Der Boxeraufstand, auch Boxerkrieg (chinesisch 義和團運動 / 义和团运动, Pinyin Yìhétuán Yùndòng – „Bewegung der Verbände für Gerechtigkeit und Harmonie“) genannt, war ein bewaffneter Konflikt zwischen den chinesisch-nationalistischen Yihetuan
(義和團 / 义和团, Yìhétuán – „Verband für Gerechtigkeit und Harmonie“) bzw. Yihequan (義和拳 / 义和拳, Yìhéquán – „Fäuste der Gerechtigkeit und Harmonie“) und westlichen Großmächten. Das gewaltsame Vorgehen der Yihetuan, die aufgrund ihrer traditionellen Kampfkunstausbildung im Westen als „Boxer“ bezeichnet wurden, gegen christliche Missionare und andere Vertreter westlicher Staaten, entwickelte sich zu einem Krieg zwischen dem Kaiserreich China und den europäischen Großmächten, den USA und Japan.
Nach dem Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg von 1895 fürchteten die Dorfbewohner in Nordchina die Ausdehnung ausländischer Einflusssphären und ärgerten sich über die Ausweitung der Privilegien für christliche Missionare, die diese zur Expansion nutzten. 1898 wurde Nordchina von mehreren Naturkatastrophen heimgesucht, darunter die Überschwemmung des Gelben Flusses und Dürreperioden. Die Boxer machten ausländische und christliche Einflüsse für diese Katastrophen verantwortlich. Ab 1899 verbreiteten die Boxer in Shandong und in der nordchinesischen Tiefebene Gewalt, zerstörten ausländisches Eigentum, griffen christliche Missionare und chinesische Christen an und ermordeten einige von ihnen. Die Ereignisse spitzten sich im Juni 1900 zu, als Boxer-Kämpfer, die überzeugt waren, gegen ausländische Waffen unverwundbar zu sein, unter der Parole „Unterstützt die Qing-Regierung und vernichtet die Ausländer“ Peking angriffen. Diplomaten, Missionare, Soldaten und einige chinesische Christen flüchteten in das Gesandtschaftsviertel und wurden 55 Tage lang von der Kaiserlichen Armee Chinas und den Boxern belagert.
Eine Acht-Nationen-Allianz aus amerikanischen, österreichisch-ungarischen, britischen, französischen, deutschen, italienischen, japanischen und russischen Truppen rückte in China ein, um die Belagerung des Gesandtschaftsviertels zu durchbrechen und die dort festsitzenden Zivilisten zu retten. Die Kaiserinwitwe Cixi, die zunächst gezögert hatte, unterstützte nun die Boxer und erließ am 21. Juni ein kaiserliches Dekret, mit dem sie den Invasionsmächten den Krieg erklärte. Die chinesische Beamtenschaft war gespalten zwischen denjenigen, die die Boxer unterstützten, und denjenigen, die für eine Versöhnung eintraten, angeführt von Prinz Qing. Der Oberbefehlshaber der chinesischen Streitkräfte, Mandschu-General Ronglu, behauptete später, er habe zum Schutz der Fremden gehandelt. Die Beamten in den südlichen Provinzen ignorierten den kaiserlichen Befehl, gegen die Ausländer zu kämpfen.
Nachdem die alliierten acht Staaten zunächst von der kaiserlich-chinesischen Armee und der Boxermiliz zurückgeschlagen worden waren, brachten sie 20.000 bewaffnete Soldaten nach China, besiegten die kaiserliche Armee in Tianjin und erreichten am 14. August Peking, wo sie die Belagerung der Gesandtschaften aufhoben. Es folgten Plünderungen in der Hauptstadt und im Umland sowie summarische Hinrichtungen von Personen, die verdächtigt wurden, Boxer zu sein. Das Boxerprotokoll vom 7. September 1901 sah die Hinrichtung von pro-boxerischen Regierungsbeamten vor, die Stationierung ausländischer Truppen in Peking und 450 Millionen Tael Silber – etwa 10 Milliarden Dollar zum Silberpreis von 2018 und mehr als das jährliche Steueraufkommen der deutschen Regierung –, die China im Laufe der nächsten 39 Jahre als Entschädigung an die acht beteiligten Nationen zahlen sollte. Der Umgang der Qing-Dynastie mit dem Boxeraufstand schwächte ihre Kontrolle über China weiter und veranlasste die Dynastie, in der Folgezeit umfangreiche Regierungsreformen durchzuführen.
Von chinesischen Autoren wurde unmittelbar nach dem Aufstand die These verbreitet, die „Boxer“ seien ein Ableger der rebellischen Sekte Weißer Lotus, die 1795 bis 1804 einen substanziellen Aufstand organisiert hatte. Heute herrscht die Auffassung vor, dass es sich bei den „Boxern“ um eine soziale Bewegung handelte, die sich zwischen 1898 und 1900 als unmittelbare Reaktion auf die Krisenstimmung gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebildet hatte. Die Fäuste der Gerechtigkeit und Harmonie (Yìhéquán) entstanden im Landesinneren der nördlichen Küstenprovinz Shandong, einer Region, die lange Zeit von sozialen Unruhen, religiösen Sekten und Kampfverbänden geplagt war. Amerikanische christliche Missionare waren wahrscheinlich die ersten, die die trainierten, athletischen jungen Männer als Boxer bezeichneten und zwar aufgrund der von ihnen praktizierten Kampfkünste und Waffentrainings. Ihre primäre Praxis war eine Art „spirituelle Besessenheit“, die das Wirbeln von Schwertern, Niederwerfungen und das Singen von Beschwörungsformeln an Gottheiten beinhaltete.
Die Möglichkeit, gegen das Eindringen des Westens und die Kolonialisierung zu kämpfen, war für die arbeitslosen und meist noch jugendlichen Dorfbewohner besonders attraktiv. Die Tradition der spirituellen Besessenheit und der religiöse Glaube der Boxer, unverwundbar zu sein, reichten mehrere hundert Jahre zurück und erhielten angesichts der neuen Waffen des Westens eine besondere Bedeutung. Die mit Gewehren und Schwertern bewaffneten Boxer behaupteten, auf übernatürliche Weise unverwundbar gegen Kanonen, Gewehrschüsse und Messerangriffe zu sein. Außerdem verbreiteten sie im Volksmund, dass Millionen von Soldaten vom Himmel herabsteigen würden, um ihnen bei der Befreiung Chinas von ausländischer Unterdrückung zu helfen.
Im Jahr 1895 arbeitete Yuxian, ein Mandschu, der damals Präfekt von Caozhou war und später Provinzgouverneur wurde, trotz seiner ambivalenten Haltung gegenüber ihren heterodoxen Praktiken mit der Gesellschaft der Großsäbel (Dàdāo Huì) zusammen, deren ursprünglicher Zweck die Bekämpfung von Banditen war. Die Missionare der „Deutschen Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ hatten ihre Präsenz in der Region ausgebaut, indem sie einen großen Teil der Konvertiten aufnahmen, die Schutz vor dem Gesetz benötigten. Bei einer Gelegenheit im Jahr 1895 gab eine große Banditenbande, die von der „Gesellschaft der Großsäbel“ besiegt wurde, vor, Katholiken zu sein, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Der Historiker Paul Cohen weist darauf hin, die Grenze zwischen Christen und Banditen sei immer unschärfer geworden. Einige Missionare wie George Stenz nutzten ihre Privilegien auch, um in Rechtsstreitigkeiten einzugreifen. Die „Großsäbel“ reagierten darauf mit Angriffen auf katholisches Eigentum und brannten es nieder. Aufgrund des diplomatischen Drucks in der Hauptstadt ließ Yuxian mehrere Anführer der „Großsäbel“ hinrichten, bestrafte aber sonst keine weiteren Personen. Danach entstanden weitere kriegerische Geheimbünde.
In den ersten Jahren gab es eine Vielzahl von dörflichen Aktivitäten, aber keine breite Bewegung mit einem einheitlichen Ziel. Martialische volksreligiöse Gesellschaften wie die Baguadao (deutsch: „Acht Trigramme“) bereiteten den Weg für die Boxer. Wie die Rote Boxerschule oder die Pflaumenblüten-Boxer waren die Boxer von Shandong mehr an traditionellen sozialen und moralischen Werten wie der kindlichen Pietät interessiert als an ausländischen Einflüssen. Ein Anführer, Zhu Hongdeng (von der Roten Laterne Zhu), begann als Wanderheiler, der sich auf Hautgeschwüre spezialisierte und sich durch seine kostenlosen Behandlungen großen Respekt verschaffte. Zhu behauptete, von den Kaisern der Ming-Dynastie abzustammen, da sein Nachname der Nachname der kaiserlichen Familie war. Er verkündete, sein Ziel sei es, die „Qing wiederzubeleben und die Ausländer zu vernichten“ (chinesisch 扶清滅洋 fu Qing mie yang).
Konflikte zwischen Christen und Nichtchristen entstanden in China bereits nach Etablierung der ersten christlichen Gemeinden, als die Christen sich weigerten, lokale (informelle) Steuern zu bezahlen, die vorwiegend für religiöse Zwecke verwendet wurden. Zunehmende Zerwürfnisse zwischen diesen Kontrahenten führten vereinzelt bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hinzu kamen innerhalb kurzer Zeit zwei Kriege, bei denen China von westlichen Staaten angegriffen wurde: Der Erste Opiumkrieg (1839 bis 1842) gegen Großbritannien und der Zweite Opiumkrieg (1856 bis 1860) gegen Großbritannien und Frankreich. Diese Kriege schürten die chinesischen Vorbehalte gegenüber den christlichen, westlichen Ausländern weiter. Man entschied, dass die „primären Teufel“ die christlichen Missionare und die „sekundären Teufel“ die chinesischen Konvertiten zum Christentum waren. Beide mussten widerrufen, vertrieben oder getötet werden.