Boris Mitrofanovič Velichkovsky (russisch Борис Митрофанович Величковский ‚Boris Mitrofanowitsch Welitschkowski‘; * 26. Juni 1947 in Noginsk; † 5. Januar 2022 in Moskau) war ein russischer Psychologe und Professor für Ingenieurpsychologie und angewandte Kognitionsforschung an der Technischen Universität Dresden.
Er studierte ab 1966 an der Lomonossow-Universität Moskau und schloss 1971 sein Studium in Psychologie ab; sein Betreuer war Alexander Romanowitsch Lurija. Ebenso beendete er an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Studium der Biophysik; sein dortiger Betreuer war Friedhart Klix. Als Dozent besuchte er Kuwait und Südkorea. Besonders häufig reiste er in die DDR. Nach mehreren Stationen seiner akademischen Laufbahn an der Lomonossow-Universität wurde er 1979/80 auf den Wilhelm-Wundt-Gedächtnislehrstuhl an der Universität Leipzig berufen. Während dieser Zeit begannen während des 22. Internationalen Kongresses für Psychologie in Leipzig seine umfangreichen wissenschaftlichen Kooperationen mit Wissenschaftlern in Deutschland, den Niederlanden, Kanada, den USA und Japan.
In den 1980er Jahren führte Velichkovsky neue Paradigmen der Kognitionsforschung in die russischsprachige Wissenschaftsgemeinschaft ein. Er engagierte sich in interdisziplinären Projekten als Humboldt-Stipendiat 1991 an dem Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld, führte neuropsychologische Studien an der University of Toronto durch und erhielt 1994 eine Professur Ingenieurpsychologie an der Technischen Universität Dresden. Nach seiner Emeritierung im Jahre 2012 blieb er bis 2019 als Seniorprofessor an der TU Dresden.
Nach seiner Emeritierung wurde er eingeladen, am Nationalen Forschungszentrum Kurtschatow-Institut, dem Zentrum russischer Nukleartechnologie in Moskau, ein neues Institut für Kognitionsforschung aufzubauen. Das Institut mit seinen 30 Mitgliedern legte den Grundstein für den Kurtschatow-Komplex für NBICS-Technologien (der Verbindung von Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnik und Kognitionswissenschaften), in dem er als Forschungsdirektor für neurokognitive und Verhaltensforschung und seit Januar 2019 als leitender Wissenschaftler tätig war. Dort hat er ein System zur neurobildgebenden Diagnostik aufgebaut und betrieben. Außerdem forschte er im Bereich der Sprachwissenschaft, vor allem zu neurologischen Korrelationen des Wörterbuchsystems an der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau.
Er war ein Vertreter der dritten Generation der Moskauer Schule der Handlungspsychologie. In der Wahrnehmungsforschung erweiterte er die motorischen Vorstellungen von Augenbewegungen zu einer vielschichtigen funktionalen Modellierung und modernisierte das von Luria vorgeschlagene Konzept des „Funktionsorgans“. Seine Forschungsinteressen umfassten bildgebende Verfahren, Eye-Tracking, mathematische Modellierung, molekulare Mechanismen des menschlichen Gehirns und dessen Evolution. Er nutzte und entwickelte neue technologische Anwendungen, z. B. Augen-Hirn-Computer-Schnittstellen (Virtuelle Realität), die die Mensch-Roboter-Interaktion und die computergestützte Zusammenarbeit in der Automobilindustrie und der Luftfahrt verbessern sollen.
Er entwickelte eine Theorie der Wahrnehmungs- und Kognitionsebenen, basierend auf der aktiven Wahrnehmung. Augenbewegungen spielten dabei eine zentrale Rolle. Gleichzeitig begann er, die Kommunikationsfunktion von Augen und Blick in kollaborativen Laborsituationen zu untersuchen. Ausgehend von der Dualität der beiden visuellen Systeme – dem handlungssteuernden, niedrigauflösenden, aber schnellen und dem hochauflösenden, aber langsameren dorsalen und ventralen System, das die Erkennung steuert – verknüpfte er das System der Augenbewegungen mit der Theorie der zwei visuellen Systeme. Er interpretierte die groben Augenbewegungen als Funktion des dorsalen Systems. Er untersuchte die beiden Arten von Augenbewegungen vorwiegend in Laborsituationen, beispielsweise beim Autofahren, ging aber auch auf entwicklungspsychologische und pathologische Anwendungen ein. Zeitweise interessierte er sich auch für die Augenbewegungen von Kindern mit Williams-Beuren-Syndrom.
Mitglied der Academia Europaea
Korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften
Gründer und erster Präsident der Abteilung für Angewandte Kognitionspsychologie der International Association of Applied Psychology (IAAP)
Er war verheiratet mit seiner Frau Anna und war Vater zweier Kinder. Sein Sohn, Boris Borissowitsch Welitschkowski, ist ebenfalls Kognitionspsychologe und Associate Professor an dem Department of Methodology of Psychology, Faculty of Psychology der Lomonossow-Universität. Boris Velichkovsky verstarb im 75. Lebensjahr infolge eines Schlaganfalls.
Когнитивная наука: Основы психологии познания. В двух томах (dt. Kognitionswissenschaft: Grundlagen der Psychologie des Wissens. In zwei Bänden) (Zweite erweiterte Auflage). Akademie, Moskau 2017.
Mit V. D. Soloviev: Компьютеры, мозг и познание: Успехи когнитивных наук (dt. Computer, Gehirn und Kognition: Fortschritte in den Kognitionswissenschaften). Nauka, Moskau 2008.
Kognitivnaja nauka: Osnovy psihologii poznanijaft. Academia, Moscow 2006.
Wissen und Handeln. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin/Weinheim 1988.
Современная когнитивная психология (dt. Moderne kognitive Psychologie). Verlag der Moskauer Staatlichen Universität, Moskau 1982.
Mit V. P. Zinchenko; G. G. Vuchetich: Функциональная структура зрительной памяти (dt. Funktionelle Struktur des visuellen Gedächtnisses). Verlag der Moskauer Staatlichen Universität. Moskau 1980.
Mit Alekszandr R.Luria; Vladimir P. Zinchenko: Психология восприятия (dt. Psychologie der Wahrnehmung). MGU, Moskau 1973.
Mit B. H. Challis: Stratification in cognition and consciousness. John Benjamins Publishers, Amsterdam/Philadelphia 1999.