Der Bauernaufstand von Tambow (russisch Тамбовское восстание/Tambowskoje Wosstanije/Tambower Aufstand), nach dem Anführer Alexander Stepanowitsch Antonow auch Antonowschtschina genannt, war ein bewaffneter Aufstand von Bauern mit dem Zentrum im Gouvernement Tambow. Er richtete sich gegen die Regierung der Bolschewiki. Er begann im August 1920 mit dem Widerstand gegen die Zwangseinziehung von Getreide und entwickelte sich zu einem Guerillakrieg gegen die Rote Armee, Einheiten der Tscheka und die sowjetrussischen Behörden. Schätzungen zufolge wurden im Verlauf der Niederschlagung des Aufstandes rund 100.000 Menschen inhaftiert und rund 15.000 erschossen. Die Rote Armee setzte beim Kampf gegen die Bauern auch chemische Waffen ein. Der Großteil der Bauernarmee wurde im Sommer 1921 zerschlagen, kleinere Gruppen hielten sich noch bis in das folgende Jahr.
Die Sowjetregierung war im Russischen Bürgerkrieg zum Kriegskommunismus übergegangen. Lebensmittel für den Bedarf der Städte wurden durch Zwangsrequirierungen aus den Dörfern ohne finanzielle Gegenleistung beschafft. Dies stieß auf den Widerstand der bäuerlichen Bevölkerung, insbesondere, da die Requirierungen oft gewaltsam erfolgten und mit Plünderungen durch die Beschaffungskommandos einhergingen. Ebenso wurde die Menge des zu requirierenden Getreides nicht nach der tatsächlichen Produktion bemessen. Kommissionen gaben anhand der Vorkriegsproduktion einen groben Schätzwert, sodass Zerstörungen, Missernten und Bevölkerungsschwund nicht eingerechnet wurden. Die Bauern reagierten oft mit einer Verkleinerung ihrer Anbauflächen, da ihnen kein ökonomischer Anreiz mehr gegeben war, Überschüsse zu produzieren. Dies machte die von oben befohlenen Ablieferungsmengen noch utopischer. Anders als in den Städten hatten die Bolschewiki in den ländlichen Regionen kaum Anhänger, wo bei den verschiedenen Wahlen des Jahres 1917 stets die Partei der Sozialrevolutionäre breite Mehrheiten errungen hatte. Der bolschewistischen Ideologie begegneten die Bauern größtenteils mit Indifferenz. Der sowjetische Politiker Wladimir Antonow-Owsejenko, später selbst mit der Niederschlagung des Aufstandes befasst, charakterisierte die Bauern folgendermaßen:
Die Requirierungspolitik wurde auch im Gouvernement Tambow durchgeführt, einer relativ wohlhabenden, agrarisch geprägten Region 350 Kilometer südöstlich von Moskau. Die Bauern des Gouvernements hatten die Oktoberrevolution zu großen Teilen unterstützt, da Lenins Dekret über Grund und Boden die Enteignung des Gutsbesitzerlandes legalisierte. Trotzdem hatten die Bolschewiki im Lauf der folgenden Jahre Probleme, die Kontrolle über das Gouvernement zu halten. Im März 1918 wurden ihre Delegierten anlässlich des Abschlusses des Friedens mit dem Deutschen Reich sogar aus den örtlichen Sowjets geworfen. Es gelang ihnen zwar, ihre Herrschaft in den nächsten Jahren zu festigen, doch war dazu immer wieder die Anwendung von Gewalt notwendig.
Vor der Revolution produzierten die Bauern im Gouvernement rund eine Million Tonnen Getreide. Davon wurde ein Drittel exportiert. Anhand dieser Zahlen, welche die Verwerfungen des Bürgerkrieges auf dem Land nicht mit einkalkulierten, wurde ein hohes Soll für die Getreidebeschaffung veranschlagt. Laut einer Schätzung des Historikers Orlando Figes wären bei vollständiger Einziehung der veranschlagten Menge jedem bäuerlichen Haushalt nur rund 10 Prozent der Menge an Getreide verblieben, die für Ernährung, Aussaat und Tierfutter benötigt wurden. Bis zum Januar 1921 wurde die Hälfte des veranschlagten Getreides eingezogen. Antonow-Owsejenko bemerkte aus eigener Anschauung, dass jeder zweite Bauer in Tambow hungerte.
Im August 1920 begann der bewaffnete Widerstand der Bauern gegen die Getreideeinziehung in einem Dorf des Gouvernements Tambow namens Chitrowo. Die Bauern verweigerten die Ablieferung ihres Getreides und töteten mehrere Mitglieder des dortigen Beschaffungskommandos. Ein sowjetischer Behördenbericht fasste die Gründe für den Gewaltausbruch wie folgt zusammen:
In Erwartung eines Angriffs seitens der Roten Armee zur Durchsetzung der Getreidebeschaffung bewaffneten sich die Bauern des Dorfes. Da nur wenige Gewehre vorhanden waren, geschah dies zum Teil mit Mistgabeln und Keulen. Andere Dörfer schlossen sich dem Aufstand gegen die sowjetischen Behörden an, und es gelang ihnen, die eilig herangebrachten Einheiten der Roten Armee zurückzuschlagen. Ein Faktor für diesen Erfolg war die Belastung der Roten Armee durch den gleichzeitig stattfindenden Polnisch-Sowjetischen Krieg und das Vorgehen gegen Wrangels Weiße Armee auf der Krim, infolgedessen waren nur rund 3.000 Soldaten der Roten Armee in der Region Tambow verfügbar. Diese Soldaten waren aus den örtlichen Dörfern eingezogen worden und besaßen außerdem oft eine geringe Motivation, gegen ihre eigenen Standesgenossen vorzugehen.
Die Bauern unternahmen nach ihrem ersten Erfolg den Versuch, Tambow, die Hauptstadt des Gouvernements, zu erobern. Dort scheiterten sie allerdings an der Verteidigung der Roten Armee. Nach dieser Niederlage setzte sich Alexander Antonow, ein ehemaliger Sozialrevolutionär, an die Spitze der Bewegung. Antonow selbst hatte bereits vor dem Aufstand mit wenigen Mitstreitern im Untergrund gegen die Bolschewiki gekämpft und war in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Da er der Verfolgung durch die sowjetischen Behörden entgehen konnte, war er für die Bauern eine Art Volksheld. Er forderte, den freien Handel und Warenverkehr wieder zuzulassen, die Getreiderequirierungen zu beenden und die sowjetische Verwaltung sowie die Tscheka abzuschaffen. Antonow ging als Führer des Aufstandes zum Guerillakrieg über. Seine Truppen führten überraschende Überfälle auf Eisenbahnknotenpunkte, Kolchosen und sowjetische Behörden durch. Dabei wurden sie von der Bevölkerung unterstützt und nutzten die Dörfer als Deckung und Ruheraum. Ebenso verkleideten sie sich oft als Soldaten der Roten Armee, um sich auf dem Land zu bewegen oder das Überraschungsmoment zu verstärken. Sozialrevolutionäre in der Region Tambow gründeten auch einen Bund der werktätigen Bauern, der als politische Organisation der Aufständischen fungieren sollte und mit dem Antonow zusammenarbeitete, obwohl er die Partei verlassen hatte. Ende 1920 hatte er rund 8.000 Aufständische unter seinem Befehl. Im Frühjahr 1921 führte Antonow die Wehrpflicht für die Bauern in den aufständischen Gebieten ein. Daraufhin stieg die Stärke der Rebellen auf 20.000 bis 50.000 Mann. Antonow organisierte die Bauern nach dem Vorbild der Roten Armee in 18 bis 20 Regimentern mit eigenen Politkommissaren, Aufklärungsabteilungen und Kommunikationsabteilungen. Ebenso führte er eine strikte Disziplin ein. Die Bauern verwendeten als Feldzeichen die Rote Fahne und reklamierten somit das zentrale Symbol der Revolution für sich. Antonows Rebellen führten weiterhin einen Guerillakrieg gegen die sowjetischen Behörden.
Der spätere Marschall der Sowjetunion Georgi Schukow, welcher bei den Kämpfen mit den Aufständischen eine Kavallerieschwadron befehligte, schilderte die Strategie der Aufständischen in seinen Memoiren folgendermaßen:
Sie konnten große Teile der Region unter ihre Kontrolle bringen, außerdem gelang es ihnen, Eisenbahnzüge mit requiriertem Getreide zu erbeuten. Das nicht zur Versorgung der Bewaffneten benötigte Getreide wurde von Antonows Männern an die örtlichen Bauern verteilt. Der Aufstand sprang auch auf Teile der Gouvernements Woronesch, Saratow und Pensa über. In den von ihnen kontrollierten Gebieten wurden sämtliche sowjetischen Institutionen abgeschafft. Rund 1.000 Mitglieder der Kommunistischen Partei wurden von den Aufständischen meist nach Folterungen getötet.
Im Oktober 1920 hatten die Bolschewiki die Kontrolle über das ländliche Gebiet des Gouvernements vollständig verloren. Sie beherrschten nur noch die Stadt Tambow selbst und eine Reihe kleinerer städtischer Ansiedlungen.
Im August wurde über das Gouvernement Tambow das Kriegsrecht verhängt. Die offizielle Propaganda der Bolschewiki versuchte, die Aufständischen als Banditen zu diskreditieren, die von den Sozialrevolutionären geführt wurden. Aus internen Berichten der sowjetischen Behörden geht hervor, dass sich die Führung sehr wohl darüber im Klaren war, dass es sich um einen spontanen Aufstand der Bauern ohne eine tragende Rolle der Partei der Sozialrevolutionäre handelte. Die Zentralorgane der sozialrevolutionären Partei verurteilten den Aufstand auch öffentlich und verboten ihren Parteimitgliedern jegliche Unterstützung der Rebellen. Dieser Aufruf fand allerdings unter den örtlichen Parteiangehörigen wenig Resonanz. Er hielt die Tscheka auch nicht davon ab, eine Welle der Repressionen gegen Mitglieder dieser Partei in der Region Tambow zu beginnen. Bereits im September 1920 reagierten die Behörden und die Rote Armee mit militärischer Gewalt auf die Rebellion der Bauern. Aufständische wurden hingerichtet und mehrere Dörfer niedergebrannt. Dies konnte den Aufstand allerdings nicht aufhalten.