An diesem Tag

Bernardino de Sahagún

Spanischer Ethnologe

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Fray Bernardino de Sahagún (* 1499 oder 1500 in Sahagún, Provinz León, Spanien; † 23. Oktober 1590 in Mexiko-Stadt, Mexiko) war ein spanischer Missionar und Ethnologe. Er ist der Autor des bedeutendsten zeitgenössischen Werkes über das Leben und die Kultur der Azteken.

Sein Werk wurde 2015 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt.

Als Bernardino Ribeira im Königreich León geboren, studierte er 1512–1514 Theologie in Salamanca und trat dort 1516–1518 in den Franziskanerorden ein. Im Jahr 1524 zum Priester geweiht, wurde er 1529, acht Jahre nach der Eroberung von Tenochtitlán (heute Mexiko-Stadt) durch Cortés, zusammen mit weiteren 19 Mönchen als Missionar nach Mexiko geschickt und lehrte dort seit 1536 an dem soeben gegründeten Franziskanerkolleg Santa Cruz in Tlatelolco. Während er die acht- bis zehnjährigen Schüler – Söhne der christlich getauften, führenden Aztekenfamilien des Landes – in Spanisch und Latein, Religion, Naturwissenschaften und Musik unterwies, lernte er selbst auf zahlreichen Reisen durch das Land eifrig ihre Sprache, das Nahuatl. Schon bald galt er in ganz Mexiko als Experte für aztekische Sprache und Kultur. Um 1540 erhielt er von Fray Toribio de Benavente, gen. „Motolinía“, den Auftrag, eine Enzyklopädie über „alle wichtigen Dinge in Neuspanien“ zu verfassen. Motolinía hatte unter dem Titel Memoriales „Erinnerungsbücher“ vorbereitet und 1541 eine eigene Geschichte Neuspaniens veröffentlicht. Der Provinzial der Kirchenprovinz, der spätere Bischof von Campeche und Yucatán, Fray Francisco Toral, erneuerte den Auftrag, und Sahagún machte sich, seit 1558 im offiziellen Auftrag des Franziskanerordens, ans Werk. Ein Sumario, eine erste Zusammenfassung, schickte er 1570 an den Verwaltungspräsidenten des Consejo de Indias, des Indienrats, Juan de Ovando, im gleichen Jahr noch eine Denkschrift (Breve compendio) über die aztekischen Riten an Papst Pius V. nach Rom.

Zum Leidwesen von Sahagún und Motolinía hatten währenddessen Fray Juan de Zumárraga (1468–1548), der erste Erzbischof von México-Tenochtitlán und zugleich Inquisitor, sowie der Bischof Diego de Landa (1524–1579) alle greifbaren Dokumente und Manuskripte der Maya, die in ihrer eigenen Schrift verfasst waren, verbrennen und die Altäre und Götterbilder zerstören lassen. Höhepunkt der Aktion war Landas Autodafé von Maní im Jahr 1562.

Die spanischen Konquistadoren wie auch Bischof Toral verklagten Landa daraufhin, sich ihre Rechte anzumaßen und die Inquisition zu missbrauchen; Landa reiste zu seiner Verteidigung nach Spanien, wo man ihm den Prozess machte. Er wurde jedoch 1569 nicht nur in allen Punkten freigesprochen, sondern sein Tun noch als milde bestätigt. Nach dem Tod seines Anklägers Toral (1571) wurde er sogar zu dessen Nachfolger im Bischofsamt von Yucatán ernannt (1573–1579), ein Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte.

So wurde das zwölfbändige Werk mit dem Titel Historia general de las cosas de Nueva España, zweisprachig verfasst in Spanisch und Nahuatl, 1569 zwar fertiggestellt, angesichts des Widerstandes von Inquisition und Indienrat jedoch nie veröffentlicht, da man fürchtete, die Azteken könnten sich auf ihre Vergangenheit besinnen, und die darin beschriebenen Mythen und Glaubensinhalte, Zeremonien und Gebräuche könnten Nachahmer finden. Hierin hatte Sahagún sich ausgerechnet auf die Schrift eines Experten auf dem Gebiet der Dämonologie und ausgezeichneten Kenners des Nahuátl, des Mönchs Andrés de Olmos, gestützt, der Zumárraga bei seinem Zerstörungswerk zur Hand gegangen war.

Im Jahr 1575 wurden vom Indienrat schließlich alle Schriften in den indigenen Sprachen verboten und Sahagún gezwungen, seine sämtlichen Unterlagen über die aztekische Kultur sowie die Ergebnisse seiner Forschungen abzuliefern; Sahagún setzte sich über dieses Verbot jedoch hinweg und überreichte 1577 eine Kopie der Historia general seinem Förderer Fray Rodrigo de Sequeira, seit 1575 Generalbeauftragter des Ordens in seiner Provinz und später sogar Zensor der Inquisition für ganz Neu-Spanien. Als auch diese Handschrift verschwand, fertigte Sahagún eine dritte Kopie für Sequeira an, die dieser 1580 nach Spanien mitnahm.

Sahagún beschreibt im Prolog zu Buch 2, wie er bei seinen Feldforschungen vorging. Zunächst versammelte er die Ältesten und den Dorfherrn, der meist über gute Kenntnisse des zivilen, militärischen, politischen und religiösen Umfeldes verfügte. Diesem Personenkreis erläuterte er seinen Plan und ließ sich von ihnen erfahrene Informanten benennen, die ihm seine Fragen beantworten konnten. Am nächsten Tag traf er sich mit den zehn bis zwölf genannten Personen, meist älteren Leuten, die er zusammen mit einigen seiner Lateinschüler befragte, die er zuvor in Tlatelolco unterrichtet hatte. Mit diesen Dolmetschern und Informanten, die jeweils zur führenden Schicht des Landes zählten, brachte er tageweise zwei Jahre lang mit Unterhaltungen und systematischen Befragungen zu, die die fremde Welt von oben (Götter, Schöpfung, Mythen) bis unten (Tiere, Pflanzen) abhandelten. Scholastische Akribie, Sprachkenntnisse und Unvoreingenommenheit gegenüber der fremden Kultur vereinigten sich so zu einem Ganzen. Vorbild waren dabei Plinius’ Naturalis historia, Isidor von Sevilla und Aristoteles. In all dieser Arbeit war er somit ein Übersetzer von Schriften aus dem und in das Nahuatl und ein (parteiischer) kultureller Übersetzer.

Nach seinem Umzug nach Tepepulco (1565) überarbeitete Sahagún das Material, korrigierte und erweiterte es; auch die etwa 1.700 Illustrationen (Codex Florentinus) entstanden hier. Wenngleich er das Weltverständnis seiner Informanten in keiner Weise teilte und das Material nur zum Zweck der Missionierung sammelte, so ließ sich Sahagún doch so weit auf die verschwundene und zerstörte Welt der Azteken ein, dass die fremde Kultur in ihrer eigenen Sprache voll zur Geltung kam.

3. Unsterblichkeit der Seele, Seelenorte

6. Rhetorik und Moralphilosophie

8. Herrscher, ihre Sitten und Art und Weise, den Staat zu regieren

Anhang: Grammatik und Wörterverzeichnis (1569 als Reinschrift angefertigt)

Die Entstehungsgeschichte des monumentalen Werkes war komplex durch

a) das Grundprinzip seiner Arbeit, die Befragung alter, in den einzelnen Themengebieten kenntnisreicher Indigener unter Mithilfe von indigenen Zöglingen religiöser Schulen sowie

b) die verschiedenen Orte seiner Tätigkeit, wo er jeweils andere Informanten zur Verfügung hatte.

Das ursprüngliche Konzept wurde kontinuierlich erweitert und umfasste alle damaligen Wissensgebiete. Entscheidend für das Schicksal des Werkes wurde die kirchliche Politik, umgesetzt durch die staatlichen Autoritäten, alle Texte in indigenen Sprachen wegen des Risikos eines schlechten Einflusses auf die Missionierung zu unterdrücken. Mögliche Quellen für ketzerisches Gedankengut sollten vernichtet werden. Speziell wurden in einer cédula von 1577 alle Werke Sahagúns nach Spanien eingefordert.

Die Manuskripte waren in religiösen Kreisen bekannt und wurden von Kloster zu Kloster weitergereicht. Eine der drei nach Spanien gesandten Kopien wurde von König Philipp II. 1576 an den Großherzog der Toskana verschenkt; dieser Codex Florentinus gilt als umfangreichste, vollständigste und letzte Handschrift und ist reich bebildert, insbesondere im Bereich der Nahuatl-Sprache. Die Wissenschaft hat sich jedoch lange Zeit auf eine andere Kopie gestützt, die in einem Archiv im Kloster des spanischen Tolosa aufbewahrt wird. Sie wurde erst im Jahr 1800 entdeckt und 1829 in Mexiko, 1831 in London publiziert. Diese Kopie ist eine von Sahagún im Hinblick auf Grammatik und Orthographie überarbeitete Version.

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