Der Aufstand von Ibicaba (auch Aufstand der Parceristas oder Revolte von Ibicaba genannt) war der Aufstand schweizerischer und deutscher Siedler auf dem Ibicaba-Gutsbetrieb in Limeira (Brasilien) im Jahr 1856 gegen die Ausbeutung durch die brasilianischen Gutsherren mittels des Halbpacht-Systems (auch Partnerschafts-System oder Parceria-System genannt).
Im 19. Jahrhundert basierte Brasiliens Wirtschaft auf der Sklavenarbeit. Brasilien führte etwa 10 Millionen Sklaven ein, mehr als zehnmal so viele wie damals die USA. Dann wurde die Sklavenarbeit zunehmend eingeschränkt, insbesondere nach Annahme der Aberdeen-Gesetzesvorlage, einem englischen Gesetz, das den Seetransport von Sklaven für den Handel untersagte und dessen Sanktion die Beschlagnahmung von Schiffen vorsah, die dieses Gesetz missachteten. In Brasilien zeigte das Gesetz nach einer Phase des Widerstands Folgen: Die Beschaffung von Sklaven wurde schwieriger und teurer. Deshalb waren neue Maßnahmen erforderlich, um die Produktion auf den landwirtschaftlichen Betrieben aufrechtzuerhalten. Durch die Ausweitung der Agrarflächen in Brasilien und die steigenden Weltmarktpreise für Kaffee nahm die Nachfrage nach Arbeitskräften stark zu. Es sei laut Thomas Davatz damals billiger gewesen, eine ganze Familie von Europäern nach Brasilien zu holen, als einen Sklaven zu kaufen.
Freie Arbeiter, vorzugsweise Europäer, wurden daher für brasilianische Gutsbesitzer attraktiv. Senator Nicolau Pereira de Campos Vergueiro brauchte ein neues System, das ihm eine Alternative zur Sklavenarbeit bot. Er konzipierte das sogenannte Parceria-System (auch Halbpacht-System genannt). Zwischen 1847 und 1857 brachte Vergueiro etwa 180 Familien aus verschiedenen europäischen Regionen als Kolonisten auch dank intensiver Propaganda in Europa auf brasilianischen Gutsbetrieben unter. Anfänglich subventionierte die Provinz Sáo Paulo den Seetransport der Kolonisten. Dann versiegte diese Geldquelle, sodass Vergueiros Agenten in der Schweiz begannen, die Gemeinden etwa durch Waldschlag oder andere Mittel für die Finanzierung der Schifffahrt zu ermuntern. Es kann angenommen werden, dass die für das Parceria-Projekt notwendigen Summen das Vergueiro’sche Vermögen wegen des Ausbleibens der Subventionen durch die brasilianische Provinz über Gebühr belastete. Gemäß dem Parceria-Vertrag schoss der Gutsbetrieb oder die Herkunftsgemeinde die Reisekosten (See- und Landweg in Brasilien) und die Abgabe von Lebensmitteln, Werkzeugen, Baumaterialien bei 6 Prozent Jahreszins vor und schrieb dem Kolonisten die Hälfte des Verkaufserlöses der Kaffeeernte gut, wodurch dieser seine aufgelaufene Schuld tilgen sollte. Was auf den ersten Blick wie ein partnerschaftliches (portug.: parceria: ‚Partnerschaft‘) Verhältnis aussieht, entpuppte sich in der Realität als Knebelung.
An die Ausbeutung der Sklavenarbeit gewöhnt, reproduzierten die brasilianischen Gutsherren ein autoritäres Verhalten ihren Landarbeitern gegenüber und versuchten in einer der Sklaverei ähnelnden Art, so viel wie möglich aus ihnen herauszuholen. So wurden einzelne Kolonistengruppen nach der Landung in Santos auf dem ehemaligen Sklavenmarkt festgehalten, bis man sie unter den interessierten Großgrundbesitzern aufgeteilt und verkauft hatte. Zudem wurde die beschwerliche Reise von Santos bis zum Gutsbetrieb dem Kolonisten zu hohen Preisen in Rechnung gestellt. Jedes Mitglied einer sogenannten Kontraktfamilie (dazu gehörten oft auch „Angeschlossene“ wie alleinstehende Frauen, Alte, Behinderte) war für die Kosten der gesamten Familie zuzüglich Zinsen verantwortlich. So wurde die Familie dazu gezwungen, viele Jahre zu arbeiten, um die Schulden zu tilgen. Der Gutsherr, der die Siedler einstellte, verkaufte ihnen zudem Lebensmittel zu überhöhten Preisen, was dazu führte, dass sie in einem System gefangen waren, das die Siedlerfamilie in immer größere Schulden beim Gutsherrn trieb. Statt unabhängig zu werden, wurden die Familien in vielen Fällen abhängiger vom Arbeitgeber.
Angesichts dieser Ausbeutung empörten sich die Einwanderer des Vorzeige-Landgutes von Senator Vergueiros, dem Ibicaba-Gutsbetrieb, unter Führung von Thomas Davatz, einem Schweizer Lehrer. Verführt durch die massive Anwerbung hatte dieser gutgläubig zuvor in Europa bei den Aussiedlern den Wunsch geweckt, in Brasilien kleine oder mittlere Landeigentümer zu werden.
Einzelne Kolonisten hatten anfänglich gegen unrechtmäßige Vertragsauslegungen und -verzerrungen versucht, bei lokalen Behörden zu klagen, um zu ihrem Recht zu kommen. Sie machten die Erfahrung, dass diese Unrechtmässigkeiten durch die lokalen Machtstrukturen abgesichert wurden, ohne dass sich der kaiserliche Staat und sein Beamtenapparat einschalten konnte und wollte. Deshalb versuchten sie, den Schweizer Konsul zum Vermittler auch beim Kaiser zu machen.
Davatz bündelte die Beschwerden seiner Kolonie, hielt schriftlich seine Beobachtungen fest und versuchte, seine Berichte an die zuständigen Stellen in Rio de Janeiro und in die Schweiz zu schicken. In der Hoffnung auf Unterstützung vertraute Davatz die Beschwerden der Kolonisten dem schweizerischen Hausarzt der Gutsfamilie an. Dieser verriet dem mächtigen Gutsherrn Inhalt und Verfasser der Beschwerden. Darauf folgten Auseinandersetzungen, Schikanen und Drohungen. Davatz gelang es trotzdem, einen Brief an der Zensur der Post vorbeizuschleusen, was riskant war, da die Familie der Vergueiros für die ganze Provinz die Post besorgte und sie auch zu kontrollieren wusste. Der Brief kam in der Schweiz an und bewirkte, dass die Kantone, aus denen die meisten und vor allem auch von Gemeinden bevorschusste Kolonisten nach São Paulo ausgewandert waren, gemeinsam eine Untersuchung vor Ort beschlossen. Dazu setzten sie den Zürcher Jakob Christian Heusser ein. Er sollte die Kolonien der Familie Vergueiro und weitere parceria-Kolonien im Hochland besuchen.
Die Nachricht von der bevorstehenden Untersuchung durch Heusser sorgte bei den Gutsherrschaften und bei den Kolonisten für Aufregung. Die Schweizer wagten es, im Dezember 1856 offen zu revoltieren. Denn nachdem Davatz ins Herrenhaus zitiert worden war, fürchteten viele Kolonisten aufgrund heftiger Wortwechsel, um die körperliche Unversehrtheit ihres Anführers. Sie eilten deshalb bewaffnet mit Werkzeugen und vereinzelt mit Gewehren zum Herrenhaus.
Davatz gelang es, die aufgebrachten Kolonisten zu beruhigen und sie nach Hause zu schicken. Aber die Gutsherren und angestellten Direktoren, für die Sklavenaufstände nichts Unbekanntes waren, taten alles, um bei Heusser den Eindruck von Harmonie und Normalität zu erwecken. Die Kolonisten weigerten sich, dieses Bild ihrerseits zu bestätigen.
die ungerechtfertigten Kommissionsgebühren
die in vielen Fällen ungerechte Verzinsung der Heimatschulden, die von vielen Heimatgemeinden als zinslose Darlehen vorgeschossen wurden
die überhöhten Preise (Weltmarktpreise) für auf der Kaffeeplantage bezogene Lebensmittel und für Geräte, ohne Kenntnis der Preise der bezogenen Güter bis zur ersten Jahresabrechnung
der Zustand vieler Häuser und die einmalige Anzahlung und die folgenden Mietkosten
die Bestechung von schweizerischen/deutschen Unterdirektoren, die geschönte Berichte über Ibicaba verfassten
kein geregelter Schulunterricht, keine Möglichkeit, protestantische Sakramente (Heirat, Taufe) zu beanspruchen
trotz der bezahlten Jahrespauschale für ärztliche Behandlung fehlende Möglichkeiten, einen Arzt zu konsultieren
die übersetzte Umrechnung der Ernte von 3 alqueiras (Hohlmaß) gepflückten Kaffees in 1 arroba (Gewichtsmaß, knapp 15 kg) geschälten Kaffees
die Beraubung der persönlichen Freiheit durch das Verbot, die Plantage ohne schriftliche Erlaubnis der Direktion zu verlassen