Georg August Christian Kestner (* 28. November 1777 in Hannover; † 5. März 1853 in Rom) war ein deutscher Jurist, Diplomat, Archäologe, Zeichner und Kunstsammler.
Georg August Christian Kestner wurde als viertes Kind des Hannoverschen Juristen und Hofrats Johann Christian Kestner und seiner Ehefrau Charlotte Sophie Kestner, geb. Buff, in Hannover geboren. August wuchs mit 11 Geschwistern auf, von denen die elf Jahre jüngere Schwester Charlotte (1788–1877) ihm am nächsten stand.
Johann Christian Kestner lernte während seiner Tätigkeit am Reichskammergericht in Wetzlar (1767–1773) die junge Charlotte Buff kennen, mit der er nach der Heirat nach Hannover ging (1773). Hier bekleidete Johann Christian Kestner die Stelle eines Vizearchivars und wurde später königlich großbritannisch-hannoverscher Hofrat. Auf die Wetzlarer Zeit geht eine enge Freundschaft der Familie Kestner mit Johann Wolfgang von Goethe zurück. Kestner und Goethe hatten sich während ihrer gemeinsamen Tätigkeit am Reichskammergericht in Wetzlar kennen gelernt. Aufgrund der als unglücklich zu bezeichnenden Liebe Goethes zu Charlotte Buff – sie war bereits mit Johann Christian Kestner verlobt – wurde sie zum Vorbild für das Lottchen in Goethes berühmtem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers.
Die Familie Kestner gehörte im 18. und 19. Jahrhundert zu den sogenannten hübschen Familien im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg. Als Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht Hannovers bekleideten sie in der Regel Positionen Geheimer Staatssekretäre.
Studium, Ausbildung, Berufstätigkeit
Nachdem August Kestner durch Privatlehrer zu Hause ausgebildet worden war, studierte er in den Jahren 1796 bis 1799 an der Universität Göttingen Jura. Geprägt durch seine Erziehung und den allgemeinen Zeitgeist hörte er neben dem Studium der Rechtswissenschaften Vorlesungen in den Fächern Kunstgeschichte und Philosophie.
August Kestner nahm Musikunterricht bei dem Göttinger Musikdirektor Johann Nikolaus Forkel. Sein Interesse an Musik drückte sich auch im Sammeln von Volksliedertexten und Melodien gemeinsam mit Wilhelm Blumenbach aus. Zeugnisse seiner musikalischen Ambitionen sind eine Vielzahl von Vertonungen (Lieder für Singstimme und Klavierbegleitung) von Goethe- und Hölty-Gedichten.
Nach Abschluss des Studiums 1799 begann er seine Laufbahn als Jurist. Stationen seiner Tätigkeit waren das Amt des Vernehmungsrichters (Auditor) am Hofgericht in Hannover (bis 1801), ein Praktikum am Reichskammergericht in Wetzlar (1802) sowie Anstellungen als Geheimer Kanzleisekretär im Staatsdienst in hannoverschen, französischen und preußischen Diensten (1803–1806). Mit der Angliederung Hannovers an das Königreich Westphalen durch Napoleon (1810) war August Kestners Tätigkeit als Sekretär der Geheimen Kanzlei beendet, er schied aus dem öffentlichen Dienst aus. Die Tätigkeit als Notar des hannoverschen Landcantons in Linden und sein Kampf (ab 1816) in den Freiheitskriegen führten ihn in seinen eigentlichen Beruf zurück. Nach Wiedereinrichtung der Geheimen Kanzlei im November 1813 erhielt er seinen alten Posten als Geheimer Kanzleisekretär zurück und wurde zum Kanzleirat ernannt. In dieser Position machte er in den Jahren 1818 bis 1849 in Rom Karriere.
1808 bis 1809 unternahm August Kestner aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit eine als Erholungsaufenthalt geplante Reise nach Italien, die sich in ihrem Verlauf zunehmend zu einer Grand Tour entwickelte. Rom, Pompeji und Neapel, aber auch Mailand und Florenz waren seine Reiseziele. Bereits zu dieser Zeit knüpfte Kestner enge Kontakte zu in Rom lebenden deutschen Künstlern (Deutschrömer): Franz Riepenhausen, Johannes Riepenhausen, Friedrich Overbeck, Joseph Anton Koch, Christian Daniel Rauch und Bertel Thorvaldsen.
Mit der auf dem Wiener Kongress (1814/15) beschlossenen Erhebung vom Kurfürstentum zum Königreich wurde Hannover um erhebliche Gebiete erweitert. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um katholische Landesteile, die Bistümer Osnabrück und Hildesheim. Die Neuordnung der katholischen Kirche bzw. der kirchlichen Verhältnisse im Königreich Hannover, für die das päpstliche Einverständnis notwendig war, lag im Interesse des Staates. Im März 1817 erreichte eine Legation Rom, in der auf Antrag des hannoverschen Ministeriums und durch Genehmigung des Prinzregenten in London auch August Kestner als Legationssekretär mitreiste. So führte Hannover seit 1817 unter der Leitung Friedrich von Omptedas als erster protestantischer Staat des Deutschen Bundes Verhandlungen mit der Kurie. Kestners Aufgabe war die Korrespondenz mit London und Hannover sowie regelmäßige Berichterstattung zum Fortgang der Verhandlungen. Kestner selbst hatte einen nicht geringen Anteil an diesen Verhandlungen und gerade in der Endphase spielte er eine zunehmend wichtige Rolle.
Die Verhandlungen über ein Konkordat verzögerten sich durch prinzipiell unterschiedliche Standpunkte von Kurie und hannoverscher Regierung. Erst nach dem Tod von Friedrich von Ompteda konnte dessen Nachfolger, Franz von Reden, ab 1821 den Verhandlungen neuen Schwung verleihen. Man verständigte sich schließlich lediglich auf die Regelung der äußeren kirchlichen Verhältnisse. Das Ergebnis war die so genannte Zirkumskriptionsbulle (Impensa Romanorum Pontificum), die am 26. März 1824 verabschiedet wurde.
Zweiter Italienaufenthalt – Als Hannoverscher Gesandter in Rom
August Kestners zweiter Romaufenthalt umfasst seine Tätigkeit unter anderem als königlich-hannoverscher Geschäftsträger und Gesandter beim Heiligen Stuhl in Rom und dem sizilianischen Hof in Neapel. Damit vertrat er zugleich hannoversche und britischen Interessen, da zu dieser Zeit eine Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover bestand und das Vereinigte Königreich seit 1534 keine diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl unterhielt. Kestner wird insofern als erster Botschafter des Vereinigten Königreiches beim Heiligen Stuhl bezeichnet.
Historisch betrachtet fiel der Aufenthalt die Epoche der Restauration und des Vormärzes, die mit der Rückkehr von Papst Pius VII. aus der französischen Gefangenschaft (1814) und der Wiederherstellung der gesellschaftlichen und politischen Zustände der vornapoleonischen Zeit begann. Ihr Ende ist mit dem Ausbruch der Revolution von 1848/49 gleichzusetzen, in deren Verlauf in Rom die Republik ausgerufen und Papst Pius IX. zur Flucht ins neapolitanische Gaeta gezwungen wurde.
Die Delegation, die zuvor erfolgreich mit dem Papst verhandelt hatte, wurde 1824 in eine offizielle Gesandtschaft umgewandelt, die August Kestner nun als Legationsrat vertrat. 1849 wird Kestner aus dem diplomatischen Dienst in die Pension entlassen, bleibt aber bis zu seinem Tod in Rom ansässig.
Kunstwissenschaftler, Archäologe und Sammler
Während seines ersten Italienaufenthaltes (1808/09) widmete sich August Kestner insbesondere dem Studium der alten italienischen Meister, vornehmlich Raffael. Der tiefe Eindruck, den die Werke der Renaissance auf August Kestner gemacht haben, zieht sich durch sein ganzes Leben. Im Buche der Kunst und Litteratur, vielmehr jedoch in den Römischen Studien findet die Auseinandersetzung Jahre später damit ihren kunsttheoretischen Höhepunkt. Bei einem Besuch in Heidelberg lernte er die Brüder Melchior Boisserée und Sulpiz Boisserée. kennen, deren umfangreiche Kunstsammlung er studierte. Diese Begegnung und die intensive Auseinandersetzung mit den Gemälden der Sammlung Boisserée ließ in ihm den Entschluss reifen, der Jurisprudenz den Rücken zu kehren und sich in den Kunstwissenschaften zu habilitieren. Während der Konkordatsverhandlungen nahm Kestner die bei seinem ersten Italienaufenthalt geknüpften Kontakte zu Künstlern wieder auf. Zum künstlerischen Freundeskreis zählten Julius Schnorr von Carolsfeld, Peter Cornelius, Johann Christian Reinhart und andere. Kestner setzte sich auch für junge, noch unbekannte Künstler ein, wie etwa für den Schweizer Bildhauer Ferdinand Schlöth, dessen Bruder Friedrich Ludwig Schlöth in Basel damals August Kestners Schwester Charlotte beherbergte.