Basdeo Bissoondoyal (* 15. April 1906 in Tyack, Rivière des Anguilles; † 23. Juni 1991 in Souillac) war ein Volksaufklärer, Hindu-Missionar, Übersetzer und Schriftsteller aus Mauritius. Frühzeitig mit der Armut und der Rechtlosigkeit ehemaliger indischer Vertragsarbeiter in Berührung gekommen, setzte er sich sein Leben lang für eine größere Lebensqualität der indischen Bevölkerungsmehrheit in Mauritius ein. Er wählte dabei einen anderen Weg als die in den 1930er Jahren gegründete Mauritian Labour Party (Mauritische Arbeiterpartei), mit deren Führern sich Bissoondoyal zeitweise im Konflikt befand. Er versuchte, den indischen Arbeitern Zugang zu Bildung zu verschaffen, ihnen einen Eindruck vom kulturellen Reichtum ihrer Vorfahren zu geben und auf diese Weise ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Auch wenn sich Bissoondoyal von direkter Agitation fernhielt, hatte seine soziokulturelle und religiöse Mission auch politische Folgen. So erreichte er mit einer Alphabetisierungskampagne, dass 1948 erstmals viele Inder in Mauritius an einer Wahl teilnehmen konnten und politische Repräsentation erlangten.
Bissoondoyal gilt heute als „nationale Figur“ und einer der Väter der Unabhängigkeit von Mauritius. Obwohl er nie an einer Hochschule lehrte, wurde er als Professor bezeichnet und als Pandit verehrt. Das größte Vorbild Bissoondoyals war Mahatma Gandhi, dem er zweimal in Indien persönlich begegnete.
Basdeo Bissoondoyal verbrachte seine ersten Jahre mit zwei Brüdern und einer jüngeren Schwester in der Gemeinde Rivière des Anguilles im Süden von Mauritius, in der sich viele Menschen angesiedelt hatten, die, wie er selbst, Nachfahren von indischen Immigranten waren. Sein Vater, ein Händler, verstarb ebenso früh wie seine Mutter, die nur 27 Jahre alt wurde. Die Geschwister zogen 1913 in die Hauptstadt Port Louis, wo sich die Großmutter väterlicherseits um die Erziehung der Kinder kümmerte. Sie wuchsen in einem Viertel auf, in dem ehemalige indische Vertragsarbeiter (indentured labourers) lebten, die mit fünfjährigem Vertrag unter teils sklavenähnlichen Verhältnissen auf den vielen Zuckerrohrplantagen der Insel gearbeitet hatten.
Nach seinem Schulabschluss ließ sich Basdeo Bissoondoyal wie seine Brüder als Grundschullehrer ausbilden. Schon als 16-Jähriger begann er, zunächst in Port Louis, zu unterrichten. In dieser Zeit schloss er sich auch dem Arya Samaj an, einer vom indischen Gelehrten Dayananda ausgehenden Reformbewegung des Hinduismus, die Konzepte wie Bilderverehrung, Ahnenverehrung und Unberührbarkeit bekämpfte. 1926 verlegte er seine Lehrtätigkeit nach Saint Julien bei Flacq, wo er die Schüler an der dortigen Reetoo School auch in Hindi unterwies.
1933 nahm Bissoondoyal, inzwischen 27 Jahre alt, ein Studium am Dayanand Anglo Vedic College (DAV College) in Lahore auf, das damals noch zu Britisch-Indien gehörte und damit wie Mauritius britischer Kolonialverwaltung unterstand. Er studierte neben Hindi auch Sanskrit und erlangte einen Bachelor-Abschluss. 1934 begrüßten die Studierenden seines Colleges Mahatma Gandhi in ihrem Wohnheim. Gandhi hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits den Ruf eines Vorkämpfers für ein freies Indien erworben und mit gewaltfreien Aktionen und zivilem Widerstand eine Reihe von Erfolgen errungen.
Bissoondoyal setzte seine Studien in Kalkutta fort, wo er sich mit indischer Religion und Philosophie befasste und den Master-Grad erwarb. Hier traf er 1937 Gandhi erneut. Allmählich reifte in ihm der Gedanke, nach Gandhis Vorbild eine Bewegung in Mauritius anzustoßen, die die Gleichberechtigung der indischen Bevölkerung herbeiführen sollte. Im Dezember 1938 kontaktierte ihn die erst kurz zuvor gegründete Mauritian Labour Party mit der Bitte, ihre Anliegen in der Partei des Indischen Nationalkongresses vorzutragen. Bissoondoyal, aufgrund seiner Gandhi-Kontakte inzwischen polizeilich überwacht, entschied sich jedoch, Indien zu verlassen.
Als er im Dezember 1939 wieder in Mauritius ankam, sahen es verschiedene Kreise in Mauritius als dringlich an, die Situation der indischen Bevölkerungsmehrheit, die sich politisch und wirtschaftlich in völliger Abhängigkeit von den britischen und franko-mauritischen Eliten befand, wesentlich zu verbessern. Die Indo-Mauritier stellten zwei Drittel der Bevölkerung, hatten aber keinerlei politische Teilhabe. Die Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern, bei denen es sich überwiegend um Hindus handelte, lebten in großer Armut. Basdeo Bissoondoyal wies selbst in von ihm veröffentlichten Artikeln darauf hin, dass die Hindus im öffentlichen Dienst, bei der Polizei und in der Lehrerausbildung unterrepräsentiert waren, jedoch weit überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen waren und auch in großem Maße zur Gruppe der „zu Analphabetismus Verurteilten“ zählten. Zwei Drittel der Hindus konnten sich ihm zufolge keine zwei Mahlzeiten pro Tag leisten.
Seewoosagur Ramgoolam, der allmählich die Mauritian Labour Party dominierte, sah schon 1936 die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung der sozioökonomischen Verhältnisse in Mauritius. Basdeo Bissoondoyal teilte diese Ansicht, mied aber direkte Parteiarbeit und ging seinen eigenen Weg. Er begann mit einer Reihe von öffentlichen Ansprachen, die streckenweise den Charakter von Predigten hatten. Mit didaktischen Auslegungen der vedischen Schriften, leicht fassbaren Erläuterungen zur indischen Religions- und Philosophiegeschichte, Ermunterungen zur Selbstbestimmung und gemeinsamem Gesang versuchte er, seinen Zuhörern einen Zugang zur eigenen Kultur zu vermitteln. Ähnlich wie der Arya Samaj stand er dem Kastensystem, wie es in Indien praktiziert wird, skeptisch gegenüber, weil es seiner Ansicht nach die Einheit der Inder verhinderte. In diesem Punkt ging er über Gandhi hinaus. Zu den wichtigsten Anliegen Bissoondoyals zählte es, unter seinen Anhängern Selbstachtung, Solidarität und Stolz zu erhöhen.
Die erste Andacht Bissoondoyals fand am 23. Dezember 1939 im Stadtteil Cassis in Port Louis statt und markierte den Beginn einer Graswurzelbewegung, die unter dem Namen Jan Andolan (wörtlich: Volksbewegung) bekannt wurde. Kamen zur ersten Rede kaum 25 Menschen, besuchten schon kurz darauf Tausende seine Veranstaltungen. Die Bewegung wurde als „Wirbelsturm“ bezeichnet, die vor allem Inder auf dem Land stark anzog. Seine Veranstaltungen folgten häufig demselben Muster. Nach den Worten Hindu Dharma Ki Jai (Lange lebe der Hinduismus) bat er einflussreiche lokale Persönlichkeiten, sich an der Entfaltung der Hindu-Flagge zu den Klängen eines Liedes zu beteiligen, dessen Text wie folgt begann: Yahan Aum ka jhanda ata hai / Soney walo jag chalo (etwa: Hier weht unsere Fahne, gebt euren Schlummer auf / Steht auf, wacht auf, vereinigt euch und schreitet voran, meine Glaubensbrüder). Bissoondoyal erschien wie Gandhi meistens im Dhoti, dem traditionellen Beinkleid indischer Männer. Die britische Kolonialverwaltung reagierte auf die Aktivitäten von Bissoondoyal mit zunehmendem Argwohn, der noch dadurch verstärkt wurde, dass sich der Redner nicht nur auf Gandhi, sondern auch auf Subhash Chandra Bose bezog, einem militanten Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Im September 1943 begannen Arbeiter auf einer Zuckerrohrplantage im Norden von Mauritius für höhere Löhne zu streiken. Der Konflikt konnte auf dem Verhandlungswege nicht gelöst werden und eskalierte, als Polizisten vier Arbeiter erschossen. Dieser heute als Massaker von Belle Vue Harel bezeichnete Vorfall stand nach Meinung einiger Forscher in unmittelbarem Zusammenhang mit dem „bissoondoyalistischen Kreuzzug“, der dieser Deutung zufolge Züge einer Theologie der Befreiung annahm. Bissoondoyal organisierte die Bestattung der vier Opfer und pries während der Veranstaltung, an der 1500 Menschen teilnahmen, den großen Mut der Streikenden.
Einen Höhepunkt der Jan-Andolan-Bewegung und gleichzeitig ein wichtiges Ereignis der mauritischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bildete eine Maha Yaj genannte religiöse Zeremonie in Port Louis, die auf Bissoondoyals Initiative am 12. Dezember 1943 in Port Louis stattfand. Das Zweite Bataillon des Mauritius Regiment wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Die britische Verwaltung stellte außerdem jeglichen Zugverkehr, damals das einzige öffentliche Transportmittel, ein, um die Teilnahme an der Zeremonie zu erschweren. Dennoch nahmen an ihr bis zu 60.000 Menschen teil, die teils aus weit entfernten Dörfern zu Fuß, mit Fahrrädern, auf Lastwagen und Ochsenkarren angereist waren. Die Zeremonie wurde vom Priester eines bekannten lokalen Hindutempels geleitet, während Bissoondoyal eine Rede in Hindi hielt und an die Werte erinnerte, die in den heiligen Schriften der Hindus bewahrt seien.