An diesem Tag

Assia Djebar

Algerische Schriftstellerin, Filmemacherin, Historikerin und Hochschullehrerin

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Assia Djebar (bürgerlich Fatima-Zohra Imalayène; * 30. Juni 1936 in Cherchell bei Algier; † 6. Februar 2015 in Paris) war eine in französischer Sprache schreibende algerische Schriftstellerin, Regisseurin, Historikerin und Hochschullehrerin. Sie gilt als eine der renommiertesten Autorinnen aus dem Maghreb. 2005 wurde sie als erste Autorin oder Autor des Maghreb in die Académie française gewählt. Ihre Werke sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden.

Geboren wurde Assia Djebar als Fatima-Zohra Imalayène in eine Großfamilie mit traditionellen Strukturen. Ihre Mutter Bahia Sahraoui entstammte einer Berberfamilie, ihr Vater Tahar Imalayène war einer der wenigen einheimischen Lehrer an einer Grundschule der französischen Kolonialmacht und bezeichnete sich als Sozialist. Fatima-Zohra besuchte sowohl eine Koranschule als auch die Schule, an der ihr Vater unterrichtete. Sie wuchs zwischen der mütterlichen Welt der Berge und der väterlich geprägten Schulwelt der kolonialen Städte auf. Anschließend konnte sie als eine von wenigen arabischen Schülerinnen ein französischsprachiges Gymnasium absolvieren.

Ihr Vater ermöglichte ihr auf der einen Seite den Erwerb von Bildung und die Möglichkeit, sich relativ frei im öffentlichen Raum zu bewegen. Er weckte früh ihren Geschmack an Büchern und führte sie an die französischsprachige Bildung heran. Auf der anderen Seite unterband er jedoch strikt jeden Versuch, mit dem anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen. In ihrem Roman L’Amour, la fantasia (1985) beschreibt Djebar unter anderem ihre Kindheit zwischen Tradition und Moderne unter der Herrschaft des französischen Kolonialismus.

Nach einer Hypokhâgne am Lycée Bugeaud in Algier wechselte sie im Oktober 1954 ans Lycée Fénelon in Paris, wo unter anderem Dina Dreyfus zu ihren Lehrerinnen gehörte. 1955 trat sie in die École normale supérieure de jeunes filles in Sèvres ein, studierte dort Geschichte und wurde damit zur ersten Algerierin, die in Frankreich an der École normale supérieure aufgenommen wurde. Sie engagierte sich gemeinsam mit anderen algerischen Studenten im antikolonialistischen Kampf, nahm an einem Studentenstreik teil, legte keine Prüfungen ab und musste die Hochschule 1958 verlassen. 1959 wurde auf Betreiben Charles de Gaulles ihre Wiederaufnahme veranlasst, nachdem sie bereits als literarisches Talent wahrgenommen worden war.

Während des Studentenstreiks schrieb sie ihren ersten Roman La soif (dt. Durst, 2002), der 1957 in Paris erschien. Um ihre Familie nicht zu verletzen und zu gefährden, nahm sie den Namen Assia Djebar an; Assia steht für Trost, Djebar für Unnachgiebigkeit. Es handelt sich um eine Liebesgeschichte ohne Bezug auf den aktuellen antikolonialen Kampf, in der sie auch die Beschreibung von Sexualität nicht ausspart. Dieses Buch machte sie in Frankreich schnell bekannt. Sie wurde dort mit Françoise Sagan verglichen. Unter Algeriern stieß sie auf heftige Ablehnung. Die einen bezeichneten sie als unmoralisch, ja sogar „Hure“, während andere ihren „kleinbürgerlichen“ Hintergrund monierten. 1958 kam Les impatients (dt. Die Ungeduldigen, 2000) heraus. Dort schreibt sie über die Situation arabischer Frauen im damals noch kolonisierten Algerien. Protagonistin ist eine junge gebildete Frau, die ihrem Geliebten nach Paris folgt. Djebar thematisiert erneut erotische Fragen und die Enge der algerischen Gemeinschaft, aber auch „das Recht der Kolonisierten auf Emanzipation“.

Im selben Jahr zog sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem algerischen Freiheitskämpfer Walid Garn, der in Frankreich verfolgt wurde, ins Exil nach Tunesien. Dort schloss sie ihr Studium ab und arbeitete als Journalistin für El Moudjahid; zu ihren frühen Reportagen gehörten Berichte über Flüchtlingslager nach dem Bombardement von Sakiet Sidi Youssef. Für kurze Zeit hatte sie anschließend an der Universität von Rabat (Marokko) einen Lehrauftrag. Nach der Unabhängigkeit kehrte sie am 1. Juli 1962 als Reporterin nach Algier zurück und wechselte kurz darauf an die Universität Algier. Dort lehrte sie Geschichte – insbesondere moderne und zeitgenössische Geschichte Algeriens und des Maghreb – sowie Theaterwissenschaften. Sie war zunächst die einzige Lehrende für moderne und zeitgenössische Geschichte Algeriens. Als die algerische Regierung 1965 verlangte, Geschichte auf Arabisch zu unterrichten, protestierte Djebar und ging erneut nach Frankreich.

In den 1970er Jahren verfasste Djebar keine Romane, hielt sich häufig in Algerien zu Recherchen auf, schuf zwei erfolgreiche Dokumentarfilme in arabischer und berberischer Sprache und arbeitete als Regisseurin und Regieassistentin in weiteren Filmen. Sie hatte zuvor klassische arabische Studien betrieben. „In ihren späteren Romanen bereicherte sie denn auch die französische Sprache durch Klänge und Rhythmen des Arabischen.“ 1974 kehrte sie erneut nach Algerien zurück.

Nach ihrer Scheidung 1975 lehrte sie Theaterwissenschaft an der Universität in Algier. 1980 heiratete sie den algerischen Schriftsteller Malek Alloula. Das Ehepaar wohnte vorwiegend in Paris, besuchte aber häufig die algerische Heimat. Zu Beginn der 1980er Jahre ging sie wieder nach Frankreich; den Schritt verband sie mit der zunehmenden Verdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Raum in Algier. Ab den 1990er Jahren mussten diese Besuche aus politischen Gründen unterbleiben.

Ab Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte sie wiederum Romane, Erzählungen und Essays, darunter ihr Hauptwerk, das Algerische Quartett: 1985 L’amour, la fantasia (dt. Fantasia, 1993); 1987 Ombre Sultane (dt. Die Schattenkönigin, 1991); 1995 Vaste est la prison (dt. Weit ist mein Gefängnis, 1997). Der vierte Band blieb unveröffentlicht. 1994 schloss sie sich unmittelbar nach dessen Gründung dem Parlement international des écrivains an, in dem sie Fragen sprachlicher und kultureller Vielfalt vertrat. 2007 erschien ihre Autobiografie Nulle part dans la maison de mon père (dt. Nirgendwo im Haus meines Vaters, 2009) über ihre Kindheit und frühe Jugend im Maghreb.

1997 erhielt Assia Djebar eine Professur am Zentrum für französische und frankophone Studien der Louisiana State University; in Baton Rouge lehrte sie in den 1990er Jahren an der Seite von Édouard Glissant. Von 2001 bis zu ihrem Tod lehrte sie am Department of French Studies der New York University, zuletzt als Professorin für französische Literatur. Sie lebte in Paris und New York.

Assia Djebar starb am 6. Februar 2015 in Paris. Nach ihrem Tod würdigte der französische Präsident François Hollande die Vielschichtigkeit ihres Werks zwischen Algerien und Frankreich sowie zwischen berberischer, arabischer und französischer Sprache. Beerdigt wurde sie in ihrer Heimatstadt Cherchell bei Algier.

Bereits 1957 wurde Assia Djebar mit ihrem ersten Roman La Soif in Frankreich berühmt. Ihr Werk behandelt immer wieder die Geschichte Algeriens, die Situation von Frauen und die Konflikte um Sprache. Sie beschreibt in La Soif den Emanzipationsversuch einer jungen arabischen Frau in Algerien, kurz vor dem Unabhängigkeitskrieg. Auch ihr zweites Buch befasst sich mit dem Streben nach Freiheit, dem Aufbegehren gegen die Grenzen der patriarchalischen Tradition. In den beiden folgenden Werken verknüpft sie Schicksale von Frauen, die im Schatten stehen, mit der algerisch-französischen Geschichte. In Les enfants du nouveau monde (1962) rückte sie Frauen in einer ländlichen algerischen Stadt in den Blick, deren Lebenswege in den Widerstand hineinführen.

Die frühen Romane weisen eine kontinuierliche Erzählstruktur auf. Die Gefühle und Wünsche eines Teils (vorwiegend intellektueller) arabischer Frauen, die sich nicht selbst äußern konnten, werden thematisiert. Von Kritikern sah sich Assia Djebar mit dem Vorwurf konfrontiert, sie stelle die Geschlechterfrage in den Mittelpunkt ihrer Romane, anstatt sich vornehmlich mit dem Freiheitskampf des algerischen Volkes zu beschäftigen. Außerdem schreibe sie in der Sprache des Feindes.

Djebar setzte sich daraufhin intensiv mit der Sprache ihrer Literatur auseinander, die sie einerseits als Medium der Kolonialisten ansah, andererseits aber als Instrument zum Transport freiheitlicher, emanzipatorischer Ideen einer arabischen intellektuellen Frau. Die Sprachkonflikte Algeriens blieben ein zentrales Thema; in Le Blanc de l’Algérie verband sie die Krise ihres Landes ausdrücklich mit ungelösten Sprachproblemen.

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