Boris Reitschuster (* 12. Mai 1971 in Augsburg) ist ein deutscher Journalist, Blogger und Sachbuchautor. Er gilt als Russland-Experte und war von 1999 bis 2015 Leiter des Moskauer Büros von Focus. Er ist Autor zweier Bestseller über das Herrschaftssystem Wladimir Putins in Russland.
Seit 2015 betreibt er einen YouTube-Kanal und einen Blog, der von mehreren Medien als rechts bzw. rechtskonservativ eingeordnet wird. Sein Blog gehört zu den meistgeteilten „Alternativmedien“, die Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie verbreiteten. Reitschuster hat einen Wohnsitz in Herceg Novi in Montenegro.
1990 legte Reitschuster das Abitur am Gymnasium bei St. Stephan in Augsburg ab. Danach absolvierte er in Moskau eine Ausbildung zum Dolmetscher und arbeitete anschließend als Deutschlehrer und Übersetzer.
Von 1992 bis 1994 war er Moskau-Korrespondent für das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, das Darmstädter Echo und die Thüringer Allgemeine. Nach einem Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen von 1995 bis 1997 arbeitete er zunächst für die Nachrichtenagenturen dpa und AFP in Augsburg und München. Von November 1999 bis August 2015 war er Leiter des Moskauer Büros des Nachrichtenmagazins Focus. Reitschuster gab mehrfach an, wegen seiner journalistischen Arbeit in Russland Morddrohungen erhalten zu haben. Aus diesem Grund habe er sich gezwungen gesehen, 2012 nach Deutschland zurückzukehren und das Büro von dort aus zu leiten.
Focus beendete 2015 die Zusammenarbeit mit Reitschuster und schloss sein Moskauer Büro. Laut Reitschuster war dies in „unterschiedlichen Auffassungen“ begründet. Focus erklärte, die Trennung habe nichts mit der politischen Situation in Russland zu tun, nahm jedoch zu den Gründen für die Freistellung nicht weiter Stellung.
Seit 2015 arbeitet Reitschuster als freier Journalist für verschiedene Medien, darunter The European, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Magazine Tichys Einblick und Junge Freiheit. Weiterhin veröffentlichten The Washington Post und The Guardian Kommentare von ihm.
Journalistenpreis des Bundes der Vertriebenen Bayern (1998)
Journalistenpreis des Vereins Andere Zeiten (2004)
2008 wurde er für seinen „hohen persönlichen Einsatz für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit und damit für die Wahrung von Bürger- und Menschenrechten“ in Russland mit der Theodor-Heuss-Medaille der Theodor-Heuss-Stiftung geehrt.
2021: Goldener Aluhut in der Kategorie „Blogs und Medien“ (Negativpreis)
2023: Freiheitspreis der Atlas-Initiative
Der frühere Chef Reitschusters, Focus-Gründer und heutiger bayerischer FDP-Landtagsabgeordneter Helmut Markwort, bezeichnete Reitschuster auf dessen Website im September 2020 als „herausragenden Journalisten“.
Der Rechtsextremismusexperte Stefan Lauer ordnet in Belltower.News Reitschusters journalistische Methodik als populistisch ein. Er passe Fakten seiner vorgefassten Meinung an und benutze dabei ähnliche Techniken wie russische Trollfabriken, auf deren fragwürdige Methoden er früher hingewiesen habe.
Kritik des politischen Systems Russlands
Reitschuster setzt sich in seinen Büchern und Artikeln kritisch mit dem politischen System Russlands auseinander, insbesondere ist er ein Kritiker des Präsidenten Wladimir Putin (vgl. Russlandberichterstattung in Deutschland).
Reitschusters erste Publikation zu Putin erschien 2004: Wladimir Putin. Wohin steuert er Russland? Der Verlag bewarb sie als erste umfassende Biografie Putins. Barbara Kerneck-Samson summiert für den Deutschlandfunk als wichtigste Aussage des Autors, dass es Putins Verdienst gewesen sei, Russland wieder Stabilität verliehen zu haben. Ebenso gravierend sei jedoch die Gefahr, dass diese sich auf Starre gründe, insofern sie durch „Verzicht auf Meinungsstreit, politische Pluralität und demokratische Prinzipien“ entstanden sei. Zu den vorliegenden Analysen steuert der Autor laut Kerneck-Samson kaum Neues bei, „aber bei ihm finden wir alles Bekannte in noch nie da gewesener Vollständigkeit: den Weg, den Russlands Wirtschaft und Gesellschaft in dem beschriebenen Zeitraum zurückgelegt haben und natürlich die Ursachen für Putins Aufstieg“.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hob 2005 hervor, dass der Autor deutlich mache, „wie sich gerade der Tschetschenien-Konflikt wie ein roter Faden durch die Amtszeit Putins zieht und für ihn mittlerweile sogar zu einer Art Lebenslüge geworden ist“. Die Darstellung der Geiselnahme von Beslan zeige außerdem, „wie stark die russischen Medien inzwischen unter der Kontrolle der Kreml-Führung sind und sich in deren Desinformationspolitik einspannen lassen“.
Putins Demokratur erschien zuerst 2006, die erweiterte Ausgabe 2014. Titel und Leitbegriff ist für Inga Pylypchuk (Die Welt) mit der Übernahme durch Putin selbst zu besonderer Bedeutung gekommen, darauf könne der Autor als „einer der schärfsten Putinkritiker in Deutschland“ stolz sein. Die Zweifler der Kritik an Putin nach der ersten Auflage seien nun, nach der Ukraine-Krise, wohl verstummt. Kaum jemand habe noch Zweifel, „dass Wladimir Putin eine Gefahr für Europa ist“. Vorzeichen des neuen Systems erkenne er schon in der Orangen Revolution 2004, im Gaskrieg mit der Ukraine 2006 und im Kaukasuskrieg 2008. In der Frage der „energischen Verteidigung“ von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie könne sich kaum jemand mit Reitschuster messen, der auch durch seine Blog- und Facebookaktivität „mit beinahe fanatischer Überzeugungskraft“ Kremllügen aufs Korn nehme, auch wenn er dafür als Russland-Hasser abgestempelt und mit Mord bedroht werde.