Bernard-Marie Koltès (* 9. April 1948 in Metz; † 15. April 1989 in Paris) war ein französischer Autor, Regisseur und Dramatiker. Er wird zu den bedeutendsten französischsprachigen Theaterautoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt.
Bernard-Marie Koltès wurde 1948 als Sohn eines Berufsoffiziers der Festung Metz in Metz in Lothringen geboren. Sein Vater achtete auf eine strenge bürgerliche Erziehung, seine Mutter weckte das musische Interesse ihres Sohnes, der in seiner Heimatstadt das Musikkonservatorium besuchte. Koltès hat einen älteren Bruder, den 1946 geborenen Schriftsteller, Filmausstatter und Regisseur François Koltès, der auch seinen Nachlass verwaltet. Der Vater war berufsbedingt oft abwesend, und so war Koltès während des Algerienkrieges Internatsschüler der École Saint-Clément in Metz. Nach dem Abitur ging er 1969 nach Straßburg. Als Coup de foudre, der seine Liebe zum Theater weckte, bezeichnete er später eine Aufführung des Stückes Medea nach Seneca mit Maria Casarès in der Hauptrolle in Straßburg. Er gründete seine eigene Theatertruppe, das Théâtre du Quai, erhielt an der Schauspielschule des Théâtre National de Strasbourg eine Regieausbildung und arbeitete seit Beginn der 1970er Jahre als Regisseur und Autor für die Bühne und den Rundfunk.
Koltès hielt sich bis an sein Lebensende immer wieder längere Zeit im Ausland auf (1968 erster Aufenthalt in New York, 1973 Reise in die Sowjetunion, 1978–1979 nach Lateinamerika, Nigeria, Mali und an die Elfenbeinküste, 1989 letzte Reise nach Mexiko und Guatemala). 1973 wurde er unter dem Eindruck seiner Sowjetunionreise vorübergehend (etwa bis 1979) Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs.
Im Alter von 23 Jahren verwendete Koltès Dostojewskis Schuld und Sühne als Vorlage für sein zweites Theaterstück, Procès ivre, das er 1971 in Straßburg uraufführte und das, wenn auch von anderen Bühnen, namentlich im Ausland, kaum rezipiert (als Buch wurde es erst mit seinem Nachlass veröffentlicht), ästhetisch und thematisch bereits typische Züge des Koltès’schen Werkes aufweist: Das Motiv zu diesem Stück bildet der Mörder Raskolnikow, die Hauptfigur des Romans, für den die alte Wucherin nicht besser ist als eine Laus. Er tötet sie, um zu überleben, ohne Schuldbewusstsein, in einem „acte gratuit“. Raskolnikov überschreitet gesellschaftliche und moralische Grenzen, er muss bestraft werden. Mutter und Schwester versuchen ihm zu helfen, und es erhebt sich die Frage, ob es für ihn Gnade gibt. Die Handlung des Romans wird bei Koltès auf einen Raum konzentriert, in dem sich ein selbstzerstörerischer Albtraum entblättert.
1975 unternahm Koltès einen Suizidversuch und einen Drogenentzug. Im selben Jahr zog er nach Paris.
Seinen Durchbruch als Dramatiker hatte er 1976 mit dem beim Festival von Avignon uraufgeführten Ein-Personen-Stück Die Nacht kurz vor den Wäldern. Zu diesem frühen Erfolg des Autors hieß es noch 2013 anlässlich einer der zahlreichen Neuinszenierungen: „Dramatisch erscheint die Situation des Fremdseins in einem doppelten Sinn – als soziales Ausgestoßensein aus einer anonymen Gesellschaft und als individuelle Suche nach dem Anderen, der dieser Fremdheit der Welt etwas Vertrautheit entgegensetzen könnte. An dieser existenziellen Situation hat sich in den vergangenen dreißig Jahren grundlegend nichts geändert, die tiefer gewordene soziale Kluft hat die zwischenmenschliche Entfremdung noch verschärft.“ Leitmotivisch tauchen Fremdheit und die Suche nach Vertrautheit, Entwurzelung und Ausweglosigkeit in weiteren Stücken Koltès’ auf.
Von zentraler Bedeutung war Koltès’ Begegnung mit dem Regisseur Patrice Chéreau im Jahr 1979. 1983 eröffnete Chéreau das Théâtre des Amandiers in Paris-Nanterre mit Koltès’ Kampf des Negers und der Hunde und inszenierte in der Folge nahezu all seine Stücke. Chéreau hat einige seiner Inszenierungen zudem verfilmt. Von 1986 bis 1990 folgten in jährlichen Abständen Uraufführungen auf europäischen Bühnen, einige in Deutschland. Koltès wurde zum international meistgespielten französischen Theaterautor seiner Zeit. Besonders häufig inszeniert wurden unter anderem seine Stücke In der Einsamkeit der Baumwollfelder und Roberto Zucco.
1989 starb Bernard-Marie Koltès im Alter von 41 Jahren an den Folgen von Aids.
UA = Erstaufführung, DE = deutsche Erstaufführung.
Bitternisse (Les Amertumes). UA Théâtre du Quai, Straßburg, 1970.
Trunkener Prozess (Procès ivre). UA Théâtre du Quai, Straßburg, 1971.
Dumpfe Stimmen (Des voix sourdes). UA Vereinigte Bühnen Graz/Steirischer Herbst, 1992.
Das Erbe (L’Héritage). UA Schauspiel Bonn, 1991.
Sallinger (Sallinger). UA Théâtre de l’Eldorado, Lyon, 1977. DE Schauspiel Bonn, 1995.
Die Nacht kurz vor den Wäldern (La Nuit juste avant les forêts) UA Festival d’Avignon, 1977. DE Studiotheater München, 1983.
Kampf des Negers und der Hunde (Combat de nègre et de chiens). UA La Mama Theatre, New York, 1981. DE Schauspiel Frankfurt, 1984.
Quai West (Quai Ouest). UA Stadsschouwburg, Amsterdam, 1985, Regie: Stephan Stroux. DE Schauspielhaus Bochum, 1986.
Tabataba (Tabataba). UA Théâtre Ouvert/Festival d’Avignon, 1986. DE Kulturzentrum in der Futterfabrik, Aarau, 1991.