Benjamin Francis „Ben“ Webster (* 27. März 1909 in Kansas City, Missouri; † 20. September 1973 in Amsterdam, Niederlande) war ein US-amerikanischer Tenorsaxophonist des Jazz, der gelegentlich auch Piano und Klarinette spielte. Er wird ähnlich wie Coleman Hawkins und Lester Young als einer der großen Tenorsaxophonisten der Swing-Epoche angesehen. Seine Spielweise variierte vom manchmal gehauchten Ton in Balladen bis zum „kehlig-krächzenden Vibrato“ bei schnelleren Tempi. Bekannt wurde er vor allem durch seine Soli im Duke Ellington Orchestra von 1940 bis 1943 und später als ein meisterhafter Interpret von Balladen. Seine Spitznamen waren Frog und Brute.
Am 27. März 1909, im Hause 2441 Highland Avenue in Kansas City (Missouri), gebar Mayme Barker Webster als ihren einzigen Sohn. Sein Vater, Walter Webster, lebte zu dieser Zeit in Chicago und war als Kellner in den Speisewagen der Pullman Company angestellt. Schon vor Bens Geburt war die Ehe hauptsächlich aufgrund von Gewalttätigkeit und Alkoholismus des Vaters gescheitert; das Ehepaar hatte sich getrennt und Mayme hatte wieder ihren Geburtsnamen Barker angenommen. Mayme Barker war ausgebildete Lehrerin, und Ben wuchs in Kansas City im Hause 1222 Woodland Avenue zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter mütterlicherseits auf, die ihn nach seinen Aussagen stark verwöhnten und ihm jeden Wunsch erfüllten.
Websters Mutter gab Musikstunden in der Schule und spielte zu Hause auf dem Klavier, aber es war seine Großtante Joyce Cockrell, die sein musikalisches Talent entdeckte und ihm auf ihrem Klavier den ersten Musikunterricht gab. Ben Webster hatte ein absolutes Gehör und konnte bereits als Kind Stücke, die er im Radio gehört hatte, nachspielen. Damit stieß er auf keine Gegenliebe bei seiner Mutter, die ihn lieber als klassischen Violinisten gesehen hätte und ihm deshalb Violinlektionen bei Charles Watts geben ließ. Ben hasste sowohl die Violine als auch die Violinetüden und spielte auf dem Klavier nach Gehör populäre afroamerikanische Musik, sobald sich eine Chance dafür ergab.
Der später bekannte Jazzpianist Pete Johnson wohnte in der Nachbarschaft (1215 Woodland Avenue) und gab Ben gelegentlich Nachhilfe. Vor allem schulte er Websters linke Hand. Bis 1921 besuchte Ben die Attucks Elementary School und wechselte dann zur Lincoln High School, wo er sich als Violinist dem Schulorchester anschloss. 1925 und 1926 studierte er auf der Wilberforce University nahe Xenia, Ohio; dort traf er auf den Pianisten Horace Henderson, der ein Orchester mit dem Namen Wilberforce Collegians gründete. Ben spielte in diesem Orchester, bei dem er als Hilfskraft (bandboy) fungierte, nur gelegentlich Klavier; Henderson erinnert sich an einen Blues in Fis, wo er angeblich nur auf den schwarzen Tasten spielte. Beeindruckt von Pianisten wie Fats Waller und Duke Ellington entwickelte er weiter seine Fähigkeiten als Stride-Pianist und bekam bald seine ersten Engagements in den Clubs von Kansas City im Bereich Twelfth Street and Vine, entweder als Solopianist oder mit seiner eigenen Band Rooster Ben and His Little Red Hens.
In den Jahren 1927 und 1928 machte Ben Webster sich als Pianist einen Namen und schloss sich verschiedenen Territory Bands an: Clarence Love aus Kansas City, Brethro Nelson aus Enid (Oklahoma) und Dutch Campbell in Amarillo (Texas). 1928 arbeitete er als Pianist für Stummfilme in Amarillo. In dieser Zeit traf er den Saxophonisten Budd Johnson. Dieser war Mitglied der Band von Eugene Coy and his Original Black Aces; durch ihn wurde Websters Interesse für das Saxophon geweckt. Er bat Johnson, ihm die Tonleitern auf dem Saxophon beizubringen, und Johnson brachte ihm das Saxophon-Solo von Frankie Trumbauer über Singin’ the Blues bei, das damals bei allen Saxophonisten sehr beliebt war. Daraufhin lieh sich Ben ein Altsaxophon und begann darauf täglich mehrere Stunden zu üben – neben seiner Arbeit als Pianist in den Kinos.
Als 1929 Willis Handy Young (der Vater von Lester Young) mit seiner Family Band nach Amarillo kam, wurde Webster auf eigene Initiative Mitglied der Band. Er erhielt ein Altsaxophon (als Leihgabe von Lester Youngs Schwester Irma), Lester Young und Webster übten zusammen, wobei Young ihm nicht nur die Technik beibrachte, sondern auch Notenlesen und Musiktheorie. Ende 1929 hatte die Young-Band mit Ben Webster ein Engagement im East Land Park in Phoenix (Arizona). Von dort wechselte Webster wieder zu Eugene Coy Original Black Aces als Altsaxophonist und bekam dort sein erstes eigenes Instrument; er beschrieb später diese Zeit als sein erstes Engagement als Saxophonist.
Im Frühjahr 1930 verließ der Tenorsaxophonist Harold Coleman die Band von Coy, und Webster wechselte vom Alt- zum Tenorsaxophon. Im Herbst 1930 schloss sich Webster in Tulsa (Oklahoma) dem Cotton Club Orchestra von Jasper „Jap“ Allen an, das ein Engagement in Kansas City angenommen hatte. Als Allen im März 1931 wegen der wirtschaftlichen Depression sein Orchester verkleinern wollte, erhielt Webster (wie fünf weitere Musiker der Band) das Angebot, sich der Band von Edgar Battle anzuschließen, der Begleitband von Sängerin Blanche Calloway. Mit dieser Band machte er im selben Monat seine ersten Schallplattenaufnahmen. Nach Stationen an der Ostküste einschließlich New York schloss sich Webster in Kansas City dem größten einheimischen Orchester, Bennie Motens Kansas City Orchestra, an. In dieser Zeit entwickelte dieses Orchester das, was man später Kansas City Style nannte, im Wesentlichen die gleiche rhythmische Betonung aller vier Schläge im Takt (im Gegensatz zum vorherrschenden Two-Beat-Jazz), die Herausbildung von Riffs seitens der Bläsergruppen und bluesbetonte Kompositionen. Dieses Orchester ging auf ausgedehnte Tourneen und machte am 13. Dezember 1932 in Camden, New Jersey eine Reihe von Aufnahmen, die auch heute noch als Sternstunden des frühen Kansas City Jazz gelten. Im Januar 1933 verließ er das Moten-Orchester und fand für kurze Zeit Arbeit im Sunset-Club in Kansas City mit einer kleinen Gruppe, deren Sänger Big Joe Turner war.
Kurz darauf heuerte Andy Kirk Webster für seine Twelve Clouds of Joy an, zu der auch die Pianistin Mary Lou Williams gehörte. Am 18. Dezember 1933 besuchte das Fletcher-Henderson-Orchester Kansas City. Im Anschluss an ein Konzert begaben sich der Tenorsaxophonist Coleman Hawkins und der Bassist John Kirby zum Cherry Blossom, wo sich eine ganze Nacht lang eine berühmt gewordene Jamsession mit den besten Tenorsaxophonisten von Kansas City, insbesondere Lester Young, Herschel Evans, Dick Wilson, Herman Walder und Ben Webster abspielte.
Aufgrund dieser Session wurde Webster von Fletcher Henderson und den anderen Musikern aus diesem Orchester als ein Tenorsaxophonist wahrgenommen, der Coleman Hawkins in der Spielweise und im Ton sehr nahekam. Hawkins verließ nach einigen Monaten Henderson und begab sich nach Europa; als sein Ersatz wurde Lester Young eingestellt, dessen Stil aber nicht so gut zum Henderson-Orchester passte. Im Juli 1934 verständigten sich Fletcher Henderson und Andy Kirk auf einen Austausch der Tenoristen: Lester Young kam zu Kirk und Ben Webster zu Henderson. Webster hat die Zeit bei Henderson als seine musikalisch bisher schwierigste bezeichnet, es wurden hohe Anforderungen beim Notenlesen gestellt, eine harte Schule für ihn. Die Aufnahmen aus dieser Zeit belegen aber seine großen Fortschritte in Technik, Rhythmik und Tongebung. Das Orchester wurde Anfang November 1934 aus finanziellen Gründen aufgelöst; Webster wurde wie weitere Musiker von Benny Carter verpflichtet, dessen Orchester am 13. Dezember 1934 einige Aufnahmen mit Kompositionen und Arrangements des Leiters von hervorragender Qualität einspielte. Dennoch musste Carter Anfang Januar 1935 das Orchester auflösen. Bens nächster Arbeitgeber war der populäre Tänzer und Sänger Willie Bryant, mit von der Partie waren Benny Carter, der Pianist Teddy Wilson und der Schlagzeuger Cozy Cole. Dieses Orchester war sehr populär, vor allem in New Yorks Apollo Theater, und es machte auch Aufnahmen. Während seiner Zeit bei Bryant (bis Mitte August 1935) machte er Aufnahmen mit diversen Studiogruppen, etwa mit dem Sänger Bob Howard und seine ersten Aufnahmen mit Billie Holiday. Mit der Sängerin ging er eine Liaison ein, die jedoch nicht lange bestand: Das Paar verlobte sich, und Ben stellte seine Braut seiner Familie vor, dabei kam es nach Bens Schilderung aufgrund von Billie Holidays Verhalten zu einem Eklat, und das Paar kehrte fluchtartig nach New York zurück; die Verlobung löste sich daraufhin bald.