Helen Beatrix Potter (* 28. Juli 1866 in London; † 22. Dezember 1943 in Sawrey, Lancashire, England) war eine englische Kinderbuchautorin und -illustratorin. Sie begann 1890, als Illustratorin zu arbeiten. Ihre Kinderbücher waren und sind sehr erfolgreich; Erzählungen wie ihr bekanntestes Werk Die Geschichte von Peter Hase werden bis heute aufgelegt.
Beatrix Potter sah sich lange Zeit gezwungen, das konventionelle Leben einer Frau der oberen englischen Mittelschicht zu führen. Sie wurde ausschließlich von Gouvernanten und Privatlehrern erzogen, lebte bis in ihr drittes Lebensjahrzehnt im Haus ihrer wohlhabenden Eltern und verfügte nur dank ihrer zeichnerischen Arbeiten über eigene finanzielle Mittel. Im Alter von 28 Jahren unternahm sie eine längere Reise, bei der sie erstmals nicht von einem Elternteil oder einer Gouvernante begleitet wurde.
Dank des mit ihrer Arbeit erzielten Einkommens konnte sie schließlich ihren Wunsch umsetzen, im Lake District umfangreichen Landbesitz zu erwerben, wo sie sich als erfolgreiche Züchterin von Herdwick-Schafen etablierte. Sie engagierte sich zunehmend für den Erhalt der charakteristischen Eigenschaften dieser Region und vererbte ihren Landbesitz von etwa 16 Quadratkilometern testamentarisch dem National Trust.
Beatrix Potter wurde zwar in London geboren, legte aber in der zweiten Hälfte des Lebens viel Wert darauf, dass ihre Wurzeln im ländlichen Norden Englands lägen. „Mein Bruder & Ich wurden nur in London geboren, weil mein Vater dort Anwalt war“, schrieb sie später einmal. Tatsächlich stammte ihre mütterliche wie ihre väterliche Familie aus der Region um Manchester. Ihr Großvater väterlicherseits, Edmund Potter, hatte dort gemeinsam mit seinem Cousin Charles Potter erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, das bedruckte Baumwollstoffe herstellte. Die Firma ging in Konkurs, als sich der Konsumentengeschmack änderte und eine Steuer bedruckte Baumwollstoffe verteuerte. Edmund Potter gelang es, durch eine verbesserte Technologie ein zweites Unternehmen aufzubauen, das ebenfalls bedruckte Baumwollstoffe herstellte. Seine Innovationen galten als so bemerkenswert, dass sie während der Großen Londoner Industrieausstellung von 1851 gezeigt und Edmund Potter 1856 zum Mitglied der Royal Society gewählt wurde. 1862 war Edmund Potter & Company die weltweit größte Firma, die Baumwollstoffe bedruckte. Im selben Jahr wurde Edmund Potter als Liberaler in das britische Parlament gewählt; die Leitung der Firma wurde von seinem ältesten Sohn übernommen.
Beatrix Potters Großvater auf mütterlicher Seite, John Leech, war ökonomisch nicht weniger erfolgreich und besaß im Umland von Manchester Tuchfabriken. Er starb 1861 und vermachte jeder seiner Töchter die hohe Mitgift von 50.000 Britischen Pfund. Beide Familien einte, dass sie dem Unitarismus anhingen, einer Glaubensrichtung, die sich aus dem Antitrinitarismus der radikalen Reformation entwickelt hatte. Die Familien waren eng miteinander verflochten. Zwei Söhne von Edmund Potter heirateten Töchter von John Leech.
Der 1832 geborene Rupert Potter, Beatrix Potters Vater, war der zweitälteste überlebende Sohn von Edmund Potter. Wie zunehmend für wohlhabende Familien der englischen Oberschicht üblich, studierte er Rechtswissenschaften und wurde 1857 als Anwalt zugelassen. Es gibt sehr wenige Dokumente, die seine Tätigkeit als Anwalt belegen. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass er sich auf Eigentumsübertragungen spezialisierte. Die wenigen erhaltenen Belege für seine Anwaltstätigkeit werden gelegentlich so interpretiert, dass er als Anwalt wenig aktiv war. Beatrix Potters Biografin Linda Lear argumentiert dagegen, dass diese Form der Anwaltstätigkeit grundsätzlich wenig Belege hinterlässt, und da Rupert Potter sein Erbe erst 1884 ausgezahlt bekam, kann man sicher davon ausgehen, dass er über längere Zeit in London als Anwalt aktiv war. Unstrittig ist jedoch, dass Rupert Potter ab Beginn der 1890er Jahre ein ausgesprochen wohlhabender Mann war, der den größten Teil seines Einkommens aus Kapitalanlagen bezog.
Am 8. August 1863 heiratete Rupert Potter Helen Leech. Über deren Kindheit und Erziehung ist sehr wenig bekannt. Wenn auch nicht belegbar, ist es angesichts ihres sozialen Hintergrunds am wahrscheinlichsten, dass sie von Gouvernanten erzogen wurde und damit vermutlich nur eine sehr oberflächliche Erziehung genoss. Es gibt eine Reihe von Indizien, dass sowohl Rupert als auch Helen Potter viel an sozialer Akzeptanz gelegen war. Rupert Potter wurde kurz nach seiner Anwaltszulassung Mitglied des angesehenen Reform Clubs, wobei er vermutlich davon profitierte, dass sein Vater ein bekannter liberaler Parlamentarier war. Bereits 1860 wurde er außerdem als Mitglied für den renommierten Athenaeum Club vorgeschlagen und 1874 auch aufgenommen. Als Anhänger des Unitarismus – und auf Grund seines Dialektes unverkennbar Nordengländer – waren seine Aufstiegsmöglichkeiten in der Londoner Gesellschaft jedoch begrenzt. Entsprechend den Gepflogenheiten ihrer Schicht gaben Rupert und Helen Potter in ihrem Londoner Haus jedoch zahlreiche Empfänge und hielten sich außerhalb der Saison auf dem Lande auf.
Beatrix Potter wurde im Haus Nr. 2, Bolton Gardens, London/Kensington, geboren. Ihre Eltern waren in diesen noch ländlich geprägten Stadtteil Londons gezogen, als Helen Potter schwanger war. Bolton Gardens war eine relativ neue Siedlung, die Einwohnerschaft bestand ähnlich wie die Potters fast ausschließlich aus Familien der gehobenen Mittelschicht. Die vierstöckigen Häuser wiesen vorne einen kleinen und hinter dem Haus einen großen Garten aus. Zum Haus gehörten auch Stallungen für die Kutschpferde und Wohnraum für den Kutscher. Zum Personal gehörten eine Köchin und eine Haushälterin, Butler, Kutscher und Stallbursche. Als Kindermädchen für Beatrix Potter wurde die schottische Calvinistin Ann Mackenzie eingestellt.
Linda Lear weist darauf hin, dass Beatrix Potters Kindheit häufig als beklemmend, isoliert und eintönig bezeichnet wird. Zutreffend ist, dass gemessen an der Zahl der Freundschaften, die Beatrix Potter während ihrer Kindheit schließen konnte, oder auch nur den Möglichkeiten, gleichaltrige Kinder kennenzulernen, ihre Kindheit einsam und eingeschränkt war. Wie für Mädchen ihres Zeitalters und für ihre soziale Schicht typisch wurde Beatrix Potter ausschließlich zu Hause erzogen. Ihre enge Bindung an ihren Bruder Walter „Bertie“ Bertram, der im März 1872 zur Welt kam, ist sicherlich eine Reaktion auf ihre seltenen Begegnungen mit anderen Kindern. Gleichzeitig war Beatrix Potters Kindheit eine sehr privilegierte. Auf Grund der Interessen ihrer Familie hatte sie in ungewöhnlich hohem Maß Zugang zu Kunst, Literatur und Wissenschaft und war für ihre Zeit weit gereist. Viel Zeit ihrer Kindheit verbrachte sie auf Camfield Place, dem großzügigen Landsitz ihrer väterlichen Großeltern. Die Potters verbrachten außerdem von 1871 bis 1881 lange Sommermonate im vom Vater angemieteten Dalguise House in Perthshire, Schottland, wo auch zahlreiche Freunde der Eltern zu Gast waren. Zu diesen zählte William Gaskell, der Vater der Schriftstellerin Elizabeth Gaskell, und der bekannte Maler John Everett Millais und seine Frau Effie Gray.
Im Alter von etwa sechs Jahren wurde die Erziehung von Beatrix Potter der Gouvernante Florrie Hammond anvertraut, zu der Potter eine enge Bindung entwickelte. Hammond blieb im Haushalt der Potters bis 1883, als Beatrix fast 17 Jahre alt war und Bertram auf ein Internat geschickt wurde. Neben Lesen, Schreiben, Rechnen erhielt Beatrix Potter auch Unterricht in Latein und wurde von zusätzlich engagierten Lehrern in Französisch unterrichtet. Beatrix Potters Begeisterung – und ihre Begabung – für das Zeichnen war früh erkennbar und wurde von beiden Elternteilen ermutigt. Ihr frühestes Skizzenbuch, welches Dalguise 1875 betitelt ist, zeigt sorgfältige Aquarellstudien von Schmetterlingsraupen. Jede Seite ist in zwei Spalten unterteilt. Die eine beschreibt das Erscheinungsbild, in der zweiten waren Beobachtungen ihrer Gewohnheiten aufgeschrieben. Daneben wurde Beatrix Potter und ihrem Bruder erlaubt, eine ungewöhnlich große Menagerie an Haustieren zu halten. Sie hatten unter anderem Hunde, hielten Mäuse, Frösche, Eidechsen und Molche sowie Kaninchen. Bertram pflegte auch Fledermäuse, einen Turmfalken sowie einen Häher. Die meisten dieser Tiere wurden von Beatrix Potter auch gezeichnet. Wegen ihres offensichtlichen Talentes empfahl ihre Gouvernante den Eltern 1878, einen zusätzlichen Zeichenlehrer zu engagieren, und Beatrix erhielt über die nächsten fünf Jahre Zeichen- und Malunterricht bei einer Miss Cameron. Gelegentlich begleitete Beatrix ihren Vater auch bei den Besuchen im Studio seines Freundes Millais. Millais ermutigte sie in ihren Zeichenversuchen. Wie sie in ihrem Tagebuch 1884 festhielt, kommentierte er ihre Arbeiten mit den Worten „Viele Menschen können zeichnen, aber du und mein Sohn John, ihr beobachtet.“ Ihr Vater, der ein begeisterter Fotograf war, brachte ihr darüber hinaus das Fotografieren bei.