Mustafa Bülent Ecevit, Rufname Bülent Ecevit (* 28. Mai 1925 in İstanbul; † 5. November 2006 in Ankara), war ein türkischer Politiker des Demokratischen Sozialismus (CHP). Von Haus aus Journalist und Dichter, amtierte er von 1974 bis 2002 insgesamt vier Mal als Ministerpräsident der Republik Türkei.
Sein Vater Ahmet Fahri Ecevit stammte aus der Provinz Kastamonu. Er war Professor für Forensische Medizin an der Universität Ankara und von 1943 bis 1950 Abgeordneter der Republikanischen Volkspartei (CHP); seine Mutter Fatma Nazlı zählte zu den ersten Frauen in der Türkei, die als selbständige Malerinnen arbeiteten.
Bülent Ecevit besuchte bis 1944 das englischsprachige Robert College in Istanbul, eine Elitenanstalt. Danach begann er an der Universität Ankara ein Magisterstudium in Rechtswissenschaft, dann in Anglistik, schloss aber beides nicht ab. 1946 heiratete er Rahşan Aral (1923–2020), die er auf dem Robert College kennengelernt hatte.
1944 begann Ecevit als Übersetzer beim Presse- und Informationsamt zu arbeiten. Im Jahr 1946 ging er als Presse-Attaché zur türkischen Botschaft in London. Nach seiner Rückkehr 1950 wurde er Redakteur der CHP-Parteizeitung Ulus, ferner schrieb er für die Zeitschrift Forum. 1955 gelangte er mit Hilfe eines Stipendiums des US-Außenministeriums zum Winston-Salem Journal and Sentinel in North Carolina, wo er einige Monate als Gastjournalist tätig war. 1957 ging er ein zweites Mal in die USA, diesmal als Stipendiat der Rockefeller Foundation und forschte an der Harvard-Universität acht Monate lang auf den Gebieten Naher Osten und Sozialpsychologie. In dieser Zeit lernte er Henry Kissinger kennen, der damals das Harvard Center for International Affairs leitete.
Anfänge und Aufstieg (1957–1972)
1955 war Ecevit der einst von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten Republikanischen Volkspartei beigetreten.
Bei der Parlamentswahl 1957 wurde er zum Abgeordneten gewählt, was er bis 1980 und dann noch einmal von 1991 bis 2002, insgesamt 34 Jahre lang, bleiben sollte – zunächst für die Provinz Ankara, dann lange Zeit für Zonguldak, schließlich für Istanbul.
1961 berief ihn sein Mentor İsmet İnönü, der engste Weggefährte des Staatsgründers Atatürk, zum Minister für Arbeit. Nach der Wahlniederlage der CHP bei der Parlamentswahl 1965 begann Ecevit, Kolumnen für die Tageszeitung Milliyet zu schreiben, was er einige Jahre lang fortsetzte.
1966 wurde Ecevit Generalsekretär der CHP. In dieser Funktion trug er maßgeblich dazu bei, dass sich die einstige Staatspartei als Partei „links der Mitte“ neu definierte. Diese Neuorientierung folgte politischen Überzeugungen, war aber auch eine Reaktion auf den Wahlerfolg der Arbeiterpartei der Türkei (TİP). Bei der programmatischen Neuorientierung vermied Ecevit das Wort Sozialdemokratie; auf keinen Fall wollte er diese als Abkehr vom Kemalismus verstanden wissen, sondern als dessen Fortentwicklung.
Als erster CHP-Generalsekretär besuchte Ecevit jeden einzelnen Landkreis, um den Parteiapparat kennenzulernen und für die Neuausrichtung zu werben. İnönü unterstützte die Linkswende, während der vom Abgeordneten Turhan Feyzioğlu angeführte rechte Parteiflügel dagegen kämpfte. Auf einem Parteitag im April 1967 setzten sich İnönü und Ecevit durch; ihre innerparteilichen Widersacher verließen die CHP und gründeten die Republikanische Vertrauenspartei (CGP).
Nach dem Militärputsch vom März 1971 überwarf sich Ecevit mit seinem langjährigen Mentor İnönü. Dieser war dagegen, dass sich die Partei offen gegen den Putsch und die von den Putschisten eingesetzte Erim-Regierung stellen sollte. Ecevit hingegen meinte, eine solche Haltung sei unvereinbar mit einer Politik der „linken Mitte“. Auf dem Parteitag im Mai 1972 drohte İnönü mit seinem Rücktritt, falls die Partei ihm nicht folgen sollte. Er erklärte: „Entweder ich oder Bülent!“ Nachdem der von Ecevits Gefolgsleuten dominierte Parteivorstand die Vertrauensfrage mit 507 von 709 Delegiertenstimmen gewonnen hatte, trat İnönü als Parteichef zurück. Am 14. Mai 1972 wurde Ecevit zu seinem Nachfolger gewählt. Er war der erste Politiker der türkischen Geschichte, der siegreich aus einem innerparteilichen Machtkampf hervorging.
Ministerpräsident und Oppositionsführer (1972–1980)
Kurz nach seiner Wahl zum Parteichef gründete Ecevit die Zeitschrift Özgür İnsan („Freier Mensch“), als deren Chefautor er zeitweilig wirkte. Bis zu ihrer Einstellung 1978 arbeiteten darin politische und intellektuelle Weggefährten an der programmatischen Neuausrichtung der CHP; zu den Autoren zählten Deniz Baykal, Yusuf Kenan Bulutoğlu, Erol Çevikçe, Erhan Işıl, Nusret Fişek, Cahit Kayra, Orhan Koloğlu und Muhittin Taylan.
Aus der Parlamentswahl im Oktober 1973 ging die CHP mit 33,3 Prozent der Stimmen als stärkste Partei hervor. Die Koalitionsverhandlungen gestalteten sich als schwierig; am Ende verständigte sich die CHP auf die Bildung einer Regierung mit der islamistischen Nationalen Heilspartei (MSP) von Necmettin Erbakan. Am 26. Januar 1974 wurde Bülent Ecevit mit den Stimmen der CHP und MSP erstmals zum Ministerpräsidenten gewählt.
Als Reaktion auf den von der griechischen Militärjunta initiierten Putsch in Zypern entsandte Ecevit im Juli 1974 türkische Truppen, die mit der Operation Attila den Norden und Osten der Insel einnahmen. Auf diesem Territorium wurde neun Jahre später die Türkische Republik Nordzypern ausgerufen, die jedoch keine internationale Anerkennung fand. Die Anwesenheit türkischer Truppen dauert bis in die Gegenwart fort.
Im November 1974 zerbrach die Koalition mit der MSP über das weitere Vorgehen in der Zypernfrage sowie über eine Amnestie für die politischen Gefangenen des Militärputsches, die Ecevit gegen den Willen seines Koalitionspartners verfügte. Die Nachfolge als Ministerpräsident trat Süleyman Demirel an, mit dem sich in den folgenden Jahren in den Rollen als Regierungschef und Oppositionsführer mehrfach abwechseln sollte. Demirel bildete eine Koalition bestehend aus seiner Gerechtigkeitspartei (AP), der islamistischen MSP, der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) sowie der CHP-Abspaltung CGP, die als „Erste Regierung der Nationalistischen Front“ in die türkische Geschichte einging.
Nach dem Massaker vom 1. Mai 1977 am Taksim-Platz in Istanbul sprach Ecevit von einer „Tat der Konterguerilla“. Es war das erste Mal, dass ein türkischer Spitzenpolitiker von der Existenz eines Tiefen Staates sprach.
Wenige Wochen nach dem Massaker am Taksim-Platz, am 29. Mai 1977, wurde am Flughafen Çiğli in Izmir ein Mordanschlag auf Ecevit verübt. Seit 1973 waren dem sechs versuchte Attentate vorausgegangen, zwei weitere folgten 1978 bzw. 2000. Doch der Anschlag in Çiğli erfolgte unter mysteriösen Umständen: Wie sich herausstellte, war die Kugel, mit der auf Ecevit geschossen wurde und die nicht ihn, aber einen Begleiter verletzte, ein mit Gift präpariertes Fabrikat. Die dazu gehörige Waffe war in der Türkei nur im Besitz des am Generalstab angesiedelten Büros für Besondere Kriegsführung. Der Attentäter, ein Polizist, wurde gefasst, aber nie angeklagt.