Anton Grigorjewitsch Rubinstein (russisch Антон Григорьевич Рубинштейн, wiss. Transliteration: Anton Grigor'evič Rubinštejn; * 16.jul. / 28. November 1829greg. in Wychwatinez, Gouvernement Podolien; † 8.jul. / 20. November 1894greg. in Peterhof bei Sankt Petersburg) war ein russischer Komponist, Pianist und Dirigent.
Er ist der Bruder des Pianisten und Komponisten Nikolai Rubinstein.
Rubinsteins jüdische Eltern (der Vater stammte aus Bessarabien, die Mutter aus dem preußischen Breslau) entschieden sich 1831 aus politischen und wirtschaftlichen Gründen zur Konversion zum russisch-orthodoxen Christentum. Als Rubinstein drei Jahre alt war, siedelte die Familie nach Moskau über. Der Vater (1807–1847) betrieb dort eine Bleistiftfabrik, war literarisch interessiert und sprach – wie Rubinstein auch – russisch, deutsch und französisch. Die Mutter Kalerija Christoforowna (geb. Löwenstein; 1807–1891) war Lehrerin an einem kaiserlichen Erziehungsinstitut und selbst eine ausgezeichnete Klavierspielerin. Die verzweigten nationalen und religiösen Wurzeln führten dazu, dass der Künstler später einmal klagte:
In Moskau erhielt Rubinstein den ersten Klavierunterricht von seiner Mutter und komponierte, in einer ausschließlich auf die Musik gerichteten Ausbildung zum stetigen Üben angehalten, mit fünf Jahren sein erstes Musikstück. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung erhielt er ab 1837 kostenlosen Unterricht bei Alexander Villoing, dem damals angesehensten Klavierlehrer Moskaus, der seinem Schüler neben dem Wissen um spieltechnische Abläufe auch eine umfassende Musikerziehung vermittelte.
Am 11. Juli 1839 gab Rubinstein als Neunjähriger sein erstes öffentliches Konzert in Moskau mit Werken von Hummel, Henselt, Thalberg und Liszt. Nur ein Jahr später, 1840, unternahm er in Begleitung seines Lehrers Villoing seine erste Auslandstournee nach Paris. Dort lernte er Franz Liszt kennen, der ihn von da an förderte und mit dem er zeit seines Lebens in Verbindung bleiben sollte. Durch den Erfolg in Paris ermutigt, setzte Rubinstein seine Konzertreise bis 1843 noch durch verschiedene europäische Länder wie England, die Niederlande, Schweiz und Deutschland fort. In Breslau trat er mit seiner ersten Klavierkomposition Undine auf.
Zwischen 1844 und 1846 lebte Rubinstein mit seiner Mutter, seinem jüngeren Bruder Nikolai und Villoing in Berlin, wo die hochbegabten Brüder ihre musikalische Ausbildung bei Theodor Kullak (Klavier) und Siegfried Dehn (Kontrapunkt und Musiktheorie) fortsetzten. Des Weiteren entstanden freundschaftliche Kontakte zu Felix Mendelssohn Bartholdy, der zwischen 1840 und 1842 als Kapellmeister und Generalmusikdirektor in Berlin wirkte.
Vom „Wunderkind“ zum erwachsenen Künstler
Nach dem wirtschaftlichen Bankrott und dem Tod des Vaters geriet die Familie ab 1846 in finanzielle Schwierigkeiten. Während Rubinsteins Bruder, die Mutter und Villoing nach Moskau zurückkehrten, versuchte Rubinstein eigenständig in Wien als Künstler Fuß zu fassen. Diese schwierige Umbruchsphase zum erwachsenen Künstler war einerseits durch enormen kompositorischen Fleiß Rubinsteins geprägt, andererseits jedoch durch die ausbleibende Resonanz der Öffentlichkeit. 1847 verbrachte er in Bratislava im Palais Esterházy. Nach einer erfolglosen Konzertreise durch Ungarn (mit dem Flötisten Edward Heindl und dem Geiger Miska Hauser) kehrte Rubinstein 1848 nach Russland zurück und ließ sich in Sankt Petersburg nieder.
In seiner Heimat fand Rubinstein vor allem als Interpret eigener Kompositionen allmählich wieder Beachtung und erlangte ab 1854 mit regelmäßigen Gastspielreisen durch Russland und Europa internationalen Ruhm als Pianist und Dirigent.
1852 wurde Rubinstein Hofpianist bei der Großfürstin Elena Pawlowna. Bei den Hofkonzerten, den Auftritten in adeligen Salons und den semiprofessionellen Petersburger Universitätskonzerten erkannte Rubinstein, dass das erwachende russische Musikleben eine professionelle Basis benötigte. Mit Unterstützung der Großfürstin organisierte er 1858 private musikalische Abende, bei denen klassische Musik sowie neue Werke von Petersburger Komponisten zur Aufführung kamen. Des Weiteren beteiligte er sich an der Gründung der Petersburger Sängerakademie und wirkte erfolgreich als Lehrer und Klaviervirtuose.
Gründung des Sankt Petersburger Konservatoriums
Im Oktober 1859 zählte Rubinstein zu den Begründern der Russischen Musikgesellschaft (Russkoe muzykal'noe obschtschestwo, RMO), auf deren Bestreben am 8./20. September 1862 in Sankt Petersburg das erste russische Konservatorium gegründet wurde. Rubinstein wurde dessen Direktor und leitete Chor, Orchester, die Ensemble- und Klavierklasse sowie „praktisches Arbeiten und Instrumentation“. Ende 1867 veranlasste ihn der Wunsch nach einem ausgedehnteren Wirkungskreis sowie künstlerische und organisatorische Differenzen, seine Petersburger Stellung aufzugeben (er leitete das Konservatorium dann erneut in den Jahren 1887–1891) und wiederum auf Reisen zu gehen.
Höhepunkt als Pianist: Mammutkonzerte
Für knapp 20 Jahre – bis 1887 – verlagerte Rubinstein seine Konzerttätigkeit vor allem nach Westeuropa. Sein dortiger Erfolg als Pianist ist sonst nur von Franz Liszt erreicht worden. Im Frühjahr 1868 gastierte er in Paris, wo er mit Camille Saint-Saëns zusammenarbeitete und die 14-jährige venezolanische Klaviervirtuosin Teresa Carreño kennen lernte, die auf Rubinsteins Drängen über einige Jahre Unterricht bei ihm nahm. Von 1871 bis 1872 war er als Künstlerischer Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien tätig, 1872 und 1873 schloss sich eine erfolgreiche USA-Tournee mit dem Geiger Henryk Wieniawski an. Diese gab dem amerikanischen Konzertleben neue Impulse und ließ bei Rubinstein das Konzept seiner späteren „Historischen Konzerte“ reifen – ein Veranstaltungszyklus, der das zentrale Klavierrepertoire von den Anfängen bis zur Gegenwart umfassen sollte.
Die Mammutprogramme seiner „Historischen Konzerte“, mit denen Rubinstein in der Saison 1885/86 seine Konzertkarriere in Russland und Europa zu einem triumphalen Abschluss brachte, würde heutzutage kein Pianist mehr spielen – aus Rücksicht auf sich selbst und auf das Publikum.
An sieben aufeinanderfolgenden Abenden spielte der Pianist:
Werke von Byrd, Bull, Couperin d. Ä. und d. J., Rameau, Scarlatti, Johann Sebastian Bach, Händel, Carl Philipp Emanuel Bach, Haydn und Mozart
acht (!) Sonaten von Beethoven, darunter die Appassionata und op. 111