Robert Gordon „Bobby“ Orr OC (* 20. März 1948 in Parry Sound, Ontario) ist ein ehemaliger kanadischer Eishockeyspieler. Von 1966 bis 1978 spielte er für die Boston Bruins und die Chicago Black Hawks in der National Hockey League (NHL) auf der Position eines Verteidigers. Orr revolutionierte die Position des Abwehrspielers durch sein starkes Offensivspiel und gilt gemeinhin als einer der besten Spieler aller Zeiten. In seiner zwölf Spielzeiten dauernden NHL-Karriere gewann er zweimal mit den Bruins den Stanley Cup. In den Spielzeiten 1969/70 und 1974/75 wurde ihm für die meisten erzielten Scorerpunkte die Art Ross Trophy verliehen – er ist bis heute der einzige Verteidiger, der diese Auszeichnung gewinnen konnte. Darüber hinaus wurde er von 1970 bis 1972 dreimal in Folge als wertvollster Spieler der NHL geehrt sowie von 1968 bis 1975 acht Spielzeiten in Folge zum besten Verteidiger der Liga ernannt.
Auf internationaler Ebene gewann Orr mit der kanadischen Nationalmannschaft den Canada Cup 1976. Auf Grund zahlreicher Verletzungen, besonders am linken Knie, musste Bobby Orr seine Spielerkarriere im November 1978 beenden. Die Hockey Hall of Fame verzichtete daraufhin auf die dafür übliche Mindestwartezeit von drei Jahren und nahm ihn bereits am 12. September 1979 auf. Die Boston Bruins ehrten Bobby Orr damit, dass seine Rückennummer 4 seit 1979 nicht mehr vergeben wird.
Obwohl Orr bereits zu Beginn seiner Karriere der bestbezahlte Spieler der National Hockey League war, offenbarte ihm nach seinem Karriereende ein Steuerberater, dass er auf Grund krimineller Machenschaften seines langjährigen Agenten Alan Eagleson nahezu bankrott sei. Nach einigen Gerichtsprozessen erhielt er einen Teil seines ausstehenden Gehalts zurück, und Eagleson wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seit 1996 ist Orr Spieleragent; 2002 gründete er die The Orr Hockey Group. Daneben ist er seit 1996 regelmäßig im Rahmen des CHL Top Prospects Game Trainer eines Juniorenteams.
Bobby Orr hat irische Vorfahren, sein Großvater Robert Orr wanderte mit seiner Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Kanada aus. Sein Vater Doug Orr war ein guter Eishockeyspieler, er erhielt 1942 ein Vertragsangebot des US-Eishockeyteams Atlantic City Seagulls aus der Eastern Hockey League, entschied sich aber für den Eintritt in die kanadische Marine, um im Zweiten Weltkrieg seinem Land zu dienen.
Am 20. März 1948 wurde Bobby Orr in der Kleinstadt Parry Sound in der kanadischen Provinz Ontario als Drittes von insgesamt fünf Kindern geboren. Im Alter von vier Jahren bekam er von seinem Vater sein erstes Paar Schlittschuhe geschenkt, ein Jahr später nahm er an seinem ersten Eishockeyturnier teil. Als Heranwachsender spielte Bobby Orr zunächst als Stürmer. Als Elfjähriger wurde Orr von Wilfred „Bucko“ McDonald trainiert, der in den 1930er und 1940er Jahren als Verteidiger in der National Hockey League aktiv gewesen war. Er entdeckte in Orr ein außergewöhnliches Talent und motivierte ihn dazu – gegen den Willen seines Vaters, der seinen Sohn lieber weiterhin im Angriff gesehen hätte – in die Verteidigung zu wechseln, brachte ihm die Grundlagen des Abwehrspiels bei und empfahl ihm, dabei auch seine offensiven Anlagen einzusetzen.
Bei einem Juniorenturnier im März 1960 in Gananoque, Ontario, wurden erstmals Scouts der NHL auf Orr aufmerksam. Anschließend warben vor allem die Boston Bruins um den jungen Spieler. Wren Blair, ein Spieleragent der Bruins, stattete der Familie Orr regelmäßig Besuche ab, und die Bruins bemühten sich durch finanzielle Zuwendungen an das örtliche Juniorenteam, seine Gunst zu gewinnen. Obwohl sich zahlreiche weitere NHL-Vereine um ihn bemüht hatten, unterschrieb der 14-jährige Bobby Orr am 3. September 1962 schließlich einen mit 2800 US-Dollar dotierten Amateurvertrag bei den Boston Bruins.
1962 debütierte Bobby Orr in der Metro Junior A League für die Oshawa Generals, das neugegründete Junioren-Farmteam der Boston Bruins. Der 14-Jährige musste sich hier gegen bis zu sechs Jahre ältere Gegenspieler bewähren. Gleich in seinem ersten Jahr wurde er für das All-Star-Game nominiert. Nach der Saison löste sich die Metro Junior A League auf Grund finanzieller Probleme auf. Die Oshawa Generals sowie die Toronto Marlboros wurden daraufhin in die Ontario Hockey Association (OHA) aufgenommen. Zu Beginn der Saison zog Bobby Orr von seinem Heimatort Parry Sound nach Oshawa zu einer Gastfamilie. Die erste Spielzeit in der OHA verlief äußerst erfolgreich für ihn. Mit 29 Toren in der regulären Saison setzte er eine neue Rekordmarke für Verteidiger. In den darauf folgenden Spielzeiten erhöhte sich seine Punktausbeute noch, und er wurde in jedem seiner drei Jahre in der OHA für das All-Star-Team nominiert.
Seine erfolgreichste Spielzeit als Junior war die vierte und letzte Saison 1965/66. Er verbesserte mit 38 Toren seinen eigenen Rekord, insgesamt kam er auf 94 Scorerpunkte in 47 Spielen. Die Oshawa Generals beendeten die reguläre Saison auf dem vierten Platz. In den folgenden Play-offs besiegten sie die St. Catharines Black Hawks, die Montréal Junior Canadiens und die Kitchener Rangers und gewannen schließlich den J. Ross Robertson Cup. Nach weiteren Siegen gegen die North Bay Trappers und den Shawinigan Bruins erspielten sich die Generals die Teilnahme am Memorial Cup.
Im Spiel gegen Shawinigan verletzte sich Orr jedoch an der Leiste, was eine Teilnahme am Finale in Frage stellte. Das Memorial-Cup-Finale wurde von den Oshawa Generals als letzte Gelegenheit, Bobby Orr als Junior spielen zu sehen, propagiert, wobei die Mannschaft um einen Einsatz ihres Starspielers bangen musste. Bobby Orr und seine Eltern bestanden allerdings auf einer Teilnahme am Finalspiel. Die Boston Bruins hingegen verlangten von den Generals, auf den Einsatz von Orr zu verzichten, um eine schlimmere Verletzung zu vermeiden. Bei dieser Direktive riskierten die Bruins, dass Bobby Orr möglicherweise nie für die Bruins auflaufen würde, da er noch keinen Profivertrag unterschrieben hatte. Das Finalspiel gegen die Edmonton Oil Kings ging verloren. Oshawas Trainer Bep Guidolin setzte Bobby Orr in diesem Spiel ein und wurde daraufhin entlassen.
Orrs Rückennummer 2 ist seit seinem Wechsel in die National Hockey League nicht mehr von den Oshawa Generals vergeben worden und am 27. November 2008 offiziell vom Verein gesperrt.
Nachdem Doug Orr bei Wren Blair 1964 mit der Anfrage nach einem höheren Gehalt für seinen Sohn aufgelaufen war, hatte er bei einem Softball-Juniorenturnier in Parry Sound den Torontoer Anwalt Alan Eagleson kennengelernt und diesen um Hilfe gebeten. Eagleson sagte ihm zu, bis zu Bobby Orrs 18. Geburtstag unentgeltlich seine Interessen zu vertreten. Bobby Orr und Alan Eagleson bauten in dieser Zeit eine enge Beziehung auf und besprachen fortan sämtliche Zukunftspläne, ohne dass Bobbys Vater Doug Orr hinzugezogen wurde. In einem Interview 1990 gestand Bobby Orr später ein, dass Eagleson stets die volle Kontrolle über seine Geschäfte hatte und er ihm wie einem Bruder vertraut habe.
1966 hatte Bobby Orr das nötige Alter erreicht, um in der NHL zu spielen zu dürfen. Eagleson wollte bei den anstehenden Vertragsgesprächen mit den Boston Bruins den höchstmöglichen Betrag aushandeln. Nach langen Verhandlungen mit dem General Manager der Bruins, Hap Emms, unterschrieb Orr einen Zweijahresvertrag über 50.000 US-Dollar, zudem erhielt er eine Unterschriftsprämie in Höhe von 25.000 US-Dollar. Dieses war der teuerste Vertrag, den je ein Neuprofi in der NHL unterschrieben hatte, zeitgleich war Orr damit der bestbezahlte Spieler der gesamten Liga.
Eagleson wurde später Vorstandsmitglied der neugegründeten Spielergewerkschaft National Hockey League Players’ Association (NHLPA) und verwaltete sämtliche finanziellen Angelegenheiten Orrs und anderer Klienten. Dabei schreckte er vor kriminellen Handlungen nicht zurück und zweigte unter anderem die Gehälter seiner Spieler sowie Gelder der NHLPA in seine eigene Tasche ab. 1998 wurde er wegen dieser und anderer Vergehen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.