Die Arbeiter-Zeitung (AZ), ab Jahresbeginn 1961 mit AZ als Zusatzlogo, ab Anfang September 1970 mit AZ als Blatttitel, war in fast ihrer gesamten Herausgabezeit das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie und erschien – mit oftmals wechselnden Titelzusätzen – von 1889 bis 1938 sowie von 1945 bis 1991.
Nach dem diktaturbedingten Verbot durch den austrofaschistischen Ständestaat im Zusammenhang mit den Februarkämpfen erschien das Blatt nach der letzten regulären Ausgabe am 12. Februar 1934 (Nummer 41 im 47. Jahrgang) bis zur letzten Ausgabe am 15. März 1938 als Exilzeitschrift. Erst nach der Wiedererrichtung der Republik Österreich konnte die Arbeiter-Zeitung ab August 1945 im 47. Jahrgang als Nummer 1 wieder erscheinen. Die Zeitung stand seit ihrer Erstausgabe 1889 durchgängig bis in das Jahr 1989 direkt oder indirekt im Eigentum der österreichischen Sozialdemokratie, anfangs im Eigentum der Gründer aus dem Umfeld der Partei, später unter dem jeweiligen Parteinamen der heutigen Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Die folgenden Restrukturierungsmaßnahmen konnten den Niedergang des Blattes nicht mehr aufhalten. Am 31. Oktober 1991 wurde die Arbeiter-Zeitung eingestellt.
Die erste Arbeiterzeitung aus dem Umfeld der österreichischen Sozialdemokratie war Das Wiener allgemeine Arbeiterblatt, die 1848 ihren Redaktionssitz am Wiener Kohlmarkt 260 (heute am Kohlmarkt 8 in der Inneren Stadt) hatte.
Direkte Vorgängerin war die am 11. Dezember 1886 erstmals erschienene und 1889 verbotene Zeitschrift Gleichheit. Sozialdemokratisches Wochenblatt, die von dem jungen, vermögenden Wiener Arzt Viktor Adler herausgegeben wurde und ihren Redaktionssitz in der Gumpendorfer Straße 73 im 6. Wiener Gemeindebezirk Mariahilf hatte. Als verantwortlicher Redakteur zeichnete Ludwig August Bretschneider.
Die Arbeiterschaft stand in den 1880er Jahren unter hartem Druck des Ausnahmezustandes, den die damalige k.k. Regierung unter Eduard Taaffe verhängt hatte: Taaffe baute ein polizeistaatliches Überwachungssystem auf, schränkte die Pressefreiheit massiv ein und führte im Jahr 1884 scharfe Gesetze gegen die Arbeiterbewegung ein; die Gewerkschaften wurden aufgelöst. Die Bewegung zersprengte sich in die zwei einander bekämpfenden Flügel der „Radikalen“ und der „Gemäßigten“. In diesem Umfeld gründete Adler das Wochenblatt Gleichheit und konnte alsbald die beiden Fraktionen um sein Blatt vereinen. Zwei Jahre nach der Blattgründung, Ende 1888 auf dem Hainfelder Parteitag, konnte er die Radikalen und die Gemäßigten in der neuen, geeinten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) vereinen und wurde zu deren erstem Vorsitzenden gewählt. Über die noch kleine Wochenzeitung Gleichheit, die für ihre sozial engagierten und aufrüttelnden Reportagen bekannt wurde, drang der neue Aufbruch des Sozialismus auch zu den Massen der Arbeiterschaft.
Zum ersten Maifeiertag am 1. Mai 1890, die Arbeiter-Zeitung war bereits gegründet, „[sprengte] [d]ie gewaltige Massenerhebung der österreichischen Arbeiter […] den Ausnahmezustand“:
Die Gleichheit, in der kurzen Zeit ihres Erscheinens insgesamt 45 Mal beschlagnahmt, erschien am 14. Juni 1889 zum letzten Mal und Viktor Adler wurde zu vier Monaten Arrest verurteilt. In der Arbeiter-Zeitung vom 20. Dezember 1936 heißt es „… die »Gleichheit«, ist schon am 21. Juni 1889 von der Polizei eingestellt worden; …“ Wenige Wochen danach, im Juli desselben Jahres, wurde die Arbeiter-Zeitung als unmittelbare Nachfolgerin aus der Taufe gehoben.
Monarchie, Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit
Das erste Arbeiter-Zeitung genannte Periodikum erschien erstmals am 12. Juli 1889, anfangs jeden zweiten und vierten Freitag im Monat und mit Blatttitel Arbeiterzeitung. – Organ der österreichischen Sozialdemokratie. (Mit abschließenden Punkten; Arbeiterzeitung noch ohne Bindestrich/Doppelbindestrich gesetzt.) Gegründet wurde die in Wien ansässige Zeitung nach einhelliger Quellenlage von Viktor Adler. Die Gründungspersonen laut Impressum waren Julius Popp und Rudolf Pokorny als Herausgeber sowie Ludwig August Bretschneider als verantwortlicher Redakteur. Ab der ersten Nummer wurde in der Genossenschafts-Buchdruckerei in der Alserstraße 32 im 9. Bezirk, Alsergrund, und dort bis Februar 1893 gedruckt. Der Redaktionssitz war, wie schon beim Vorgängerblatt Gleichheit, in der Gumpendorfer Straße 73. Von Februar 1893 bis 24. April 1900 erfolgte der Druck dann in der Universitätsstraße 6–8, Redaktion und Expedit waren an die Adresse Schwarzspanierstraße 10 / Ferstelgasse 6 übersiedelt. Die Zeitung hatte in dieser Zeit eine Auflage von etwa 24.000 Stück.
Erstmals ab dem 18. Oktober 1889 wurde der Blatttitel auf Arbeiter⸗Zeitung. (mit abschließendem Punkt; erstmals mit Doppelbindestrich, im Blattinneren blieb vorerst noch Arbeiterzeitung erhalten) sowie auf wöchentliches Erscheinen an jedem Freitag umgestellt, ab dem 31. Oktober 1893 folgte eine zusätzliche Dienstagsausgabe. Mit der Ausgabe vom 19. Dezember 1889 war der Punkt hinter Arbeiter-Zeitung weggefallen.
Mit 1. Jänner 1895 – dieses Datum wurde für die nächsten Jahrzehnte zum Gründungsdatum der Zeitung erklärt, wobei dessen ungeachtet der Jahrgang ab 1889 weiter fortgezählt wurde – erfolgte unter den Eigentümern Julius Popp und Jakob Reumann und dem als Herausgeber fungierenden Viktor Adler die Umstellung zu täglicher Erscheinungsweise unter dem Blatttitel (weiterhin mit abschließendem Punkt) Arbeiter-Zeitung – Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie.
Vor dem Ersten Weltkrieg galt die Arbeiter-Zeitung als klassenkämpferisches Organ. Nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien erschien am 5. August 1914 ein von Chefredakteur Friedrich Austerlitz verfasster Artikel, in dem er mit schwülstigen deutschnationalen Formulierungen seiner Kriegsbegeisterung Ausdruck verlieh. Zwar kritisierte die Parteiführung die Sprache des vielbeachteten Beitrags, doch blieb Kriegsbejahung zunächst Parteilinie. Von 17. September 1914 bis 30. März 1918 erschien zusätzlich das verlegerisch erfolgreiche Abendblatt AZ am Abend. Ab 1915 wich die Kriegsbegeisterung, Jubelmeldungen von der Front wurden weniger und ab 1917 erschienen zunehmend kritischen Berichte über Grausamkeiten der Kriegsjustiz und die schlechter werdende materielle Lage der Zivilbevölkerung und der Arbeiter. Während des Krieges war die Zeitung stark der Zensur unterworfen, was mit ein Grund für die Wandlung der sozialdemokratischen Haltung zum Krieg war. Beeinflusst wurde dieser Meinungsumschwung auch von der Ermordung des Ministerpräsidenten Karl Stürgkh durch Friedrich Adler 1916 und die Berichterstattung über den Prozess sowie die Russischen Revolutionen 1917.
In der Zwischenkriegszeit war die Arbeiter-Zeitung offizielles Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschösterreichs. Durch ihre Kriegsablehnung in den letzten Kriegsjahren und das Bedürfnis nach politischer Orientierung nach dem Umbruch entwickelte sich die Arbeiter-Zeitung zur politisch führenden Zeitung der Republik. Auch international wurde sie das meistbeachtete Blatt, ein Status, den im Habsburgerreich die Neue Freie Presse innegehabt hatte. In diesen Jahren wurde allmählich Otto Bauer neben Austerlitz zum politischen Kopf und Leitartikelverfasser der Zeitung, die nun einen Umfang von je acht bis zwölf Seiten hatte. Daneben erschienen der Partei nahestehende Regionalzeitungen und ab 1927 das populäre Kleinformat Das Kleine Blatt, das als sozialdemokratische Antwort auf die Boulevardpresse konzipiert war.
Auf dem Weg der Regierung zum austrofaschistischen Ständestaat wurde mit der kriegswirtschaftlichen Notverordnung vom 7. März 1933 angeordnet, dass alle Zeitungen, die bis zu diesem Zeitpunkt bereits einmal konfisziert waren, durch eine Verfügung des Bundeskanzlers verpflichtet werden konnten, die Pflichtstücke der Zeitung schon zwei Stunden vor der Verbreitung bei der Behörde abzuliefern. Ab 24. März wurde diese Maßnahme auf die Arbeiter-Zeitung angewandt. Wie in der Ausgabe vom 4. Juli 1933 zu lesen war, diente dies – als eingebürgerter Name „Vorzensur“ bezeichnet – der pressepolizeilichen, staatsanwaltlichen und gerichtlichen Prüfung um, von den Behörden so eingestanden, allenfalls die Beschlagnahme zu erleichtern. Diese Schikane betraf neben der Arbeiter-Zeitung auch Das Kleine Blatt. Die Redaktion der Arbeiter-Zeitung löste die Sachlage in ihrer Art derart, dass sie in den Ausgaben ab dem 26. März bis zum 3. Juli 1933 im Kopf des Titelblattes „Unter Vorzensur“ gesetzt hatte. Noch an diesem 3. Juli übermittelte die Polizei der Redaktion einen Bescheid, wonach es der Arbeiter-Zeitung verboten wurde, „weiterhin am Kopf des Blattes die Worte ‚Unter Vorzensur‘ erscheinen zu lassen.“ Deshalb wurde die Zeitung ab der nachfolgenden Ausgabe am 4. Juli 1933 mit verändertem Zusatz „Unter verschärfter Vorlagepflicht“ im Kopf des Titelblattes verbreitet.