Bruce Lee (chinesisch 李小龍 / 李小龙, Pinyin Lǐ Xiǎolóng, Jyutping Lei5 Siu2lung4, kantonesisch Lee Siu-lung; * 27. November 1940 in San Francisco; † 20. Juli 1973 in Hongkong; geboren als Lee Jun-fan 李振藩, Lǐ Zhènfán, Jyutping Lei5 Zan3faan4) war ein sinoamerikanischer Schauspieler, Kampfkünstler und Kampfkunst-Ausbilder. Er gilt als Ikone des Martial-Arts-Films und wird von vielen als größter Kampfkünstler des 20. Jahrhunderts angesehen. Er entwickelte den Kampfkunststil Jeet Kune Do.
Bruce Lee wurde am 27. November 1940 im Chinese Hospital von Chinatown in San Francisco als viertes Kind des chinesischen Schauspielers Lee Hoi-chuen (李海泉, Lǐ Hǎiquán, Jyutping Lei5 Hoi2cyun4, kantonesisch Li Hoi Chuen) und der Deutsch-Chinesin Grace Ho (何愛瑜 / 何爱瑜, Hé Àiyú, Jyutping Ho4 Oi3jyu4) geboren. Da er in den Vereinigten Staaten zur Welt kam, hatte er neben der chinesischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Seine Mutter war die Tochter von Ho Kom-tong (何甘棠, Hé Gāntáng, Jyutping Ho4 Gam1tong4) und die Nichte von Robert Ho-Tung (何東爵士 / 何东爵士), die beide angesehene Geschäftsleute in Hongkong waren.
Im chinesischen Sprachgebrauch nennt man den Familiennamen zuerst, der Geburtsname von Bruce Lee lautet daher im Kantonesischen Lee Jun-fan (李振藩). „Jun“ (振, zhèn, Jyutping zan3) bedeutet wörtlich „antreiben, anspornen, aufrütteln, abschütteln, erschüttern, entfachen, inspirieren“, die Silbe „Fan“ (藩, fān, Jyutping faan6) bedeutet wörtlich „Gartenzaun“ und bezieht sich auf die kantonesische Bezeichnung für San Francisco (kantonesisch 三藩市, Jyutping Saam1faan4 Si5, Pinyin Sānfān Shì). „Jun-fan“ bedeutet also etwa „sich inspirieren und antreiben dadurch San Francisco (USA) bereichern“ und somit zum „Wohlstand kommen“. Während seiner Kindheit wurde er oft, vor allem in der Familie, „Sai-fon – kleiner Phönix“ (細鳳 / 细凤, Xìfèng, Jyutping Sai3fung6) genannt, ein weiblich klingender Name, der eigentlich sowohl weiblich als auch männlich sein kann. Der Grund war, dass der erste Sohn von Bruces Eltern bereits als Kind verstorben war. Sie glaubten, die Götter könnten ihnen nun womöglich auch noch diesen Sohn nehmen. Darum erhielt er einen Mädchennamen, um die Götter „auszutricksen“. Manchmal wurde er in der Familie auch „Mo Si Ting“ (kant. 冇時停 / 冇时停, Jyutping mou5si4ting4) genannt, was so viel wie „sich nie ruhig hinsetzen“, „ständig aktiv sein“ bedeutet und seine Persönlichkeit treffend beschrieb. Seinen weltbekannten englischen Namen „Bruce“ erhielt er vermutlich von der Ärztin Mary Glover; allerdings nutzte er diesen erst später, vor allem während seiner Zeit in den USA.
Lees Vater Lee Hoi-chuen war seinerzeit einer der führenden Schauspieler in der kantonesischen Oper und regionalen Filmen, weshalb er häufig mit Opern in der ganzen Welt unterwegs war. So bereiste er auch die Vereinigten Staaten und trat dort in zahlreichen chinesischen Gemeinden auf. Zu dieser Zeit griff der Zweite Weltkrieg auf Hongkong über und mündete in der Besetzung Hongkongs durch japanische Truppen. Obwohl viele seiner Schauspielkollegen deshalb in den USA blieben, reisten Lee Hoi-chuen und seine Frau drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes nach Hongkong zurück und verbrachten „drei Jahre und acht Monate“ (三年零八個月) unter japanischer Herrschaft. Die lange Überfahrt nach Hongkong und der Wechsel der klimatischen Bedingungen machten dem in seiner frühen Kindheit kränkelnden Bruce zu schaffen. Nach der japanischen Kapitulation und Wiederherstellung der britischen Verwaltung begann Lee Hoi-chuen wieder mit der Schauspielerei und erlangte während der Zeit des Wiederaufbaus Hongkongs größere Berühmtheit.
Lees Mutter Grace Ho stammte von den Ho-tungs ab, einem der reichsten und mächtigsten Clans von Hongkong. Sie war die Nichte von Sir Robert Ho-tung, dem Patriarchen des Clans.
So wuchs der junge Bruce Lee zwar in einem wohlhabenden und privilegierten Umfeld auf, aber dennoch prägte ihn die japanische Besatzung sehr. Lees Mutter erzählte oft, dass ihr damals noch nicht fünfjähriger Sohn auf den Balkon ihres Hauses ging und seine Faust gegen die am Himmel kreisenden japanischen Zeros erhob. Nach dem Ende des Krieges und der Rückkehr der britischen Herrschaft verkam Lees Viertel zu einer überfüllten, gefährlichen und von Banden-Rivalitäten geprägten Umgebung, was vor allem durch die enormen Flüchtlingsmassen verursacht wurde, die nach der Gründung der kommunistischen Volksrepublik China Zuflucht in der britischen Kronkolonie Hongkong suchten.
Nach Absolvierung der Grundschule wurde Lee mit zwölf Jahren in Hongkong auf einer renommierten katholischen Knabenschule, dem La Salle College – 喇沙書院 / 喇沙书院 – in Kowloon, zugelassen. Als Jugendlicher wurde Lee, wie so viele andere junge Chinesen damals in Hongkong, von englischen Mitschülern unfreundlich behandelt und verspottet, weil sie sich den Chinesen überlegen fühlten. Aufgrund seines rebellischen Naturells ließ sich Bruce Lee das nicht gefallen und verhöhnte mit seinen Freunden wiederum die englischen Mitschüler, was dann meist zu Schlägereien führte. Diese Erfahrung prägte ihn, und er entschloss sich, eine Kampfkunst zu erlernen. Sein erster Lehrer war sein Vater, der ihn die Grundlagen des Wu-Stils des Taijiquan lehrte. Da die Langsamkeit der Übungen und Bewegungen des Taijiquan aber nicht seiner Natur entsprach, war seine Mutter schließlich bereit, ihm den Unterricht in einer Kampfkunst zu finanzieren.
Mit 13 Jahren wurde Bruce Yip Man vorgestellt, einem der bekanntesten Meister des Wing Chun Kung Fu. Fünf Jahre lang (1954–1959) trainierte er unablässig. Nach nur einem Jahr allerdings weigerten sich die meisten von Yip Mans Schülern, mit Bruce zu trainieren, nachdem sie von seiner gemischten Abstammung erfahren hatten. Zu dieser Zeit war man in China gegen die Unterrichtung nicht-asiatischer Schüler in Kampfkunsttechniken. Bruce’ damaliger Sparring-Partner Hawkins Cheung erklärte, „Probably fewer than six people in the whole Wing Chun clan were personally taught, or even partly taught, by Yip Man“. („Vermutlich wurden im gesamten Wing-Chung-Clan weniger als sechs Leute persönlich von Yip Man trainiert oder überhaupt teilweise von ihm trainiert.“) Trotzdem zeigte Lee großes Interesse an Wing Chun und trainierte privat mit Yip Man und Wong Shun-leung 1955. Er verehrte Yip Man als weisen Lehrmeister und besuchte ihn auch noch in späteren Jahren.
Unter anderem lernte Lee Tritttechniken vom Taekwondo-Meister Jhoon Rhee, da hohe athletische Tritte im Wing Chun nicht gelehrt werden. Lee benutzte seine neuen Fähigkeiten anfangs, um auf seine Widersacher einzuprügeln. Allerdings kam er schnell zu der Einsicht, der wahre Wert einer Kampfkunst sei, durch Fähigkeiten des körperlichen Kampfes Selbstsicherheit aufzubauen bis zu dem Punkt, an dem man nicht mehr das ständige Verlangen spüre, seine Ehre durch Kämpfen zu verteidigen.
Er verbesserte seine Fähigkeiten durch hartes körperliches Training und war so zu enormen Leistungen fähig. Er besiegte zum Beispiel in einer Schulboxmeisterschaft seinen englischen Kontrahenten. Als begnadeter Tänzer gewann er 1958 die Cha-Cha-Cha-Meisterschaft in Hongkong; die flinken Bewegungen dieses Tanzstils sollten später zu einem seiner Markenzeichen werden.
Allerdings hatten unter Bruce’ Begeisterung für Wing Chun, Cha-Cha-Cha und Frauen seine Schulnoten sehr zu leiden. 1956 wurde er schließlich wegen Aufsässigkeit, schlechter Schulnoten und seines Rufs als Störenfried vom La Salle College verwiesen und wechselte zum St. Francis Xavier’s College. Dort nahm er dann auch an einer Schulboxmeisterschaft teil, die von seiner Schule und der britischen King George V High School organisiert wurde. Nach den leichteren Ausscheidungskämpfen traf er auf den dreifachen Champion Gary Elms, den er in der dritten Runde zu Boden schickte. Zu dieser Zeit war die Rivalität zwischen den Schülern der einzelnen Kampfkunst-Schulen ziemlich groß, was oft in Straßenkämpfen mündete. Auch Bruce Lee nahm mit anderen Schülern Yip Mans an diesen teil.
Yip Man versuchte seine Schüler, so gut es ging, von solchen Straßenkämpfen fernzuhalten, und ermutigte sie stattdessen, an fairen sportlichen Wettbewerben teilzunehmen, konnte erstere aber letztendlich nicht gänzlich verhindern. Bei einem dieser Straßenkämpfe schlug Bruce seinem Gegner die Zähne aus (andere Quelle: Kieferbruch) und wurde daraufhin von dessen Eltern angezeigt. Die Polizei übergab Lee der Obhut seiner Eltern mit dem Hinweis, dass bei weiteren Vergehen mit einer Gefängnisstrafe für ihn zu rechnen sei.