Als Blutsonntag oder auch Blutiger Sonntag (englisch Bloody Sunday, irisch Domhnach na Fola) wird ein Massaker an unbewaffneten Zivilisten am 30. Januar 1972 in Nordirland bezeichnet. An diesem Sonntag schossen Fallschirmjäger der britischen Spezialeinheit Parachute Regiment in der nordirischen Stadt Derry bei einer ungenehmigten Demonstration für Bürgerrechte und gegen die britische Internierung von Katholiken auf mindestens 26 Demonstranten. 13 Demonstranten wurden erschossen, weitere 13 schwer verletzt. Das Ereignis führte zur Eskalation des Nordirlandkonflikts.
Am 15. Juni 2010 bat Premierminister David Cameron im Namen der britischen Regierung um Verzeihung für die Taten der britischen Soldaten.
Gegen 14:45 Uhr begann die Demonstration mit 10.000 bis 15.000 Teilnehmern im Katholikenviertel Bogside. Nahe dem Stadtzentrum wurde die Demonstration durch eine Straßenabsperrung der britischen Armee gestoppt. Unklar ist bis heute, welche militärische Rolle den rund 30 Fallschirmjägern des 1. Bat. Parachute Regiment, die für eine polizeiliche Absicherung einer Demonstration nicht ausgebildet waren, dabei zugedacht war. Während die meisten Demonstranten angesichts des Hindernisses auf eine Alternativroute durch die Rossville Street auswichen, begannen etwa 100 zumeist jugendliche Demonstranten, die Straßensperre mit Steinen zu bewerfen. Die Armee setzte daraufhin Reizgas, Wasserwerfer und Gummigeschosse ein und drängte die Steinewerfer zurück.
Mehrere Demonstranten warfen weiterhin Steine, standen nun aber zu weit entfernt, um die Barrikade noch zu erreichen. Auf diese Demonstranten eröffneten die Fallschirmjäger mit Sturmgewehren das Feuer und erschossen sechs von ihnen, ein weiterer wurde verwundet. Die meisten weiteren Demonstranten wurden dagegen auf der Flucht vor den Soldaten getroffen oder während sie den Verletzten erste Hilfe leisteten. Mindestens fünf der Todesopfer wiesen Schussverletzungen im Rückenbereich auf, keines der Opfer trug dagegen Waffen, weder Schusswaffen noch Bomben.Die britische Armee behauptete später, dass aus den Reihen der Demonstranten auf die Soldaten geschossen worden sei, weshalb sie das Feuer erwidert hätten. Allerdings stand dies in deutlichem Widerspruch zu den Zeugenaussagen der Teilnehmer des Protestzuges sowie zu der Tatsache, dass kein britischer Soldat verletzt, etliche Demonstranten aber von hinten getroffen wurden. Unumstritten ist, dass nach dem Befehl zur Feuereinstellung noch etwa 100 Schüsse von insgesamt 108 Schüssen abgegeben wurden.
Untersuchungen und Ermittlungen
Eine erste Untersuchung des Vorfalls durch Lord Widgery drei Monate später entlastete die britische Armee und die beteiligten Soldaten, indem man alle Mordopfer zu Tätern erklärte. Da allerdings von Anfang an starke Zweifel an der Neutralität und Integrität des Widgery-Tribunals bestanden, wurde dieses Ergebnis von den meisten irischen und internationalen Beobachtern abgelehnt. Der Name Widgery sowie der Ort Coleraine, an dem die Untersuchung stattfand, sind daher in Nordirland zu Synonymen für Behauptungen der britischen Armee geworden, die mit den Beobachtungen der Zeugen nicht übereinstimmen. Das Tribunal unterstellte dem damaligen IRA-Mitglied und späteren Politiker der Sinn Féin-Partei Martin McGuinness, er habe am Blutsonntag den ersten Schuss abgegeben. Er selbst hat dies stets bestritten. Der Widgery-Report trug mit seiner Einseitigkeit und Parteilichkeit wesentlich zu einer weiteren Verschärfung des Nordirland-Konflikts bei.
Zum 26. Jahrestag des Blutsonntags, im Januar 1998, kündigte Premierminister Tony Blair angesichts der andauernden Proteste von Angehörigen gegen das Untersuchungsergebnis des Widgery Tribunals eine gründliche Revision unter Lord Saville an. Weitere zwölf Jahre später wurde dieser Untersuchungsbericht, der sogenannte Saville-Report, schließlich am 15. Juni 2010 veröffentlicht. Er kam zu dem Ergebnis, dass die britischen Soldaten das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffnet haben, ohne zuvor beschossen worden zu sein. Anlässlich der Vorstellung des 5000 Seiten umfassenden Berichtes bat Premierminister David Cameron im Namen der britischen Regierung um Verzeihung für die tödlichen Schüsse. Cameron bedauerte die Gewaltanwendung der britischen Armee zutiefst und bezeichnete das Handeln der Soldaten als ungerechtfertigt und unverzeihlich.
Am 22. September 2011 beschloss die britische Regierung, die Hinterbliebenen der Todesopfer des Blutsonntags zu entschädigen. Wer diese Entschädigungen erhalten sollte – und in welcher Höhe – war zunächst unklar. Einige Familien der Opfer hatten angekündigt, keine Entschädigungen zu beantragen, solange die verantwortlichen Soldaten nicht wegen ihrer Taten angeklagt würden. Zwei Schwestern eines getöteten Demonstrationsteilnehmers lehnten die Entschädigung sofort ab.
Gerichtsverfahren gegen „Soldier F“
Im Jahr 2012 wurden Mordermittlungen eingeleitet, und im November 2015 wurde – 43 Jahre nach der Tat – ein inzwischen 66-jähriger ehemaliger britischer Soldat unter dringendem Tatverdacht festgenommen und in Belfast verhört. Es war die erste Festnahme seit 1972. Weitere vier Jahre später, am 14. März 2019, wurde bekannt, dass die nordirische Generalstaatsanwaltschaft gegen den Soldaten David Cleary, der im Ermittlungsverfahren als Soldier F anonymisiert wurde, Anklage wegen Mordes an James Wray und William McKinney sowie versuchten Mordes in vier weiteren Fällen erheben werde. Im Juli 2021 wurde das Verfahren schließlich eingestellt, da die Zeugenaussagen von 1972 nach einem halben Jahrhundert nicht mehr als Beweise für ein Strafverfahren genügten.
Für 16 weitere Soldaten gäbe es dagegen nicht genügend Beweise für eine Anklage.
Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens gegen „Soldier F“ und Einstellung
Im März 2022 hob der High Court die Entscheidung auf, keine Anklage gegen „Soldier F“ zu erheben, nachdem die
Familie von William McKinney Berufung eingelegt hatte, und wies die Staatsanwaltschaft an, den Fall erneut zu
prüfen. Die Staatsanwaltschaft legte daraufhin beim Obersten Gerichtshof des Vereinigten Königreichs Berufung gegen die Entscheidung des Gerichts ein,
aber die Zulassung der Berufung wurde im September abgelehnt, und die Staatsanwaltschaft sah sich gezwungen, die Anklage fortzuführen. Im Oktober 2022 wurde bekannt gegeben, dass die Anhörung gegen „Soldier F“ am 16. Januar 2023 wieder aufgenommen werden würde. Am 24. Januar 2023 wurde das Verfahren gegen „Soldier F“ am Derry Magistrate's Court wieder aufgenommen. Am 25. August 2023 entschied Richter Ted Magill, dass fünf Aussagen, die gegenüber dem Widgery Report gemacht wurden und „Soldier F“ belasten, als Beweismittel im Prozess verwendet werden können.
Im Dezember 2023 wurde eine Beweisanhörung abgehalten, um zu entscheiden, ob der Prozess fortgesetzt werden sollte oder nicht. Richter Magill entschied, dass „Soldier F“ vor dem Belfast Crown Court angeklagt werden sollte. Der Soldat erschien am 14. Juni 2024 zum ersten Mal vor Gericht. Zur Wahrung seiner Anonymität machte er seine Aussagen hinter einem Vorhang und erklärte sich für „nicht schuldig“. „Soldier F“ wurde direkt durch die Aussagen zwei weiterer ehemaliger Fallschirmjäger („Soldier G“ und „Soldier H“), die beide im Jahr 1972 gegenüber der Royal Military Police und der Widgery-Kommission gemacht hatten, belastet. Beide hatten am Blutsonntag Schüsse zusammen mit „Soldier F“ abgefeuert. „Soldier G“ war im Jahr 2023 schon verstorben, und „Soldier H“ machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, um sich nicht eventuell selbst zu belasten. „Soldier F“ ließ über seinen Rechtsanwalt erklären, dass er sich an die Vorfälle nicht mehr zuverlässig erinnern könne.
Am 23. Oktober 2025 wurde „Soldier F“ von der Anklage des Mordes freigesprochen, da die vorhandenen Evidenzen nicht für eine eindeutige Verurteilung ausreichten. In seiner Urteilsbegründung fällte der Richter auch ein vernichtendes moralisches Urteil über das damalige Verhalten der britischen Soldaten: Die Truppen hätten „jeden Sinn für militärische Disziplin verloren“, als sie unbewaffneten Zivilisten „in den Rücken schossen … als diese auf den Straßen einer britischen Stadt vor ihnen flohen“. Er habe keine Zweifel daran, dass „die Soldaten, die das Feuer eröffneten, dies mit der Absicht taten, zu töten“ – und dass sie „nicht in rechtmäßiger Selbstverteidigung handelten“.