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Ba Jin

Chinesischer Schriftsteller, Romancier, Essayist, Publizist, Übersetzer und Anarchist

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Ba Jin (chinesisch 巴金, Pinyin Bā Jīn, W.-G. Pa Chin; * 25. November 1904 in Chengdu, Sichuan; † 17. Oktober 2005 in Shanghai) war ein chinesischer Schriftsteller, Romancier, Essayist, Publizist, Übersetzer und Anarchist. Er galt „schon zu Lebzeiten als ein Klassiker“ und im Alter als „Galionsfigur der chinesischen Literatur“.

Ba Jin ist einer der wichtigsten und meistgelesenen chinesischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er schrieb hauptsächlich Romane und Erzählungen. Sein eigentlicher Name war Li Yaotang (李堯棠 / 李尧棠, Lǐ Yáotáng) bzw. der Höflichkeitsname Li Feigan (李芾甘, auch Liu Fangan, der Name „Feigan“ entstammt dem konfuzianistischen Buch der Lieder). Li Feigan wählte sein Pseudonym aus der Zusammensetzung der Namen der russischen Anarchisten Bakunin (巴枯宁, davon „Ba“ 巴) und Kropotkin (克鲁泡特金, davon „Jin“ 金), die er, ebenso wie die US-amerikanische Anarchistin Emma Goldman, die er als seine „geistige Mutter“ bezeichnete, verehrte. Mit der Namensänderung vollzog er einen bewussten Bruch mit der Tradition.

Ba Jin stammte aus einer wohlhabenden, einflussreichen Scholaren-Familie aus Szechuan, deren Reichtum auf umfangreichem Grundbesitz gründete. Das große Haus der Familie beherbergte zwischen 80 und 100 Menschen von den Großeltern bis zu den Enkeln, sowie Angeheiratete und Bedienstete. 1907 zog die Familie nach Guangyuan ins nördliche Szechuan, wo der Vater Kreisrichter war. Ba Jin wurde früh Waise: seine Mutter (eine gebildete Frau, die sowohl ihre Söhne als auch Töchter unterrichtete, auch in chinesischer Literatur und in Poetik) starb 1914, sein Vater drei Jahre später. Vor allem den Tod der Mutter konnte er, wie seine späteren Romane zeigen, kaum überwinden. Er studierte Englisch, Französisch und Japanisch und betätigte sich nach Besuch einer Fremdsprachenschule (成都外語專門學校 / 成都外语专门学校, „Chengdu-Spezialschule für fremde Sprachen“), wo er seit August 1921 studiert hatte, in Chengdu als Übersetzer russischer und anderer fremdsprachiger Dichter. Die Lektüre von Kropotkins Aux jeunes gens (1880) brachte ihn 1919 zum Anarchismus. Im April 1921 veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Fu Gan“ seinen ersten Artikel Wie man eine wirklich freie und gleichberechtigte Gesellschaft aufbaut. Zeitweise studierte er in Shanghai, wohin er 1923 gemeinsam mit seinem Bruder das erste Mal kam, sowie in Nanjing und nach dem Abschluss 1927 an der dortigen Südost-Universität (东南大学) noch im selben Jahr in Frankreich in Paris und Château-Thierry an der Marne an einer höheren Schule. Hier legte er sich den Namen „Ba Jin“ zu, hier verfolgte er in den Zeitungen den Prozess gegen Sacco und Vanzetti, hier korrespondierte er mit Emma Goldman, Alexander Berkman und dem Anarchismushistoriker Max Nettlau.

Literarische Anfänge zur Zeit der Republik China

Ba Jins literarisches Schaffen begann in den späten 1920er Jahren mit dem Erstlingsroman Zerstörung (灭亡, 1927–1929 noch in Frankreich geschrieben, angeblich überwiegend aus Langeweile). Der Roman erschien 1929 in der renommierten Literaturzeitschrift Xiaoshuo Yuebao und verhalf ihm schlagartig zum Durchbruch. Der anarchistische Protagonist ruft darin zur Rebellion gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, insbesondere gegen die traditionelle Familie auf. In der Erzählung Der elektrische Stuhl (电椅, erschienen 1932) protestierte er gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis, mit denen er in Paris 1927 Briefkontakt gehabt hatte. Die späteren Werke, allen voran sein Meisterwerk, der Roman Die Familie, den er ab April 1931 als 27-Jähriger schrieb (家, abgeschlossen 1931, abschnittsweise in der Tageszeitung Shibao veröffentlicht, erschienen als Einzelpublikation 1933 als erster Teil einer Trilogie Reißende Strömung, 激流), sowie der Roman Kalte Nächte (寒夜, erschienen 1947) oder die Erzählung Shading (砂丁, erschienen 1933) haben die drei Möglichkeiten der Auflehnung zum Thema: Auflehnung gegen die autoritären Strukturen des Familienverbands, gegen die herkömmlichen Geschlechterbeziehungen und gegen die ökonomische Ausbeutung. Der Roman Die Familie ist Ba Jins bei weitem bekanntestes Werk geblieben, wurde 1956 von Chen Xihe (陳西禾) verfilmt, in etwa 30 Sprachen übersetzt, davon zweimal, 1959 und 1980, auch ins Deutsche: er entstand auch unter dem Schock des Gift-Selbstmords seines ältesten Bruders 1931, der sich in einem Brief als Opfer des konfuzianischen Familiensystems bezeichnet hatte. „Mein Leben lang liebte ich ihn am meisten“, so Ba Jin, „Er war ein guter und gütiger, zugleich auch ein schwacher Mensch.“ Im November 1934 ging Ba Jin zum Studium nach Japan und kehrte im August 1935 nach China zurück. Von 1935 bis 1949 leitete er den Pingming-Verlag (平明出版社, Píngmíng Chūbǎnshè) in Shanghai.

Ba Jins literarisches Werk, das oft die moralische Selbstbehauptung oder ihr Scheitern in einer ungerechten Gesellschaft zum Inhalt hat, wurde vom französischen und russischen Roman, insbesondere Tschechow, Turgenew und Émile Zola, beeinflusst. „Ich schleudere meine Anklage gegen dieses absterbende System!“ war das Motto seines Schaffens. Seine Romane, die stark autobiographisch geprägt sind, drücken in klarer Sprache starke Emotionen aus, während er sich nach eigenem Bekunden nie um die handwerkliche Seite seiner Schriftstellerei oder um literaturtheoretische Fragen gekümmert hat. Seine frühen Werke sind geprägt von starker Subjektivität und Romantik, während in seinen späteren Werken ein kritisch-realistischer Zug erscheint. Beeinflusst wurde er auch von dem blinden russischen Esperantisten Wassili Jeroschenko, der als Freund Luxuns auch in China und Japan unterrichtete, und vom ungarischen Esperanto-Lehrer und Autor Julio Baghy.

Während des japanisch-chinesischen Krieges war Ba Jin zusammen mit Mao Dun und Liu Baiyu an antijapanischer Propaganda beteiligt. Er verfolgte medial den spanischen Bürgerkrieg und die dortigen politischen Entwicklungen insbesondere des Anarchismus, worüber er auch publizierte, und zwar entweder Artikel oder Übersetzungen von Texten des deutschen Anarchisten Augustin Souchy (Die Ereignisse des Monats Mai in Barcelona, 1937) und des Schweizer Spanienkämpfers Albert Minnig (Diario di un volontario svizzero nella guerra di Spagna, 1939). Ba Jin wechselte in dieser Zeit häufig die Wohnorte und lebte außer in Shanghai (er floh während des japanischen Angriffs auf die Stadt, seine dortige Wohnung brannte im Krieg aus) auch in Chengdu, Guilin, Chongqing und Kunming. Die Romantrilogie Feuer (火, 1940–1945, bisher nicht ins Deutsche übersetzt) behandelte das Thema des antijapanischen Widerstandes. Tian Huishui, der Held des dritten Teils, ist Christ, er und seine Wertvorstellungen werden sehr positiv dargestellt. Ba Jin musste sich dafür rechtfertigen und sah sich im Nachwort veranlasst zu erklären, dass er selbst kein Christ sei.

Ba Jin heiratete am 8. Mai 1944 die 13 Jahre jüngere Xiāo Shān (Chen Yunzhen, 蕭珊 / 萧珊), eine Übersetzerin aus dem Russischen (Puschkin, Turgenjew) in Guiyang (貴陽市 / 贵阳市), die er bereits im August 1936 kennen gelernt hatte. Ihr erstes Kind, die Tochter Li Xiaolin (Spitzname Guofan), kam im Dezember 1945 zur Welt. Ihrer beider Sohn Li Xiao (李小棠, geb. 1950) ist ebenfalls Schriftsteller. Von Guiyang wich die junge Familie nach Chongqing aus, der provisorischen Hauptstadt der Nationalregierung. Hier entstanden die Romane Garten der Ruhe (憩园, 1944) und Kalte Nächte (寒夜, 1947).

Ba Jin betätigte sich vor allem in den Zeiten der Volksrepublik ab 1949, da das weniger gefährlich schien, auch als Herausgeber literarischer Periodika, schrieb Reportagen, war als Kulturfunktionär in vielen Ämtern tätig und übertrug ausländische Literatur u. a. mit Hilfe von Esperanto-Übersetzungen ins Chinesische. Während seiner literarisch besonders produktiven Phase in den Jahren 1927 bis 1949 hatte er sich mehr oder weniger offen zum Anarchismus bekannt. Er fühlte sich als Einzelgänger und „Wahrheitssucher“, seine Schriftstellerei empfand er als unzulänglichen Ersatz für die Tat: „Mein Schreiben ist ein Ausgraben, ein Freilegen des Bewußtseins. Ich muß tiefer graben, um noch mehr zu verstehen, noch klarer zu sehen. Aber je tiefer ich grabe, desto schmerzhafter und schwieriger wird es. Das Aufschreiben ist keinesfalls einfach. Wie dem auch sei, ich werde mit allem Einsatz schreiben, mit allem Einsatz graben, und ich bin überzeugt davon, daß dieser Einsatz nicht vergeblich ist ... .“

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