Antoine Laurent de Lavoisier [ɑ̃tˈwan lɔˈʁɑ̃ də lavwaˈzje] (* 26. August 1743 in Paris; † 8. Mai 1794 ebenda) war ein französischer Chemiker und Naturwissenschaftler, Rechtsanwalt, Hauptzollpächter, Ökonom und Leiter der französischen Pulververwaltung. Er führte quantitative Messmethoden in die Chemie ein, erkannte die Rolle des Sauerstoffs bei der Verbrennung sowie beim Oxidationsprozess bei der Atmung und widerlegte damit die damals vorherrschende Phlogistontheorie. Lavoisier fasste die Ergebnisse der Forscher Black, Cavendish und Priestley in kohärente Theorien zusammen und schuf viele Grundlagen der modernen Chemie. Er gilt als deren Begründer und als Vater der ersten chemischen Revolution. Er starb 1794 als Opfer der Französischen Revolution.
Lavoisiers Vorfahren stammten aus Villers-Cotterêts, einer kleinen Stadt in einem großen Waldgebiet nördlich von Paris; sie stiegen aus dem Bauernstand auf (einer seiner Vorfahren war in der Stadt im 17. Jahrhundert Postmeister). Antoine Laurent de Lavoisier war der älteste Sohn des Arztes und Rechtsanwalts Jean Antoine Lavoisier (1715–1775) und von dessen Frau Émilie Punctis (ca. 1729 bis 1748), die die Tochter eines Advokaten war. Sein Vater erbte noch als Jurastudent in Paris 1741 von seinem Onkel Waroquier den Posten eines Anwalts am Parlement, dem obersten Gericht in Paris. Seine Eltern heirateten am 28. Mai 1742 und wohnten in Paris in der Straße Cul-de-sac Pecquet (quartier des Blancs-Manteaux) im alten Haus des Onkels. Seine zwei Jahre jüngere Schwester war Marie Marguerite Émilie Lavoisier (1745–1760). Nach dem frühen Tod der Mutter zog die Familie mit den Halbwaisen in das Haus der Großmutter mütterlicherseits, Madame Punctis, in der Rue de Four St. Eustache. Dort lebte Lavoisier bis zu seiner Heirat im Jahre 1771. Den Platz seiner Mutter in der Erziehung nahm seine Tante Constance Punctis ein. Der Vater von Lavoisier kaufte 1775 einen Posten, der ihm einen erblichen Adelstitel verschaffte und den Lavoisier bei seinem Tod erbte.
Studium, Geologie und erste Experimente
Bereits in jungen Jahren interessierte sich Lavoisier für die Naturwissenschaften. Er besuchte ab 1754 als Tagesschüler das Collège Mazarin (Collège des Quatre Nations), wo er neben einer gründlichen klassischen Ausbildung (er gewann Preise für griechische und lateinische Übersetzungen) auch die beste damals in Paris mögliche Ausbildung in Naturwissenschaften und Mathematik genoss. Er hörte Vorlesungen des Chemikers Guillaume-François Rouelle (1703–1770), des Experimentalphysikers Jean-Antoine Nollet (1700–1770), des Mathematikers Nicolas Louis de Lacaille (1713–1762) und des Botanikers Bernard de Jussieu (1699–1777), wobei ihn insbesondere Lacaille in den Naturwissenschaften unterrichtete und förderte. Statt des Bakkalaureat-Abschlusses begann er 1761 auf Wunsch seines Vaters mit dem Jurastudium. 1764 promovierte er zum Doktor der Rechte und wurde in die Pariser Anwaltsliste immatrikuliert.
Sein besonderes Interesse galt damals der Meteorologie (auf diesem Gebiet stellte er auch später immer wieder Beobachtungen an), Geologie, Mineralogie, und Chemie. Ein Freund der Familie, Jean-Étienne Guettard (1715–1786), regte ihn früh zur Beschäftigung mit Geologie und Mineralogie an, und da dazu auch Kenntnisse der Chemie nötig waren, auch mit dieser Wissenschaft. So hörte er weitere Vorlesungen am Jardin du roi bei Guillaume-François Rouelle und besuchte dessen Laborkurse in dessen Apotheke. Er legte eine Gesteins- und Mineraliensammlung an und erforschte 1763 die Umgebung seines Heimatorts mit Guettard. Dieser plante eine geologische Kartierung Frankreichs, die ihm 1766 genehmigt wurde, und nahm in Vorbereitung dazu Lavoisier auf seine Erkundungsreisen in Nordfrankreich und die Normandie mit.
Lavoisier richtete sich ein kleines Forschungslabor ein und begann mit ersten Experimenten. Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte er seine erste Arbeit, eine Abhandlung über den Gips, Analyse du gypse (1765) als erste einer geplanten Reihe von Untersuchungen über Mineralanalysen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern untersuchte er diese mit nassen chemischen Methoden (wie in der Natur durch die Wirkung des Wassers beobachtet). Gips, wie man ihn im Pflaster von Paris fand, war nach ihm ein neutrales Salz auf Basis einer schwefelhaltigen Säure und Kalk, das bei Erhitzen Wasser freigab (Kristallwasser nach Rouelle). Zu diesen Erkenntnissen war allerdings schon Marggraf gekommen, und Étienne Mignot de Montigny, der die Arbeit für die Akademie prüfte, hatte dies auch schon veröffentlicht, auch wenn er dies nicht so gründlich behandelte wie Lavoisier. Lavoisier hielt darüber einen Vortrag vor der Akademie (1765), die ihn 1768 in ihrer Mémoir-Reihe veröffentlichte, in der vor allem Nichtmitglieder veröffentlichten. Schon damals bemühte er sich um die Aufnahme in die Académie des sciences zunächst als adjoint als damals jüngster Kandidat. Zunächst zog man allerdings in der Sektion Chemie den älteren Cadet de Gassicourt vor. Lavoisier verstand sich damals und auch später in erster Linie als Experimentalphysiker, für die damals noch keine Sektion existierte (sie wurde erst 1785 auf Initiative von Lavoisier eingerichtet) und nur in analytischen Arbeiten wie der über Gips als Chemiker.
1764 beteiligte er sich mit einer gründlichen, das Thema erschöpfenden Preisschrift an dem Wettbewerb, die der Generalleutnant der Pariser Polizei für eine Arbeit über die beste Straßenbeleuchtung ausgelobt hatte. Zwar gewann keiner den Preis, er erhielt aber 1766 von der Akademie im Namen des Königs eine Goldmedaille. Mit Guettard machte er im Jahr 1767 eine Studienreise in die Vogesen, Elsass und Lothringen, als Teil der Arbeiten zu einem mineralogisch-geologischen Atlas von Frankreich. Bis 1770 arbeitete er mit Guettard zusammen an insgesamt 16 regionalen geologisch-mineralogischen Karten (mit Symbolen für Gesteins- und Mineralvorkommen) und war mit dem Projekt bis 1777 verbunden, als es Antoine Monnet übernahm. Lavoisier war dabei für barometrische Höhenmessungen, Neigungsmessungen, Wasser- und Mineralanalysen zuständig. Lavoisier begann aber auch ein Forschungsprogramm für eine Theorie der Geologie, wobei er von Rouelle, Guettard und Buffon (Théorie de la terre 1749) ausging. Guettard ging von zwei Formationen aus, einem kristallinen Grundgebirge (terre ancienne) und der Sedimentablagerung aus einer Meeresüberflutung (terre nouvelle). Lavoisier erkannte in der Terre nouvelle bald eine Abfolge mehrerer Meeresvorstöße mit wechselnder Ablagerung von feinem und grobem Material. Auch die Terre ancienne bestand nicht aus einer Schicht, sondern nach Lavoisier wahrscheinlich aus einer Abfolge älterer Küstenablagerungen. Sein Interesse an Geologie schwand auch später nicht, seine Überlegungen dazu veröffentlichte er aber erst 1788.
Er gab seine Pläne für die Aufnahme in die Akademie, dank Unterstützung durch seine Familie, nicht auf. 1768 veröffentlichte er eine Arbeit über Analyse von Wasserproben, die er auf seinen Reisen mit Guettard getätigt hatte. Außer Mineralwasser untersuchte er auch Trinkwasserproben, was er für gesellschaftlich viel bedeutender hielt. Neben der Bestimmung von Salzen nach dem Verdampfen benutzte er auch ein von ihm neu entwickeltes Hydrometer zur Bestimmung des spezifischen Gewichts der Proben. Im Jahre 1768 wurde er dann in der Académie des sciences als Assistent der Chemie (chimiste-adjoint) gewählt. Die direkte Wahl fiel zwar auf den älteren Metallurgen und Bergbauingenieur Gabriel Jars, er wurde aber mit Sondergenehmigung adjoint chimiste surnuméraire, und als Jars 1769 starb, rückte er auf dessen Posten.
Lavoisier und die Ferme générale
1768 trat Lavoisier der Ferme générale bei, der Organisation der Hauptzollpächter. Die Zahl dieser Hauptzollpächter (fermiers) war anfangs auf 40, ab 1775 dann auf 60 Personen begrenzt. Der Auftragnehmer, also der fermier, verpflichtet sich zur Zahlung einer Pacht an die Staatskasse und erhielt im Gegenzug einen Überschuss aus den Zolleinnahmen, so beispielsweise für den Handel mit Salz und Tabak und die Einfuhr von Waren nach Paris. Zölle wurden nicht nur an den Außengrenzen, sondern auch zwischen den Provinzen im Land erhoben, wo erhebliche Preisunterschiede zum Beispiel für Salz bestanden. Der Schmuggel blühte und die Zolleinnehmer hatten eigene bewaffnete Beamte, die diesen bekämpften und das Recht hatten, Grund und Haus jeder Person zu durchsuchen. Die Strafen auf Salzschmuggel waren drakonisch (Galeerenstrafe) und die Steuerpächter waren beim einfachen Volk verhasst. Für die Pacht etwa von 1768 bis 1774 hatte die Ferme 90 Millionen Livres per annum zu zahlen. Somit musste ein Pächter 2,25 Millionen Livres vorstrecken. Um solch hohe Summen vorlegen zu können, verbargen sich hinter einem Ferme häufig gleich mehrere Personen, die man als Gehilfen bezeichnete. Lavoisier war zunächst Gehilfe des Fermiers François Baudon (* 1686).