Die Aufstände in Oberschlesien (auf Polnisch Powstania śląskie ‚Schlesische Aufstände‘) waren drei bewaffnete Konflikte, die zwischen 1919 und 1921 im zum Deutschen Reich gehörenden Oberschlesien stattfanden. Die Aufstände fanden im Zusammenhang mit der Frage nach der territorialen Zugehörigkeit des durch den Versailler Vertrag festgelegten oberschlesischen Abstimmungsgebiets statt. Die polnischen Aufständischen verfolgten das Ziel des Anschlusses Oberschlesiens an die Zweite Polnische Republik. Die Aufstände unterschieden sich stark voneinander in Umfang und Weise und sind als Teil des von 1919 bis 1922 andauernden politischen Ringens um die territoriale Zugehörigkeit Oberschlesiens zu verstehen.
Der Erste Schlesische Aufstand im August 1919 dauerte etwa zehn Tage, der Zweite Schlesische Aufstand im August 1920 dauerte eine Woche und der Dritte Schlesische Aufstand dauerte etwa zwei Monate, von Anfang Mai bis Anfang Juli 1921. Es ist zu beachten, dass in Oberschlesien vom Frühjahr 1919 bis zum Vollzug der endgültigen Grenzregelung im Sommer 1922 durchgängig Gewalttaten von polnischen und deutschen Nationalisten verübt wurden, die einen bürgerkriegsähnlichen Charakter hatten. Die drei Aufstände unterscheiden sich davon insoweit, dass sich in dieser Zeit geschlossene (para-)militärische Verbände in kriegsähnlichen Gefechten gegenüberstanden und dabei für die Dauer der Aufstände die tatsächliche Kontrolle über die von ihnen besetzten Gebiete ausübten.
Insgesamt dürften bei den militanten Auseinandersetzungen in Oberschlesien zwischen 1919 und 1922 mehrere tausend Menschen gewaltsam ums Leben gekommen sein. Etwa vier Fünftel der Opfer wurden während der drei Schlesischen Aufstände getötet, allein drei Fünftel während des Dritten Schlesischen Aufstands 1921.
Der erste Aufstand im August 1919 war vor allem das Ergebnis eines Richtungskampfes innerhalb der nationalpolnischen Bewegung in Oberschlesien. So bemühten sich die Vertreter der polnischen Nationaldemokratie im ersten Halbjahr 1919 darum, den vollständigen Anschluss Oberschlesiens an Polen auf politischem Weg über die Pariser Friedensverhandlungen zu erreichen. Bis Mai 1919 schien dieser Weg erfolgversprechend zu verlaufen. Nach erheblichen Widerständen von deutscher Seite im Mai 1919 griff die britische Delegation den Vorschlag der Reichsregierung nach Abhaltung eines Plebiszits auf und setzte diesen im Juni 1919 im Rat der Vier durch.
Dies führte in Oberschlesien auf polnischer Seite zu erheblichen internen Spannungen. Die Nationaldemokratie unter ihrem in Oberschlesien führenden Kopf Wojciech Korfanty wollte unbedingt am Weg einer friedlichen politischen Lösung festhalten und schätzte ein Plebiszit als für die polnische Seite gewinnbar ein. Die paramilitärischen Kräfte der Polska Organizacja Wojskowa Górnego Śląska ‚Polnische Militärorganisation Oberschlesien‘ (POW GŚl), des oberschlesischen Ablegers der Polska Organizacja Wojskowa ‚Polnische Militärorganisation‘, nominell unter der Führung von Alfons Zgrzebniok, drängten hingegen auf einen bewaffneten Aufstand, um unverzüglich Fakten zu schaffen. Die POW GŚl war zu dieser Zeit im Stile einer Guerillabewegung in vergleichsweise selbstständig agierenden Gruppen organisiert. Insofern war die Befehlsgewalt nicht vollständig zentralisiert und Korfanty konnte den Kurs der einzelnen Gruppen der POW GŚl nur durch persönliche Kontakte mit den lokalen Kommandeuren indirekt steuern. Zunächst im April und dann erneut im Juni 1919 konnte er die POW GŚl von einem bewaffneten Aufstand abhalten. Als diese Mitte August 1919 erneut mit einem Aufstand drohten, konnte Korfanty erst wenige Stunden vor dem geplanten Beginn des Aufstands seine ablehnende Haltung durchsetzen, doch konnten nun nicht mehr alle Gruppen rechtzeitig informiert werden. Die in der älteren Literatur gelegentlich vertretene These, der erste Aufstand sei eine spontane Reaktion auf einen gewalttätigen Zusammenstoß zwischen polnischen Bergarbeitern und deutschen Aufsehern gewesen, ist historisch widerlegt.
Der erste Aufstand brach in der Nacht vom 16. auf den 17. August 1919 aus und dauerte bis zum 26. August 1919. Er blieb im Wesentlichen auf die Kreise Rybnik und Pleß beschränkt. Während dieser Zeit verfügte die POW GŚl insgesamt schätzungsweise über etwa 14.000 Kämpfer, jedoch nur über etwa 3800 Gewehre und weitere etwa 2300 Schusswaffen. Die Zahl der aktiv Beteiligten am ersten Aufstand war sicherlich deutlich geringer, genaue Angaben lassen sich kaum rekonstruieren.
Die deutsche Seite ging unter Leitung des mit Sondervollmachten der Reichsregierung ausgestatteten Reichs- und Staatskommissars Otto Hörsing (SPD) mit regulären Truppen (Kleine Reichswehrbrigade Nr. 32 unter dem militärischen Kommando von Generalmajor Karl Hoefer), die von der sogenannten Schwarze Reichswehr unterstützt wurden, mit großer Brutalität gegen die Aufständischen vor. Bei den Kämpfen kamen insgesamt etwa 500 Personen ums Leben, davon etwa 100 auf deutscher Seite. Die Kämpfer der POW GŚl mussten sich über die Grenze nach Polen ins Exil zurückziehen, viele ihrer geheimen Strukturen wurden in den folgenden Monaten von der deutschen Polizei und dem Militär zerschlagen.
Nach dem gescheiterten Aufstand wurden die paramilitärischen Strukturen in den folgenden Monaten schrittweise umgestaltet. Sowohl der Nationaldemokrat Wojciech Korfanty als auch die politisch konkurrierende Gruppe um Józef Piłsudski gelangten zu der Auffassung, dass die oberschlesischen Paramilitärs unter eine stärkere Kontrolle gestellt, aber auch in ihrer Kampfkraft gestärkt werden mussten. Zwischen 1919 und Frühjahr 1920 kam es zu diversen Umorganisationen. Zunächst wurde die POW GŚl aufgelöst und mit der Polska Obrona Górnego Śląska ‚Polnische Verteidigung Oberschlesiens‘ für einige Monate eine Nachfolgeorganisation gegründet, die jedoch schon im Dezember 1919 wieder den ursprünglichen Namen erhielt. Bei der Umbildung wurden alle als unzuverlässig aufgefallenen Mitglieder ausgeschlossen. Weiterhin übernahmen nun Offiziere des polnischen Militärs die wichtigsten Befehlsstellen, und das bislang im Teschener Schlesien gelegene Hauptquartier wurde nach Sosnowiec, unmittelbar an die oberschlesische Grenze, verlegt. Das Oberkommando der POW GŚl wurde schließlich bis zum Sommer 1920 in die Abteilung II des Polnischen Plebiszitkommissariats eingegliedert. Es unterstand nun den Anweisungen des Plebiszitkommissars Korfanty, faktisch waren aber nahezu alle befehlshabenden Offiziere Piłsudski-Anhänger. Die Eigenmächtigkeiten der lokalen oberschlesischen Kommandeure waren damit beendet, jedoch spitzte sich der politische Richtungsstreit zwischen Nationaldemokratie und dem Piłsudski-Lager noch weiter zu.
Zweiter Aufstand (August 1920)
Der sogenannte Zweite Schlesische Aufstand dauerte nur wenige Tage, vom 19.–25. August 1920. Er stand im engen Zusammenhang mit der laufenden Plebiszitkampagne. Im Februar 1920 hatte die Interalliierte Regierungs- und Plebiszitskommission die Kontrolle über das oberschlesische Abstimmungsgebiet übernommen. Laut Versailler Vertrag mussten sich die deutschen Behörden daraus für die Zeit der Vorberereitung, Durchführung und bis zur abschließenden Vereinbarung des Grenzverlaufs zwischen dem Deutschen Reich und Polen zurückziehen. Sowohl die Reichswehr als auch die deutschen Freikorps zogen sich in das nahe niederschlesische Breslau zurück. Im Abstimmungsgebiet verblieb nur die etwa 4000 Mann starke deutsche Sicherheitspolizei, die nun dem Kommando der Interalliierten Kommission unterstand. Daneben verfügte die Kommission selbst über etwa 15.000 Soldaten (etwa 12.000 französische und etwa 3000 italienische). Die POW GŚl verfügte schätzungsweise über 8000 Kämpfer und weitere 20.000 Unterstützer. Damit hatte sie zwar zahlenmäßig noch nicht wieder ganz die Stärke vor dem ersten Schlesischen Aufstand erreicht, durch die Reformen in den Monaten zuvor und die systematische Unterstützung durch das reguläre polnische Militär war sie jedoch besser organisiert und ausgerüstet.