An diesem Tag

Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen

Ausländerfeindlich motivierte Angriffe am 22. bis 26. August 1992

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Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für vietnamesische ehemalige Vertragsarbeiter im sogenannten Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen waren die massivsten rassistisch sowie fremdenfeindlich motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

An den Ausschreitungen beteiligten sich mehrere hundert teilweise rechtsextreme Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten. Nachdem die Aufnahmestelle am Montag, dem 24. August, evakuiert worden war, wurde das angrenzende Wohnheim, in dem sich noch über 100 Vietnamesen und ein Fernsehteam des ZDF aufhielten, mit Molotowcocktails in Brand gesteckt. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück, und die im brennenden Haus Eingeschlossenen waren schutzlos sich selbst überlassen.

Die Übergriffe in Lichtenhagen werden auch als Pogrom bezeichnet. Sie stehen im Zusammenhang mit der Asyldebatte zu Beginn der 1990er Jahre. Politikern und Medien wird dabei vorgeworfen, durch eine zum Teil populistische Kampagne die Stimmung gegen Ausländer angeheizt und so Ausschreitungen wie denen in Rostock-Lichtenhagen den Boden bereitet zu haben. Sowohl die Asyldebatte als auch die Zahl gewaltsamer Übergriffe auf Asylbewerber und andere Einwanderer erreichten 1991/92 ihren Höhepunkt.

Öffentliche Debatte um die Ausländer- und Asylpolitik

Die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland erreichte 1992 mit über 440.000 ihren vorläufigen Höhepunkt. Gleichzeitig betrug die Anerkennungsquote nur noch 4,3 Prozent. Seit den frühen 1980er Jahren waren die Ausländer- und besonders die Asylpolitik bestimmende, negativ besetzte Themen im politischen Diskurs. CDU und CSU griffen das emotionsgeladene Thema auf und führten ab 1986 eine Kampagne gegen „Asylbetrug“ und Wirtschaftsflüchtlinge durch. Die rechtsradikalen Parteien Die Republikaner und DVU profitierten ab 1989 von der Radikalisierung und Emotionalisierung des Themas, nachdem es bereits ab 1986 verstärkt zu Überfällen von Neonazis auf Ausländer gekommen war. Sie zogen mit fremdenfeindlichen Parolen in mehrere Landesparlamente ein. SPD, FDP und Grüne wehrten sich jedoch gegen eine Einschränkung des Grundrechts auf politisches Asyl. Der bayerische Innenminister Edmund Stoiber (CSU) drohte wiederum das „Ende der Einheit der Union“ für den Fall an, dass die CDU in der Asylrechtsfrage auf den Kurs der FDP und der SPD einschwenke.

Nach der Wiedervereinigung verschärfte die Union die Asylkampagne, und die Debatte entwickelte sich, mitgetragen von der Bildzeitung und der Welt am Sonntag, zu einer der schärfsten, polemischsten und folgenreichsten Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Situation verschärfte sich, als aufgrund der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ und insbesondere wegen des Bürgerkriegs in Jugoslawien die Flüchtlingszahlen stark anstiegen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Vereinigung sichtbar wurden und erste Frustrationen hervorriefen. Hatte 1989/90 eine allgemeine Euphorie gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten geherrscht, so schlug die Stimmung 1990/91 um. Umfragen zeigten, dass zunächst eher die Spätaussiedler aus dem Osten, die zahlenmäßig überwogen, als Belastung empfunden wurden, doch die Unionsparteien kanalisierten die Aggressionen gegen die Asylbewerber um.

Die Medien, allen voran die Bildzeitung, verbreiteten eine panikartige Stimmung. Zwischen Juni 1991 und Juli 1993 wurden in Umfragen die Themen Asyl und Ausländer als dringendste Probleme angegeben, weit vor der deutschen Vereinigung und der Arbeitslosigkeit.

Zunehmende rassistisch motivierte Angriffe

Einige Monate nach der ersten Begeisterung über die deutsche Wiedervereinigung steigerte sich die fremdenfeindlich motivierte Gewalt in Deutschland und erreichte im Sommer 1991 eine neue Dimension. Eine Schlüsselstellung kommt dabei den Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda zwischen dem 17. und 23. September 1991 zu. Bei den mehrtägigen Ausschreitungen wurden ein Wohnheim für Vertragsarbeiter sowie ein Flüchtlingswohnheim mit Brandflaschen, Eisenkugeln und anderen Gegenständen von zum Teil über 500 Menschen angegriffen. Anwohner beteiligten sich an den Übergriffen, gewalttätige, Parolen grölende Neonazi-Skinheads ernteten Beifall von vielen Umstehenden. Die Polizei war überfordert und kapitulierte vor den Gewalttätern, indem sie die knapp 300 Vertragsarbeiter abtransportierte. Der überwiegende Teil wurde direkt abgeschoben.

Hoyerswerda markierte den Auftakt zu einer Serie von Nachahmungstaten. Überwiegend in Ostdeutschland überfielen Gruppen von bis zu 200 Skinheads und rechtsgerichteten Jugendlichen in der Folge vor allem Asylbewerberheime und benutzten bei den teilweise mehrtägigen Auseinandersetzungen auch Schusswaffen und Brandsätze.

In Mecklenburg-Vorpommern wurden im Verlauf des Jahres 1992 insgesamt 207 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten registriert. Unter anderem wurde bei einem Angriff in Saal (Vorpommern) am 15. März 1992 der 18-jährige Rumäne Dragomir Christinel erschlagen. Auch in Rostock waren gewaltsame Angriffe auf Ausländer an der Tagesordnung. In Schmarl, einem weiteren Stadtteil im Nordwesten Rostocks, überfielen am 1. und am 3. Oktober 1991 50 bzw. 150 Jugendliche das dortige Asylbewerberheim, am 5. Oktober griffen etwa 30 Jugendliche ein Wohnheim für rumänische Monteure an.

Unter Ausklammerung der Asylbewerber und der Angehörigen der GUS-Streitkräfte lebten Ende April 1992 in Rostock, das zu dieser Zeit über 240.000 Einwohner hatte, 1.688 Ausländer. In Lichtenhagen und Groß Klein lebten zusammen 346 Ausländer.

Rund die Hälfte der in Rostock lebenden Ausländer waren Osteuropäer. Da sie aus ähnlichen Kulturen und zudem aus sozialistischen Ländern kamen, war diese Gruppe vergleichsweise gut integriert. Ein erheblicher Teil war mit einem deutschen Partner verheiratet, andere waren Studenten. Aus Asien stammten 488, aus Afrika 105 der in Rostock lebenden Ausländer. Türken, in den alten Bundesländern die mit Abstand größte Gruppe ausländischer Bürger, gab es in Rostock nur neun.

Der Nationalität nach stellten die Vietnamesen mit 368 Personen die größte Gruppe. Die Vietnamesen in der DDR waren meist Vertragsarbeiter gewesen, die ab 1981 nach Rostock gekommen waren und deren Zahl bis September 1989 auf etwa 1.300 bis 1.500 angestiegen war. Zu DDR-Zeiten verrichtete die Mehrheit Hilfsarbeiten im Hafen Rostock, in den Werften und in Industriebetrieben. Untergebracht waren sie getrennt von der deutschen Bevölkerung in betriebseigenen Wohnheimen, allesamt in den Neubaugebieten der Stadt. Die Vertragsarbeiter aus der DDR, von denen 1990 fast alle entlassen wurden, galten als die absoluten Verlierer der deutschen Einheit.

Aufnahmestelle für Asylbewerber und Ausländerwohnheim

Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) für Mecklenburg-Vorpommern befand sich in einem elfgeschossigen, freistehenden Plattenbau in der Mecklenburger Allee in der zwischen 1972 und 1976 gebauten Großwohnsiedlung Rostock-Lichtenhagen. Trotz des Rückgangs der Einwohnerzahl seit der Wende lebten 1992 in Lichtenhagen noch gut 18.000 Menschen auf einer Wohnbaufläche von weniger als einem Quadratkilometer.

Das betreffende Haus besitzt sieben Aufgänge und wird wegen seiner Fassadengestaltung auf der östlichen Stirnseite Sonnenblumenhaus genannt. Die Wohnungen am östlichen Ende in den Aufgängen Nr. 18 und 19 gehörten der Seehafen Rostock GmbH, die im Besitz der Stadt Rostock und des Landes Mecklenburg-Vorpommern war. Der Rest des Hauses, die Aufgänge Nr. 13–17, gehörten der städtischen Wohnungsgesellschaft WIRO und waren vermietet. In weniger als 100 Metern Entfernung führt östlich die Schnellstraße in Richtung Warnemünde am Sonnenblumenhaus vorbei. Weitere 100 Meter östlich befindet sich der Bahnhof Lichtenhagen, der zur Strecke Rostock–Warnemünde der Rostocker S-Bahn gehört. Auf der nördlichen Längsseite des Hauses, an der Mecklenburger Allee, liegen ein Parkplatz und eine große Freifläche, auf der Südseite befanden sich eine Wiese und der Flachbau einer Kaufhalle.

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