Ein Atom-U-Boot ist ein Unterseeboot, das die Energie für seinen Antrieb und seine Bordsysteme aus mindestens einem Kernreaktor bezieht (Kernenergieantrieb). Atom-U-Boote sind seebasierte Waffenträgersysteme bzw. Trägermittel, welche konventionelle oder atomare Kampfmittel für einen möglichen Einsatz bereithalten.
Mit der US-amerikanischen Nautilus wurde am 30. September 1954 das erste Atom-U-Boot in Dienst gestellt. Gegenwärtig betreiben sechs Nationen nukleargetriebene Unterseeboote; dies sind die Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritannien, Russland, Frankreich, die Volksrepublik China und Indien. Diese Staaten, bis auf Indien, sind die Kernwaffenstaaten nach dem Atomwaffensperrvertrag. Bis heute gelten Atom-U-Boote als Garant der gegenseitigen nuklearen Abschreckung dieser Länder (und übergeordnet auch der NATO) und werden von den Atomstreitkräften betrieben. Da es noch andere Kriegsschiffe mit Kernenergieantrieb gibt, sind Atom-U-Boote auch Teil einer nuklearen Marine.
Atom-U-Boote haben gegenüber den meist kleineren und kostengünstigeren U-Booten mit konventionellen Antrieben, wie etwa dem dieselelektrischen Antrieb, vor allem die Vorteile einer fast unbeschränkten Reichweite und der praktisch nur durch die Nahrungsvorräte an Bord begrenzten Tauchgangsdauer. Mehr dazu siehe auch der Abschnitt Nukleare Antriebstechnik.
Atom-U-Boote waren prinzipiell Gegenstand des Kalten Kriegs. Ihre militärischen Mittel bzw. Kapazitäten (ballistische Raketen mit Kernsprengkopfbeladung) wurden jedoch durch einzelne Rüstungsabkommen beschränkt, vgl. die START-Abkommen. Auch im 21. Jahrhundert spielen sie jedoch noch eine ähnliche Rolle, wobei seit etwa 1990 – dem Jahr des Zusammenbruchs der Sowjetunion – eine nicht-bipolare Weltordnung die internationale Sicherheitspolitik prägt, da mehrere Länder im Besitz von Atom-U-Booten und Kernwaffen sind.
Die Entwicklung der Atom-U-Boote begann nach Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst in den Vereinigten Staaten. Der amerikanische Physiker Philip Hauge Abelson beschäftigte sich mit maritimer Antriebstechnik und in diesem Rahmen auch mit der Möglichkeit, einen Reaktor in einem U-Boot unterzubringen. Zur gleichen Zeit waren auf diesem Gebiet die United States Atomic Energy Commission (AEC) und das Bureau of Ships der United States Navy (USN) tätig. Die Dachorganisation bzw. das Programm war und ist heute noch Naval Reactors (NR).
In diesen Behörden verfolgte vor allem der spätere Admiral und sogenannte „Vater der Nuklearmarine“ Hyman Rickover die Idee eines nuklear angetriebenen U-Bootes. Auf Basis von Abelsons Forschungsergebnissen entwarf eine Gruppe um den Reaktorphysiker Alvin M. Weinberg schließlich einen Reaktor für Unterseeboote. Der Kongress der Vereinigten Staaten genehmigte im Juli 1951 schließlich den Bau eines ersten, voll einsatztauglichen Prototyps für die Navy. Unter der Leitung Rickovers wurde so bis 1954 das erste Atom-U-Boot der Welt, die Nautilus, gebaut. Am 17. Januar 1955 legte die Nautilus erstmals unter Nutzung des Atomantriebs vom Pier ab. Im Sommer 1958 demonstrierte sie mit der ersten Unterquerung des Nordpols den Vorteil ihres neuartigen Antriebssystems. Die USS Triton war 1960 das erste U-Boot, das die Erde komplett unter Wasser umrundete.
Auch die Sowjetunion entwickelte eine Reihe von Atom-U-Booten. Ende 1952 wurde ein entsprechendes Dekret unterzeichnet, Reaktoren befanden sich bereits seit einiger Zeit unter der Leitung von Kerntechniker Nikolai Dolleschal in Entwicklung. Das erste sowjetische Atom-U-Boot, die Leninski Komsomol, wurde ab September 1955 in der Werft von Sewerodwinsk gebaut und im Sommer 1958 erstmals mit nuklear erzeugter Energie betrieben. Das Boot mit der taktischen Nummer K-3 unterquerte 1962 vier Jahre später als die Nautilus den Nordpol.
1969 lief bei dem Rüstungskonzern Electric Boat (EB) das kleinste Atom-U-Boot vom Stapel. Das nur rund 45 Meter lange, bisher einzige atomgetriebene Forschungs-U-Boot NR-1 wurde ebenfalls von Hyman Rickover in Auftrag gegeben.
Der Begriff Atom-U-Boot bedeutet nicht immer, dass das U-Boot Atomwaffen mit sich führt, sondern man unterscheidet (vgl. der Abschnitt Klassifizierung weiter unten) zwischen: (1) nukleargetriebenen Angriffs-U-Booten (SSN) die meist mit Torpedowaffen beladen sind, (2) nukleargetriebenen strategischen U-Booten mit ballistischen Raketen (SSBN), die als Trägerplattformen die Atomwaffen bzw. SLBMs tragen, und nukleargetriebenen U-Booten mit speziellen Lenkflugkörpern (SSGN). Ein konventionell angetriebenes U-Boot, das mit Atomwaffen bewaffnet ist, wird hingegen nicht als Atom-U-Boot bezeichnet. SSNs können in manchen Fällen auch Marschflugkörper mit Kerngefechtsköpfen tragen. SSBNs können je nach Konfiguration der Plattform auch SLBMs und Kerngefechtsköpfe tragen.
Atom-U-Boote werden im Wesentlichen in drei verschiedenen Rollen eingesetzt. Die Bezeichnungen folgen der Nomenklatur der US Navy und NATO:
Als Ship Submersible Nuclear (SSN) (zu Deutsch etwa: „Tauchfähiges Schiff mit Nuklearantrieb“) werden so genannte Angriffs- und Jagd-U-Boote bezeichnet. Ihre Hauptaufgabe sind das heimliche Verfolgen feindlicher Unterseeboote sowie Operationen nahe der feindlichen Küste, unter anderem zur elektronischen Überwachung oder dem Absetzen von Sondereinsatzkräften, wobei vor allem eine leise Unterwasserfahrt wichtig ist, um nicht von feindlichem Sonar wahrgenommen zu werden.
Ship Submersible Ballistic Nuclear (SSBN) (deutsch etwa: „Tauchfähiges Schiff mit Nuklearantrieb und ballistischen Raketen“) sind U-Boote, die Unterwasser-abschussfähige ballistische Raketen (vgl. auch Ballistik) tragen und abschießen können. Diese SSBN fahren für gewöhnlich in den Weiten der Ozeane, um im Falle eines feindlichen atomaren Erstschlages unerreichbar für den Feind zu sein. Somit stellen sie den wichtigsten Teil der Zweitschlagskapazität. Den SSBNs wird nachgesagt, sie seien das „am besten zu überlebende Bein“ der nuklearen Triade. ICBMs sind stationär und gegen luftbasierte Trägermittel wie strategische Bomber existiert eine Vielzahl von Abwehrsystemen. SSBNs sind Trägersysteme für spezielle Interkontinentalraketen (SLBMs), gepaart mit eigenen Kernsprengköpfen (in den USA beispielsweise der W76 und W88), und werden für den Einsatz auf hoher See entwickelt und gebaut. SSBNs werden umgangssprachlich auch „Boomer“ genannt.
Ein Ship Submersible Guided Missile Nuclear (SSGN) (deutsch etwa: „Tauchfähiges Schiff mit Nuklearantrieb und Marschflugkörpern“) trägt Marschflugkörper und/oder Seezielflugkörper. Die Aufgabe dieses Typs besteht in taktischen Angriffen etwa auf Flugzeugträgerkampfgruppen und Landziele. Diese Bezeichnung ist jedoch weniger geläufig, da SSBNs teilweise auch Lenkwaffen bzw. Marschflugkörper tragen und einsetzen können.
Atom-U-Boote werden vorwiegend für sogenannte „Blue Water Operations“ (Operationen im blauen Wasser) eingesetzt, also für Einsätze jenseits des Kontinentalschelfs. In den Weiten der Ozeane können sie ihre dauerhaft höhere Geschwindigkeit und ihre lange Unterwasserausdauer weitaus besser ausspielen als in den flachen, engen Küstengebieten.
Alle US-Navy Atom-U-Boote sind innerhalb einer Nuclear Command, Control and Communication (NC3)-Infrastruktur für den autorisierten Einsatz ihrer Waffen ausgelegt und ausgestattet. Im nationalen Notfall sind die Kommunikationsnachrichten der USA die Emergency Action Message (EAM). Die Führungsorganisation der US-Atomstreitkräfte ist die STRATCOM.
Aufgabengebiete der SSNs sind der Schutz von so genannten „Dickschiffen“, etwa Flugzeugträger oder Amphibische Angriffsschiffe, aber auch die Jagd auf feindliche U-Boote und Überwasserschiffe und die Gewinnung von Geheimdienstinformationen etwa über die Ergebnisse von Waffen- oder Schiffstests einer anderen Nation.
Nukleargetriebene Strategische Atom-U-Boote (SSBNs) hingegen patrouillieren in möglichst abgelegenen Gebieten, um im Falle eines Atomkrieges lange genug unentdeckt zu bleiben und ihre Interkontinentalraketen abfeuern zu können. Eine Mischung dieser Strategien machen sich die SSGN zu eigen. Sie können eingesetzt werden, um etwa feindliche Konvois zu verfolgen und anzugreifen, aber auch um in großer Distanz zur Küste zu warten und Marschflugkörper großer Reichweite auf Landziele abzufeuern.