Bert Hellinger (bürgerlich Anton Hellinger; * 15. Dezember 1925 in Leimen; † 19. September 2019 in Bischofswiesen) war Psychoanalytiker, „Familientherapeut“, Buchautor. Einem breiten Publikum bekannt wurde er durch seine Arbeit mit Familienaufstellungen und einer vorwiegend kritischen Berichterstattung darüber. So gilt er bzw. seine Arbeit als umstritten.
Während der Zeit des Nationalsozialismus verbrachte er seine Jugend in einer Schule der Mariannhiller Missionare. 1942 wurde er im Alter von 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen; 1944 geriet er in Belgien in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ein Jahr später gelang ihm jedoch die Flucht aus dem Gefangenenlager. Er nahm erneut Kontakt zu den Mariannhiller Missionaren auf, besuchte ein Priesterseminar in Würzburg und studierte Philosophie, Katholische Theologie und Pädagogik. 1952 wurde er zum Priester geweiht und war viele Jahre lang Leiter einer südafrikanischen Missionsschule. Ab den späten 1970er Jahren entwickelte er, unter Abwandlung von Methoden der systemischen Familientherapie, mit seiner Form der Familienaufstellung eine von ihm selbst als „Lebenshilfemethode“ bezeichnete Gruppenarbeit. Bei der Aufstellungsmethode nach Hellinger handelt es sich nicht um ein eigenständiges Verfahren der Psychotherapie. Das zugrunde liegende Konzept und Hellingers Umgang mit Klienten sind stark umstritten.
Als Ordensmitglied der Kongregation der Mariannhiller Missionare führte Hellinger den Namen Suitbert, abgekürzt als „Bert“. Seinen Kurznamen behielt er auch nach seinem Ordensaustritt und der Niederlegung seines Priesteramtes 1971 bei.
Anschließend ging er 1971 eine erste Ehe ein. Mit seiner zweiten Frau Maria-Sophie Hellinger-Erdödy zog er vorübergehend in eine Mietwohnung in der ehemaligen Kleinen Reichskanzlei in Stanggaß ein, einem Ortsteil von Bischofswiesen im Landkreis Berchtesgadener Land, wo sich einst Arbeitsräume Adolf Hitlers befunden hatten, was Kritik in der Presse auslöste.
Nach seiner Rückkehr aus Südafrika absolvierte Bert Hellinger eine psychoanalytische Ausbildung (1968–1972). Er stellte sich einer psychoanalytischen Lehranalyse und absolvierte zahlreiche Aus- und Weiterbildungen in verschiedenen Bereichen der Psychotherapie. Die Anerkennung seiner psychoanalytischen Ausbildung sei ihm allerdings von der Psychoanalytischen Vereinigung verweigert worden, nachdem er wohlwollend über den unkonventionellen und umstrittenen Analytiker und Psychologen Arthur Janov referiert hatte.
1982 wurde Hellingers psychoanalytische Ausbildung von der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse M.A.P. anerkannt.
Hellinger ging in die USA und absolvierte Kurse u. a. in Primärtherapie bei Arthur Janov, in Provokativer Therapie bei Frank Farrelly und in Hypnosetherapie bei Jeff Zeig, Stephen Lankton und Stephen Gilligan. Er war tätig als Lehrtherapeut für Transaktions- und Skriptanalyse.
Besondere Bedeutung für Hellinger hatten die Gruppendynamik, die therapeutische Arbeit von Leslie B. Kadis und Ruth McClendon aus den USA, die Familientherapie von Salvador Minuchin (1923–2017), Jay Haley (Perverses Dreieck) und Iván Böszörményi-Nagy (1920–2007), die Skriptanalyse von Eric Berne (1910–1970) und die lösungsorientierten Ansätze des Hypnotherapeuten Milton H. Erickson (1901–1980).
Mit der ersten Publikation zu Hellingers Familienstellen „Zweierlei Glück“, 1993 herausgegeben von Gunthard Weber, entstand vermehrtes Interesse für seine Arbeit. 1994 gründete Gunthard Weber (Heidelberger Schule) die Septembergruppe (25 Personen) in Krähberg/Odenwald. Diese Gruppe bildete den organisatorischen Kern für die nachfolgenden Hellinger-Gruppen und -Vereine:
1995 Gründung der Internationale Arbeitsgemeinschaft für systemische Lösungen nach Bert Hellinger IAG
2000 Gründung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger (IAG e. V.) als gemeinnütziger Mitgliederverein
2004 Gründung der vereinseigenen GfS(D)gGMbH
2005 Umbenennung des Vereins in Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen – Internationale Arbeitsgemeinschaft nach Bert Hellinger e. V.
Ende 2007 Umbenennung der DGfS-IAG in Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen e. V. (DGfS)
Der 1. Internationale Aufstellerkongress wurde 1997 in Wiesloch durchgeführt, die 1. Ausgabe der Zeitschrift Praxis der Systemaufstellung erschien 1998.
Bei der klassischen Familienaufstellung nach Hellinger werden vom Aufstellenden möglichst Männer für Männer und Frauen für Frauen aus dem Kreis der Anwesenden stellvertretend für Familienmitglieder räumlich so angeordnet, dass sie der subjektiven Wirklichkeit des Klienten entsprechen. Daraus resultiere die Möglichkeit, das (vom Klienten) subjektiv erlebte Beziehungsgeflecht innerhalb seines (aufgestellten) Systems wahrzunehmen und Verstrickungen (dysfunktionale Beziehungskonstellationen) zu erkennen. Familienaufstellung bringe etwas „Verborgenes“ ans Licht, das sich jenseits von Manipulation und bewusstem Hintergrundwissen zeigen könne. Bei Aufstellungen sei immer wieder zu beobachten, dass Stellvertreter recht genaue Auskunft über Befindlichkeiten von vertretenen Personen geben können. Nach Bert Hellinger war das Familienstellen zunächst nur eine Methode, um festzustellen, wie die Beziehungen in einer Familie beschaffen sind und was dort wirkt. Es war in erster Linie zielneutral. Der Hauptfokus der Methode richtet sich weniger auf den Aufstellenden selbst als vielmehr auf die Beziehungen unter den Beteiligten seines Systems. Maßgeblich für Lösungen sei die Identifikation der unterschiedlichen Kategorien von Gewissen, die in Systemen wirken.
Für Hellinger stellten Aufstellungen nicht primär eine therapeutische Methode dar, sondern sind ein Werkzeug, welches in vielen Bereichen zu sinnvollem Einsatz kommen könne. Später sprach Hellinger davon, dass er selbst in seiner Arbeit „Lebenshilfe“ leiste, Hilfe für Betroffene, über einen veränderten Zugang zu einem besseren Leben zu kommen. Einen psychotherapeutischen Anspruch lehnte er zuletzt ab. Hellinger bezeichnete sein weiterentwickeltes Aufstellungsformat als „Neues“ oder „Geistiges Familienstellen“.
Die von Hellinger bei Familienaufstellungen entwickelten Vorgehensweisen wurden seit den 1990er Jahren auch auf andere Systeme (Arbeitsteams und Organisationen) übertragen und werden in allgemeinem Kontext systemische Aufstellungen oder Systemaufstellungen genannt. Aufstellungen im Unternehmenskontext werden als Organisationsaufstellungen bezeichnet. Ferner können innerhalb von Systemaufstellungen auch abstrakte Begriffe, z. B. „die Krankheit“, „das Hindernis“ (repräsentierend durch Stellvertreter) aufgestellt werden.