Bogdan Graf von Hutten-Czapski (* 13. Mai 1851 in Smogulsdorf bei Exin; † 7. September 1937 in Posen) war ein preußischer Politiker und Offizier polnischer Herkunft.
Bogdan Graf von Hutten-Czapski wurde 1851 als Sohn von Joseph Napoleon Graf Hutten-Czapski (1797–1852) und dessen Ehefrau Eleonora, geb. Gräfin Mielzynski (1815–1875) auf der elterlichen Herrschaft im preußischen Großherzogtum Posen geboren. Gerade ein Jahr nach seiner Geburt starb sein Vater an der Cholera, wodurch Bogdan bereits als Kind Chef seines Hauses wurde. Die Familie gehörte zu jener Gruppe polnischer Aristokraten, die nach den Teilungen Polens loyale Untertanen des Königs von Preußen geworden waren, ohne ihr polnisches Nationalbewusstsein zu verleugnen. In diese Tradition stellte sich auch der junge Graf Hutten-Czapski.
Militärische Laufbahn (1873–1895)
Am 1. Oktober 1873 trat der Zweiundzwanzigjährige in die preußische Armee ein und diente als Einjährig-Freiwilliger beim 2. Garde-Dragoner-Regiment in Berlin. Zwei Jahre darauf, im August 1875, wurde er zum Reserveoffizier dieses Regiments ernannt. Im selben Jahr bestand er sein Referendarexamen und trat in den juristischen Staatsdienst beim Kreisgericht Charlottenburg. Am 31. Januar 1877 wurde er durch Allerhöchste Kabinettsorder zum aktiven Sekondeleutnant befördert und war seither bis 1899 Berufsoffizier.
In seiner Zeit bei den Gardedragonern, bei denen er bis 1881 stand, lernte Hutten die Berliner Gesellschaft der Gründerzeit kennen und spielte bereits früh eine führende Rolle in der „beau monde“ der Hauptstadt: Er verkehrte in den Salons von Marie Gräfin Schleinitz, Anna von Helmholtz und Helene von Lebbin und knüpfte enge Beziehungen zu dem alten Kaiserpaar an, mit dem er dank seiner Herkunft schon seit Längerem in persönlicher Verbindung gestanden hatte. Er wurde regelmäßig zu den „Donnerstagabenden“ im Salon des Stadtpalais des Kaisers Unter den Linden eingeladen, wo sich vor allem die liberale, katholikenfreundliche Kaiserin Augusta an der Gegenwart des strengkatholischen polnischen Magnaten erfreute. Allerdings trug ihm diese Nähe zur Kaiserin nachmals bei konservativen Staatsmännern, allen voran Bismarck, auch die Verdächtigung ein, ein „Agent Augustas“ oder Vertreter antipreußischer Interessen zu sein, was seine Karriere im Staatsdienst einigermaßen behinderte. In Berlin trat er auch in Verbindung mit Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819–1901), der damals Reichstagsabgeordneter war und dessen Sohn Philipp Ernst sein Regimentskamerad bei den 2. Gardedragonern war. Hohenlohe wurde für ihn bald die wichtigste Bezugsperson seiner beruflichen Existenz, ein „politischer Lehrmeister und väterlicher Gönner“.
Am 11. Oktober 1882 wurde Hutten zum Premierleutnant befördert und zugleich in das Leib-Garde-Husaren-Regiment nach Potsdam versetzt, wo er den späteren Kaiser Wilhelm II. kennenlernte, der damals im selben Regiment diente. Bereits im August 1884 wurde er, dessen Mutter eng mit der 1879 verstorbenen Gräfin Manteuffel befreundet gewesen war, zum Adjutanten des Reichsstatthalters von Elsass-Lothringen, Generalfeldmarschall Edwin von Manteuffel ernannt – ein prestigeträchtiger Posten, den er allerdings bald, nach dem Tod Manteuffels am 17. Juni 1885, wieder aufgeben musste. Hutten kam nun als Brigadeadjutant zur 20. Kavallerie-Brigade nach Hannover, wo er bis 1888 verblieb. Am 22. März 1887 versetzte ihn der alte Kaiser Wilhelm I. an seinem neunzigsten Geburtstag unter Beförderung zum Rittmeister zum 2. Kurhessischen Husaren-Regiment „Landgraf Friedrich II.“ Nr. 14, wo er im November 1888 Eskadronchef wurde.
Politische Tätigkeit (1895–1914)
Am 8. April 1895 wurde Hutten-Czapski auf Empfehlung seines alten Gönners Hohenlohe, der seit 1894 Reichskanzler war, ins Preußische Herrenhaus berufen. Damit begann seine offizielle Teilnahme an der preußischen Politik. Nachdem seine vom Kriegsminister Walther Bronsart von Schellendorff favorisierte Berufung in den Generalstab vom Kaiser mehrfach abgelehnt worden war, entschloss sich Hutten 1896, einen längeren Urlaub anzutreten, der 1899 in die Versetzung zur Landwehr umgewandelt wurde. Allerdings blieb Hutten auch als Politiker in untergeordneter Position, die ihm wohl Einfluss, nicht aber Macht einräumte. Sein enges Verhältnis zu Fürst Hohenlohe bewirkte indessen, dass er verstärkt ins politische Zeitgeschehen eingreifen konnte: So wirkte er in den 1890er Jahren an der Durchsetzung der Militärstrafgerichtsreform mit, die gegen den Widerstand der Konservativen schließlich auch gelang.
Mit dem Abgang Hohenlohes im Jahr 1900 wurde sein Einfluss indessen spürbar geringer. Zum neuen Reichskanzler Bernhard von Bülow hatte er zwar ein leidlich gutes Verhältnis; doch sein seit 1906 geführter Kampf gegen das von der preußischen Staatsregierung geplante „Enteignungsgesetz“, das die Überführung einiger im polnischen Teil Preußens gelegener Güter in Staatseigentum erleichtern sollte, blieb letztlich vergeblich. Hutten, der ja selber Pole war, gehörte mit Generalfeldmarschall Gottlieb von Haeseler zu den wenigen Konservativen, die sich gegen das Gesetz wandten, das damals aufkommende, auch nationalistisch motivierte Germanisierungstendenzen in rechtliche Form bringen wollte. Anfang 1908 wurde es im Abgeordnetenhaus, dann auch im Herrenhaus angenommen.
Im Herbst 1901 ernannte ihn Kaiser Wilhelm II. zum Schlosshauptmann von Posen.
Mit dem Ersten Weltkrieg begann der bedeutungsvollste Abschnitt in Huttens politischem Lebenslauf. Unmittelbar nach Kriegsausbruch im August 1914 wurde er, mittlerweile Oberstleutnant der Reserve, ins Referat für Ostfragen im Großen Generalstab versetzt. Nach einem kurzen Zwischenspiel im besetzten Belgien kommandierte man ihn am 10. September zum Stab der 8. Armee nach Ostpreußen, die damals General von Hindenburg führte. Hier erlebte er den Sieg bei Tannenberg, die Zurückwerfung der russischen Armee und – nach einem Intermezzo als Vermittler in der italienischen Frage im Frühsommer 1915, das allerdings erfolglos endete – die Einnahme Warschaus am 5. August 1915 durch die 9. Armee unter Feldmarschall Prinz Leopold von Bayern. Anschließend spielte er eine einflussreiche Rolle als Berater des Militärgouverneurs von Polen, Generaloberst Hans von Beseler.
Bereits am 31. Juli 1914 hatte ihm der Kaiser in einer persönlichen Audienz eröffnet:
Als Spross eines polnisch-deutschen Geschlechtes mit weitläufigen politischen und gesellschaftlichen Verbindungen war Hutten-Czapski, mittlerweile über sechzig Jahre alt, für eine Vermittlerrolle im angespannten Verhältnis zwischen preußischer Regierung und polnischer Minderheit wie kein Zweiter prädestiniert. Hoffnungen auf eine offizielle politische Verwendung in gehobener Stellung durfte sich der polnische Aristokrat und loyale preußische Staatsdiener allerdings auch jetzt nicht machen, wie ein Telegramm Kaiser Wilhelms vom 14. August belegt:
Auch jetzt noch blieb Hutten politisch in der zweiten Reihe, in jener „Zwitterstellung“ zwischen informellem Einfluss und formeller Bedeutungslosigkeit, die er im Nachhinein selber treffend charakterisiert hat:
Gleichwohl setzte sich Hutten beim Generalgouvernement Warschau energisch für eine geplante Wiedererrichtung Polens als Regentschaftskönigreich Polen unter deutschem Protektorat ein. Er vertrat ein großpolnisches Programm im Sinne der historischen Einheit des früheren Königreichs Polen, ungeachtet der modernen ethnographischen Gegebenheiten, forderte aber mit Rücksicht auf die Mittelmächte vorerst nur russische Gebiete: Litauen, Weißrussland und bedeutende Teile der Ukraine. Im Gespräch mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg im Juni 1916 trat er gegen die austropolnische Lösung, also die Vereinigung Russisch-Polens mit Galizien unter habsburgischer Herrschaft, auf. Der Umschwung der Kriegslage und der schließliche Zusammenbruch der deutschen Monarchien 1918 machten diesem Vorhaben, das sein Herzenswunsch als preußischer Staatsbürger polnischer Herkunft gewesen war, ein jähes Ende.
Graf Hutten-Czapski blieb unverheiratet. Er selber berichtete hierzu eine Anekdote, schwieg sich über seine eigentlichen Beweggründe jedoch aus: