Ariodante (HWV 33) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Ihre Uraufführung fand am 8. Januar 1735 im Theatre Royal, Covent Garden in London statt. Das Libretto basiert auf einer Vorlage von Antonio Salvi. Es ist die zweite in Händels „Trilogie“ von Opern nach Ariosts Orlando furioso, zusammen mit Orlando (1733) und der einige Monate später uraufgeführten Alcina. Jeder Akt enthält auch Tanzszenen, die für die berühmte Tänzerin Marie Sallé und ihre Compagnie komponiert wurden.
Ariodante war die erste neu komponierte Oper, die Händel für das Theatre Royal in Covent Garden komponierte.
Im Sommer 1734 war sein Vertrag mit Johann Jacob Heidegger über die Nutzung des King’s Theatre am Haymarket ausgelaufen und Heidegger verpachtete sein Theater danach an Händels Konkurrenz, die „Adelsoper“. Händel ließ sich dadurch nicht entmutigen, ging erst einmal zur Erholung in das Kurbad Tunbridge Wells und schloss einen Vertrag mit dem Impresario John Rich und dessen Theatre Royal in Covent Garden, das erst wenige Jahre zuvor nach Plänen des Architekten Edward Shepherd erbaut worden war. Richs Theater, in dem bis dahin Schauspiele und Pantomimen aufgeführt wurden, bot beste Möglichkeiten für Opern- und Oratorienaufführungen. Zu den Attraktionen des Covent Garden Theaters gehörte zu der Zeit auch die französische Tänzerin Marie Sallé, die bereits 1717, als 10-jähriges Kind, in einer Aufführung von Händels Rinaldo in London aufgetreten war sich inzwischen zu einer progressiven Künstlerin mit eigenen Ideen entwickelt, die nicht nur als sensationell, sondern teilweise als skandalös empfunden wurden:
Händel begann mit der Komposition von Ariodante am 12. August 1734 („August. 12. 1734 | angefangen“). Er beendete den ersten Akt am Agost 28: 1734., seine weiteren Datierungen im Autograph lauten: Fine dell Atto 2do li 9 di Settembre 1734. und Fine dell Opera Octobr 24. 1734. Händel nahm sich also mehr als zehn Wochen Zeit für die Komposition.
Inzwischen hatte die konkurrierende Adelsoper zu ihrem ohnehin erstklassigen Ensemble (mit Senesino und der Cuzzoni) als besonderen Coup den „berühmtesten Vokalvirtuosen der Welt“ engagiert, Carlo Broschi, genannt Farinelli, der am 29. Oktober – wenige Tage nach der Fertigstellung von Ariodante – in einer Aufführung des Pasticcios Artaserse im Haymarket-Theater mit seinen überwältigenden vokalen Mitteln und Künsten alle Aufmerksamkeit und Begeisterung auf sich zog. Die Musik stammte von Farinellis Bruder Riccardo Broschi und von Johann Adolph Hasse.
In dieser für Händel schwierigen Situation stand ihm immerhin neben seiner Lieblings-Primadonna Anna Maria Strada der Kastrat Giovanni Carestini zur Verfügung, der laut Burney und Hasse in jeder Hinsicht, sowohl als Sänger wie als Schauspieler, die Vollkommenheit in Person gewesen sein soll. Händel nutzte für die Figur des Ariodante alle Vorzüge Carestinis, nicht zuletzt dessen Expressivität und atemberaubende Virtuosität.
Wahrscheinlich aus taktischen Gründen zögerte Händel die Uraufführung seiner neuesten Oper erst einmal hinaus und beschränkte sich auf Wiederaufnahmen von Il pastor fido – das er für die Sallé und ihre Compagnie um das Ballett Terpsicore erweiterte – und Arianna in Creta im November 1734. Kurz vor Weihnachten, am 18. Dezember, ließ er das Pasticcio Oreste aus eigenen Werken folgen, während die Adelsoper mit besonders unfairen Waffen kämpfte und ein Arrangement von Händels Ottone mit Farinelli in der Rolle des Adalberto (der einzigen Händelpartie, die er jemals sang) auf die Bühne brachte.
Während die Vorbereitungen zu Ariodante in vollem Gang waren, berichtete die London Daily Post and General Advertiser am 1. Januar 1735, dass die Bühnenbilder der Oper Alles überträfen, was man je gesehen habe („... The scenes prepar’d for that purpose are thought to exceed any Thing of the Kind that has yet appear’d“).
Eine Woche später, am 8. Januar 1735, fand die Uraufführung des Ariodante im Covent Garden Theatre in London statt – in Anwesenheit des Königs und der Königin, die Händel auch finanziell unterstützt hatten. Es sangen:
Ariodante – Giovanni Carestini, genannt “Il Cusanino” (Mezzosopran-Kastrat)
Ginevra – Anna Maria Strada del Pó (Sopran)
Dalinda – Cecilia Young (Sopran)
Polinesso – Maria Caterina Negri (Alt)
Il Re di Scozia – Gustav Waltz (Bass)
Odoardo – Michael Stoppelaer (Tenor)
Tanz und Choreographie – Marie Sallé
Anscheinend war die Oper kein besonderer Erfolg. Laut Königin Caroline von Ansbach fand sie „nicht die übliche Zustimmung“, weil man sie „so pathetisch und düster“ fand, „dass jeder, der sie gesehen hat, diese Meinung teilt und davon betrübt ist.“ Ihre Tochter Caroline schrieb allerdings an ihre Schwester, die Oper sei „ziemlich voll“ gewesen. Bis zum 3. März wurde Ariodante elfmal aufgeführt.
Händel brachte den Ariodante im folgenden Jahr am 5. und 7. Mai 1736 nochmals auf die Bühne, weil seine übernächste Oper Atalanta noch nicht fertig war, diesmal mit Gioacchino Conti, genannt Gizziello in der Titelrolle, da Carestini im Juli 1735 nach Venedig abgereist war. Getanzt wurde bei diesen Vorstellungen nicht. Gizziello war so kurzfristig vor diesen Aufführungen angereist, dass keine Zeit war, die Händelschen Arien zu ändern – denn im Gegensatz zu dem Mezzosopran Carestini war Gizziello ein echter Sopran. So erlaubte Händel das erste und einzige Mal einem seiner Sänger, Arien eines anderen Komponisten in seine eigene Oper zu importieren. Sämtliche Arien des Ariodante waren durch solche unbekannter Herkunft ersetzt, die Conti vermutlich aus Italien mitgebracht hatte.