überführte sie sogleich per Fährschiff und Eisenbahn nach Berlin, wo sie diese auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Kirchhof bestattete. Die Bruno-Topff-Gesellschaft und die Kommune Sønderborg ließen am 6. November 1993, zum 75. Jahrestag von Toppfs „Herrschaftsantritt“, auf seiner Familiengrabstätte in Berlin eine Gedenkplatte anbringen, die den „Matrose[n] Bruno Topff“ mit seinen Lebensdaten als „"Präsident" auf der Insel Alsen Nordschleswig 7.–9.11.1918“ würdigt.

Der spätere Reichswehrminister Gustav Noske war während des Kieler Matrosenaufstands 1918 vom 5. bis zum 6. November vorläufiger Vorsitzender des Soldatenrats in Kiel. Am 7. November übernahm Lothar Popp den Vorsitz im Obersten Soldatenrat und Noske ersetzte Admiral Souchon als Gouverneur. Im Jahr 1920 veröffentlichte Noske nach seinem erzwungenen Rücktritt seine Erinnerungen und Rechtfertigungen, in denen er Topff – ohne ihn namentlich zu nennen – als Halbverrückten darstellte:

Historiker bezweifeln Noskes Darstellung aus mehreren Gründen: Als Vorsitzender des Kieler Soldatenrates besaß er formal keinerlei Befugnis, seinen Sønderborger Kollegen abzusetzen. Wie es ihm möglich gewesen soll, Topff in dessen nur 70-stündiger Herrschaft zweimal einweisen und schließlich verhaften zu lassen, bleibt ebenfalls rätselhaft. Gerade der geordnete Verlauf der Novemberrevolution auf Alsen dürfte keinen Grund zum Eingreifen geboten haben. Auch eine Verwechslung ist möglich, denn Noske gibt in seinem Buch mehrere Fälle an, bei denen er seiner Darstellung zufolge Menschen inhaftieren ließ oder mit Inhaftierung bedrohte.

Dass Topff sich zum Präsidenten einer Republik Alsen ausgerufen haben soll, wird von zeitgenössischen Dokumenten nicht gestützt, sondern erst in nachträglichen Berichten behauptet wie z. B. bei A. Thyssen, der fast 50 Jahre nach den Ereignissen – aus dem Dänischen übersetzt – schreibt (1966):

Wichtige Details wie die Republikausrufung im Lazarettkittel oder Topffs angebliche Prahlerei, in Kiel an der Erschießung von 600 Offizieren beteiligt gewesen zu sein, beruhen laut dem Autor Robert Huhle auf der nicht korrekten Erinnerung des Zeitzeugen: „Man stelle sich einen Mann vor, der behauptet, daß er in gestreifter Lazarettwäsche in Kiel an einem lustigen Blutbad teilgenommen habe!“ Dass Topff keine staatliche Selbständigkeit für die Insel Alsen angestrebt haben kann, ergibt sich u. a. daraus, dass er gleich am 6. November 1918 Noske telegraphisch um 100.000 Mark zur Entlohnung und Verpflegung seiner Mannschaften ersuchte und am 7. November einem Befehl aus Kiel nachkam, alle Sønderborger Flotteneinheiten nach Kiel auslaufen zu lassen, was der Präsident einer selbständigen Republik gewiss nicht getan hätte. Wahrscheinlich war es die Kunde von der Ausrufung der Republik in Deutschland am 9. November 1918, die von einigen Bewohnern Alsens missverstanden und lokalpatriotisch auf ihre eigene Insel bezogen wurde.

Dorrit Andersen: „Præsident“ Topff og republikken Als – endnu engang. In: Sønderjyske Årbøger. 1985, S. 97–136.

Christian Bo Bojesen: Præsident Bruno Topff og republikken Als i 1918. In: 19 myter i Sønderjyllands historie. Laursen, Aabenraa, Tønder 2002, ISBN 87-7406-073-2, S. 171–182.

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