An diesem Tag

Brandanschlag Cinema Rex

Brandstiftungsfall im Iran (1978)

Anúncio

Am 19. August 1978 (28. Mordad 1357) wurde ein Brandanschlag auf das Cinema Rex in Abadan im Iran verübt, bei dem 422 Personen zu Tode kamen. Die hohe Anzahl der bei dem Brand Getöteten löste gewalttätige Proteste erst in Abadan und später im ganzen Iran aus. Die Oppositionsbewegung behauptete, dass der Anschlag vom Geheimdienst SAVAK im Auftrag von Mohammad Reza Schah begangen worden sei. Bereits vor der Islamischen Revolution konnte geklärt werden, dass Mitglieder der Geistlichkeit aus Qom auf Anweisung Chomeinis den Anschlag in Auftrag gegeben hatten. Der Anschlag auf das Cinema Rex in Abadan war Teil einer Serie von 28 Brandanschlägen, die an diesem Tag im ganzen Iran stattfanden. Das Datum des 28. Mordad war von den Planern der Brandanschläge gewählt worden, um an den 25. Jahrestag des Sturzes von Mohammad Mossadegh, den 28. Mordad 1332 (19. August 1953), zu erinnern.

Das Feuer brach während einer Vorstellung des 1976 im Iran produzierten sozialkritischen Schwarz-Weiß-Films Gavaznha (Hirsche) des Regisseurs Masoud Kimiai mit Behrouz Vossoughi, Faramarz Gharibian und Nosrat Partovi aus. Der Film erzählt die Geschichte des Einbrechers Qodrat, der nach einem Einbruch von der Polizei verfolgt wird und sich und das Diebesgut im Haus seines Freundes Rasul verstecken will. Qodrat will seinem drogenabhängigen Freund helfen, sich von den Drogen zu lösen. Als die Polizei vor dem Haus erscheint, denkt Qodrat, dass Rasul ihn verraten habe, und erschießt ihn. Als er erkennt, dass sein Freund Rasul unschuldig ist, stellt er sich der Polizei. Im Originaldrehbuch endet der Film mit einem dramatischen Schusswechsel zwischen Qodrat und der Polizei, bei der Qodrat ums Leben kommt. Nach Auflagen der Zensur wurde der Schluss der im Iran gezeigten Version dahingehend geändert, dass Qodrat sich der Polizei stellt.

Obwohl Feuerwehr und Polizei sofort zur Stelle waren, gelang es nicht, das Feuer zu löschen oder die Eingeschlossenen zu befreien. Polizei und Staatsanwaltschaft nahmen unmittelbar nach der Beendigung der Löscharbeiten die Ermittlungen auf.

Gerüchte machten die Runde. Die Türen des Kinos seien mit Ketten verriegelt gewesen und deswegen hätten die Kinobesucher nicht ins Freie gelangen können. Auch sei die Feuerwehr erst zwanzig Minuten nach dem Feueralarm mit leeren Tankwagen am Brandort eingetroffen. Passanten, die versucht hätten, in das brennende Kino zu gelangen, um den Eingeschlossenen zu helfen, seien von der Polizei daran gehindert worden.

Die Bevölkerung von Abadan stand unter Schock. Die Anzahl der bei dem Brandanschlag getöteten Personen wurde zunächst mit 377 angegeben. Später wurde die Zahl auf 430 Tote korrigiert. Das Personal des Friedhofs von Abadan sprach von 600 Toten, die nach dem Brand beerdigt worden seien. Das Kino gab die Zahl der verkauften Eintrittskarten mit 650 an. Viele Opfer waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, so dass eine Identifizierung und namentliche Bestattung praktisch ausgeschlossen war.

Mohammad Reza Schah sprach anlässlich des Brandanschlages von der Großen Angst, die im Iran bald herrschen würde, wenn die Opposition an die Macht käme. Er wollte damit den Unterschied gegenüber seiner Zukunftsvision für den Iran, der Großen Zivilisation, deutlich machen. Die Regierung unter Premierminister Dschamschid Amusegar wirkte wie gelähmt. Schahbanu Farah Pahlavi wollte sich umgehend nach Abadan begeben, um die Familien der Opfer zu besuchen und ihnen ihr Beileid auszusprechen. Premierminister Amusegar hielt es aber für besser, erst einmal die Ermittlungsergebnisse abzuwarten.

In dieser Situation von Schock und Trauer meldete sich drei Tage nach dem Brandanschlag Chomeini aus seinem Exil im Irak mit einem offenen Brief an die Einwohner von Abadan zu Wort. In diesem Brief schrieb er unter anderem, dass er der Überzeugung sei, dass kein Muslim der Urheber einer solch grausamen Katastrophe sein könne. Es sei ganz klar, dass die Hände des grausamen Systems am Werk seien, um die islamische Bewegung in ein schlechtes Licht zu rücken. Einen Tag vorher, am 21. August, hatte Chomeini an die Mitglieder von Nehzat Azadi, einer Partei der Nationalen Front, und ihren Führer Mehdi Bazargan geschrieben, dass Mohammad Reza Schah mit Brand und Zerstörung die sich für die Gerechtigkeit einsetzende iranische Widerstandsbewegung vor der Welt schlecht machen wollte. Es sei ihre Pflicht, seine satanischen Pläne in der Welt bekannt zu machen, und es nicht zu erlauben, dass ihre humane islamische Bewegung beschmutzt werde.

Die Oppositionsbewegung begann daraufhin Demonstrationen im ganzen Land zu organisieren. In Deutschland, Belgien, Dänemark und den Niederlanden besetzten iranische Studenten zusammen mit deutschen, belgischen, dänischen oder niederländischen Kommilitonen die Botschaftsgebäude des Iran und forderten den Rücktritt des Schahs. Am 27. August bot Premierminister Amusegar seinen Rücktritt an. Mohammad Reza Schah nahm das Rücktrittsgesuch an, eine Entscheidung, die er später bereute. Neuer Premierminister wurde Dschafar Scharif-Emami.

Chomeini war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Um der Welt klarzumachen, wer der wahre Schuldige des Brandanschlags von Abadan ist, gab er am 14. September 1978 einem Radioreporter von Radio-TV-France folgendes Interview:

Ermittlungen vor der Islamischen Revolution

Bei so viel Politik schienen die eigentlichen Ermittlungen zu dem Brandanschlag aus dem Blickfeld zu geraten. Siavash Amini Ale Agha, Polizeioberst, Direktor der Informationsabteilung der Polizei und Antiterror-Experte, war sofort nach dem Ende der Löscharbeiten an den Ort des Geschehens geeilt, um nach Spuren eines möglichen Brandanschlages zu suchen und eventuelle Beweise zu sichern. Er fand einige zerbrochene Flaschen in der Lobby des Kinos. Bei den Ermittlungen sagte er aus, dass es sich um eine genau geplante Brandstiftung gehandelt haben müsse. In seinem Bericht schrieb er, dass als erstes die Holztüren des Zuschauerraums in Brand gesteckt worden seien. Die Wände des Kinos waren vollständig aus Holz gewesen und hatten deshalb schnell in Flammen gestanden. Auf den hölzernen Wänden war eine PVC-Verkleidung angebracht, die sofort Feuer gefangen haben musste. Die Versuche der Feuerwehr, den Brand von außen zu löschen, mussten nach seiner Einschätzung fehlschlagen, da das Feuer innerhalb weniger Minuten den gesamten Zuschauerraum erfasst haben musste. Für Polizei und Helfer war eine Rettung der Eingeschlossenen aufgrund der Baukonstruktion des Kinos faktisch ausgeschlossen. Das Kino war im ersten Stock einer Einkaufspassage gelegen. Der Eingang zum Kino lag im Innern der Passage. Über eine Treppe gelangte man in eine L-förmige Lobby, von der drei Türen in den Zuschauerraum gingen. Im hinteren Teil des Zuschauerraums war ein einziger Notausgang, der über eine Treppe ins Freie führte. In der Regel war der Notausgang verschlossen. Nach dem Ende einer Vorstellung verließen die Zuschauer das Kino über dieselbe Treppe, die auch als Aufgang diente. Im Falle eines Brandes der Türen des Zuschauerraums gab es keine weitere Möglichkeit, den Zuschauerraum zu verlassen.

Hossein Takbalizadeh, der später als einer der Täter ermittelt werden konnte, blieb zunächst einige Tage unbehelligt in Abadan und fuhr dann nach Bandar Abbas, um weiterer Verfolgung zu entgehen. Drei Monate nach dem Brand kehrte er nach Abadan zurück. Nach seiner Rückkehr aus Bandar Abbas erzählte er seinen Freunden und seiner Mutter, dass er an dem Brand des Cinema Rex beteiligt gewesen sei. Seine Mutter erzählte dies wiederum einer Bekannten, die umgehend wieder ihren Bekanntenkreis informierte. Bereits nach wenigen Tagen wusste die ganze Stadt, wer das Feuer des Cinema Rex gelegt hatte. Hossein Takbalizadeh wurde im November 1978 von der Polizei verhaftet und blieb bis zur Islamischen Revolution ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis.

Bei seiner Vernehmung sagte Hossein Takbalizadeh wie folgt aus:

Der Täter war gefunden und der Prozess gegen Hossein Takbalizadeh hätte beginnen können. Doch auf den unteren Etagen der örtlichen Abteilung des Justizministeriums blockierte man alle weiteren Schritte. Premierminister Scharif-Emami, der ein Regierungsprogramm der nationalen Versöhnung verkündet hatte, fiel nicht weiter auf, dass das Verfahren in der Sache Cinema Rex nicht voranging. Ein Gerichtsverfahren, das Mohammad Reza Schah als Auftraggeber und den SAVAK als Täter hätte entlasten können, aber die revolutionäre Geistlichkeit, insbesondere Chomeini, als Auftraggeber des Brandanschlags belastet hätte, kam nicht zu Stande. Der erst im Juni 1978 neu ins Amt gekommene Direktor des SAVAK Nasser Moghadam verhinderte die Veröffentlichung der bisherigen Ermittlungsergebnisse, welche die Geistlichkeit schwer belastet hätte. Offensichtlich glaubte die Regierung, dass die die Geistlichkeit belastenden Ergebnisse der Ermittlungen zu den Hintermännern des Brandanschlags in Abadan den Erfolg der Versöhnungspolitik des Premierministers konterkarieren würden. Es musste also bereits vor dem Sturz des Schahs klar gewesen sein, dass höchste Kreise der Geistlichkeit aus Qom in den Brandanschlag in Abadan verwickelt waren.

Anúncio

Bald in der World in Stories App

Audio, Offline-Download, keine Werbung und mehr.

Premium entdecken