An diesem Tag

Berliner Kongress

Europäische Konferenz 1878: Die Neuordnung des Balkans durch Russland nach dessen Sieg im russisch-osmanischen Krieg wurde im Sinne Großbritanniens und Österreich-Ungarns revidiert

Anúncio

Der Berliner Kongress war eine Versammlung von Vertretern der europäischen Großmächte Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Italien und Russland sowie des Osmanischen Reiches, auf der die Balkankrise beendet und eine neue Friedensordnung für Südosteuropa ausgehandelt wurde. Der Kongress begann am 13. Juni 1878 in Berlin und endete dort am 13. Juli 1878 mit der Unterzeichnung des Berliner Vertrages.

Ausgangslage: Interessen der europäischen Großmächte und die Tradition der europäischen Diplomatenfamilie

Auf dem Berliner Kongress verfolgten insgesamt sechs europäische Großmächte unterschiedliche außenpolitische Zielsetzungen. Dazu zählten Russland, Großbritannien, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich und Italien. Das Osmanische Reich hatte keinen gleichberechtigten Status inne. Es durfte zwar teilnehmen, über die neue Ordnung auf dem Balkan wurde jedoch weitgehend über die Köpfe der osmanischen Vertreter hinweg entschieden. Auf dem Berliner Kongress trafen die Diplomaten der europäischen Großmächte jedoch nicht nur als Vertreter der Interessen ihrer jeweiligen Staaten aufeinander. Sie verband schon im Vorfeld eine „einheitliche diplomatische Sprache [...], die alle europäischen Unterhändler zu einer großen Familie mit denselben Sitten und Sackos machte“, so die Historikerin Susanne Schattenberg. Die damit „verbundenen Vorzüge und Privilegien [blieben allerdings] einzig der westlich-christlichen Welt vorbehalten.“ Die osmanischen Diplomaten wurden von den Vertretern der europäischen Großmächte von Beginn an nicht als ebenbürtig anerkannt. Die russischen, britischen, deutschen, österreichisch-ungarischen, französischen und italienischen Diplomaten wiesen hingegen, so Schattenberg, „untereinander mehr kulturelle Übereinstimmungen [auf] als mit den eigenen Landsleuten“. Sie orientierten sich vor allem an protokollarischen Vorschriften, welche den Ablauf der Verhandlungen regelten. Französisch war damals als gemeinsame Diplomatensprache vielfach etabliert.

Osmanisches Reich und Balkan als Objekt der Interessenpolitik der europäischen Großmächte

Bereits seit dem späten 18. Jahrhundert war das einst mächtige Osmanische Reich durch einen zunehmenden Machtverfall gekennzeichnet. Innere Aufstände, Haremsintrigen, eine stagnierende Wirtschaft und Steuereinnahmen ließen das Reich im Vergleich zu den aufstrebenden europäischen Mächten ins Hintertreffen geraten. Im 19. Jahrhundert hatte dieser Prozess des Verfalls an Fahrt gewonnen. Auch 1839 eingeleitete Reformen konnten diese Entwicklung nicht stoppen, im Gegenteil wurde das Reich zu einem Absatzmarkt Europas und sank vor allem wirtschaftlich auf einen halbkolonialen Status herab. Mehrere Kriege mit dem expandierenden Mächten hatten das Osmanische Reich zudem politisch stark geschwächt. Frankreich hatte die Kontrolle über Teile Nordafrikas errungen.

Frankreich, Großbritannien und Russland unterstützten in den 1820er Jahren den griechischen Unabhängigkeitskampf gegen das Osmanische Reich, woraufhin sich die erste hellenische Republik gründete. Das Fürstentum Serbien hatte seinen Status als teilautonomes Fürstentum innerhalb des Osmanischen Reiches in den Jahren 1815/1817 erlangt. Diese Autonomie wurde durch den zweiten serbischen Aufstand unter der Führung von Miloš Obrenović erkämpft und vertraglich besiegelt. Der Rest des Balkans gehörte weiterhin zum Osmanischen Reich wie Bosnien-Herzegowina oder aber Österreich wie das heutige Kroatien und Slowenien.

Die Schwäche des Osmanischen Reiches weckte einerseits weitere territoriale Begehrlichkeiten der europäischen Großmächte, vor allem Österreichs und Russlands auf dem Balkan. Andererseits kam es hierdurch auch zu Rivalitäten zwischen den europäischen Mächten. So agierten Österreich und Russland teils gemeinsam, teils rivalisierten sie um den Nachlass des Osmanischen Reiches.

Das russische Zarenreich sah sich als Erbe des Byzantinischen Reiches. Die ehemalige byzantinische Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul, war das Zentrum der griechisch-orthodoxen Kirche, wurde jedoch 1453 von dem Osmanischen Reich erobert. Russland beanspruchte Istanbul aber nicht nur aus kulturpolitischen Prestigegründen für sich. Über Istanbul aus ließe sich, so das Kalkül, auch die Meerengen Dardanellen und Bosporus beherrschen, die einzigen Zugänge vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer. Ohne die Kontrolle der beiden Meerengen war die russische Flotte dort faktisch eingeschlossen. Die Zaren führten deshalb bereits im 18. Jahrhundert mehrere Kriege gegen das Osmanische Reich, etwa den Russisch-Türkischen Krieg (1768–1774) und den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (1787–1792). Russland sicherte sich die Kontrolle über die südliche Ukraine, den Nordkaukasus und die Krim. 1852 war der Machtverfall des Osmanischen Reiches so offensichtlich geworden, dass der russische Zar Nikolaus I. vom „kranken Mann am Bosporus“ sprach und anregte, das Reich unter den Großmächten aufzuteilen.

Der aggressive russische Imperialismus profitierte auf dem Balkan von dem Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden Panslawismus, einer politischen Bewegung, die den „Zusammenschluss aller Slawen unter russischer Führung“ forderte. Diese machtpolitische Konzeption stellte sowohl die Herrschaft des Osmanischen Reiches als auch die Österreich-Ungarns auf dem Balkan in Frage. Die außenpolitische Unterstützung des Panslawismus durch den Zaren sollte nicht zuletzt von den anhaltenden Problemen bei der Umsetzung der schon 1861 verkündeten Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland ablenken.

Eine Schlüsselrolle spielte der seit 1856 amtierende russische Außenminister Alexander Michailowitsch Gortschakow. Als Diplomat hatte er bereits an dem Laibacher Kongress 1821, Veroneser Kongress 1822 und beim Pariser Frieden mitgewirkt. Er galt entsprechend, so die Einschätzung des Historikers Andreas Rose, „ohne Zweifel [als] der erfahrenste Außenminister der damaligen Großmächte“. Für seine Politik auf dem Balkan sah er sich in einer starken Position, da er sich während der deutschen Einigungskriege nicht eingemischt hatte und dafür nun im Gegenzug eine starke Unterstützung durch das Deutsche Reich erwartete. Gortschakow kannte den deutschen Reichskanzler Bismarck bereits seit Jahrzehnten vom Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt am Main. Bismarck war dort von 1851 bis 1859 preußischer Gesandter und Gortschakow seit 1850 russischer Botschafter. Von 1859 bis 1862 war Bismarck Botschafter in Sankt Petersburg, der Hauptstadt des Zarenreiches. Er entwickelte dort eine nahezu väterliche Beziehung zu Gortschakow, der zur Zeit des Berliner Kongresses 1878 bereits 80 Jahre alt war. Dennoch riefen gegensätzliche Diplomatenverständnisse auf dem Berliner Kongress Konflikte zwischen Gortschakow und Bismarck hervor. Während Bismarck „eher pragmatische Sachpolitik“ verwirklichen wollte, schien Gortschakow „nur das große Ganze sehen und die Vaterlandsehre [zu] verteidigen“. Sein Repräsentationsbedürfnis und sein standesgemäßes Auftreten im Stile älterer Diplomatengenerationen wurde von Bismarck verspottet.

Großbritannien wiederum hatte eigene Interessen in Ägypten, hielt andererseits jedoch auch seit langem enge Beziehungen zur osmanischen Regierung, der Hohen Pforte, aufrecht. Der Schutz des Osmanischen Reiches galt wechselnden Regierungen in London als unerlässlich für den britischen Handel, die machtpolitischen Interessen und den Schutz des britischen Empires vor der russischen Expansion. So hatte Großbritannien bereits im Krimkrieg Mitte der 1850er-Jahre gemeinsam mit dem napoleonischen Frankreich gegen das vorrückende Russland interveniert, um den Bestand des Osmanischen Reiches zu sichern. Vor allem Konstantinopel sowie die Meerengen an Bosporus und Dardanellen waren für London eminent wichtig. Diese strategisch neuralgischen Punkte in russische Hände fallen zu lassen, erschien unter diesem Gesichtspunkt undenkbar für das politische London, da dies unausweichlich zu einem rapiden Machtzuwachs Russlands geführt und das bestehende Machtgefüge gefährdet hätte. Zwar waren Stimmen in der konservativen Partei laut geworden, die dieses Dogma mittlerweile für veraltet hielten, dazu schien durch den Kauf des Suezkanals auch der Seeweg nach Britisch-Indien abgesichert. Jedoch bewies der Fall mehrerer unabhängiger Khanate in Zentralasien in den 1860er-Jahren, die unter russische Herrschaft gerieten, in den Augen des konservativen Premierministers Benjamin Disraeli erneut die Wichtigkeit des Osmanischen Reiches als Schutzschild vor der russischen Expansion. Mit Disraelis Wahlsieg war die seit 1865 bestehende und von beiden Parteien unterstützte außenpolitische Inaktivität Großbritanniens zu einem Ende gekommen. Anders als sein Vorgänger William Ewart Gladstone legte der Realpolitiker Disraeli sein besonderes Augenmerk auf die Außenpolitik und auch insbesondere auf das Schicksal Britisch-Indiens.

Anúncio

Bald in der World in Stories App

Audio, Offline-Download, keine Werbung und mehr.

Premium entdecken
Berliner Kongress | World in Stories