An diesem Tag

Antiqua-Fraktur-Streit

Typografische Kontroverse

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Der Antiqua-Fraktur-Streit war eine politische Auseinandersetzung im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts über den Stellenwert gebrochener Schriften für die geschriebene deutsche Sprache.

Im weiteren Sinne ist der gesamte etwa 200-jährige Übergangsprozess gemeint, in dem die Antiqua die gebrochenen Schriften als Alltagsschrift ablöste. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde deutsche Sprache ausschließlich in gebrochenen Schriften geschrieben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die gebrochenen Schriften fast vollständig aus dem Alltag verschwunden. Bei den Buch- und Druckschriften erfolgte die Ablösung – mit gewissen Modeschwankungen – allmählich über den gesamten Zeitraum. Dagegen wurde über Schreibschriften und Schullehrpläne zwar lange gestritten, die tatsächliche Umstellung erfolgte aber beschleunigt ab dem Jahr 1941, bedingt durch den Normalschrifterlass.

Im 15. Jahrhundert herrschten unter den Buchschriften gebrochene Schriften wie Textura, Rotunda, Bastarda und gotische Minuskel vor. Seit Aufkommen des Buchdrucks mit beweglichen metallenen Lettern (Johannes Gutenberg, 1450) wurden diese gebrochenen Schriften auch im neuen Feld der Typographie verwendet.

Die „alte Schrift“ Antiqua (lateinisch antiquus „alt, einstig“) ist dagegen eine relativ neue Entwicklung des Renaissance-Humanismus, der sich inhaltlich und stilistisch auf die Antike bezog. Die Humanisten entwickelten zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Italien aus antik-römischen Vorbildern (Capitalis) und der für antik gehaltenen karolingischen Minuskel die humanistische Minuskel. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks wurde diese zu einer Satzschrift adaptiert, die bis heute Antiqua heißt. Die Antiqua gewann schnell an Bedeutung als Standardschrift für Texte in lateinischer Sprache sowie für die aus dem Lateinischen entstandenen romanischen Sprachen.

Am Anfang des 16. Jahrhunderts entstand am Hof des deutschen Kaisers Maximilian I. die Fraktur im engeren Sinne. Sie wurde bevorzugt von deutschsprachigen Typographen verwendet, fand aber auch Verbreitung im europäischen Ausland.

Parallel zum Aufkommen der humanistischen Minuskel bzw. Antiqua entstanden im 15. Jahrhundert auch Mischformen (Hybride) von gebrochener und humanistischer Schrift, die Gotico-Antiqua-Schriften. Diese fielen jedoch bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wieder außer Gebrauch; solche Mischformen wurden seither nur sehr selten wieder aufgenommen.

Anfang des 16. Jahrhunderts bildete sich die deutsche Eigenheit heraus, zwei Schriften zu pflegen. Deutschsprachiger Text wurde weiterhin in gebrochenen Schriften gedruckt und geschrieben, lateinischer Text in Antiqua. Bei gemischtsprachigen Texten werden auch die Schriften gemischt: Fraktur für den Druck deutschsprachiger Wörter, Antiqua für fremdsprachige Wörter. Diese Regel hat sich im Fraktursatz bis heute gehalten. Diese Unterscheidung hat sich umgangssprachlich auch in den Begriffen „deutsche Schrift“ und „lateinische Schrift“ verfestigt, auch wenn es sich natürlich in beiden Fällen um lateinische Buchstaben handelt.

Die Zweischriftigkeit galt auch für Schreibschriften. Handschriftliches in deutscher Sprache wurde in gotischen Kursiven (Schreibschriften), wie deutscher Kurrentschrift oder Sütterlinschrift, geschrieben. Handschriftliches in lateinischer Sprache wurde in humanistischer Kursive verfasst.

Bei den deutschen Schriftstreiten ging es um die Frage, ob auch die deutsche Sprache in Antiqua geschrieben werden solle, sowie um die Überwindung der Zweischriftigkeit zugunsten einer einzigen Schrift. In Italien und Frankreich war die Frage schon im 16. Jahrhundert zugunsten der Antiqua entschieden.

Aufklärung, Klassizismus, Befreiungskriege

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs durch Aufklärung, Klassizismus und Französische Revolution das Interesse in Deutschland an Literatur aus Frankreich und der griechischen und römischen Antike. Dies förderte die Verbreitung der Antiqua.

Der erste Höhepunkt des Schriftstreites fällt mit der Besetzung Deutschlands durch den französischen Kaiser Napoleon zusammen. Er erzwang im Jahr 1806 die Gründung des Rheinbundes, die das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bedeutete. Obwohl dieses „Römische Reich“ noch kein Nationalstaat im modernen Sinne war, liegen die Ursprünge der deutschen Nationalstaatsbewegung etwa in dieser Zeit.

Zunächst gab die Verwaltung der französischen Besatzungsmacht Anlass zum Schriftenstreit, da die meisten Verordnungen in lateinischer Schrift verbreitet wurden. Gebrochene Schriften wurden von deutschen Nationalisten als Symbol der äußeren Abgrenzung gegenüber der militärischen und kulturellen Übermacht Frankreichs verwendet.

Andererseits blieb die Frage, ob deutsche Sprache nicht auch mit Antiqua-Schriften geschrieben werden könne, eine Geschmacksfrage. Traditionalisten schätzten das vertraute Schriftbild der gebrochenen Schriften, Neuhumanisten bevorzugten die Antiqua aus philosophischen Gründen. Den gebildeten adeligen und bürgerlichen Kreisen in Deutschland war die Antiqua nicht nur geläufig, weil sich Französisch als internationale Diplomaten- und Gesellschaftssprache durchgesetzt hatte, sondern auch, weil fast die gesamte fremdsprachige Literatur in Antiqua gesetzt war und deren Kenntnis zum unverzichtbaren Bestandteil der höheren Bildung zählte.

Bezeichnend ist der Briefwechsel zwischen Goethe und seiner Mutter Catharina Elisabeth Goethe. Goethe bevorzugte die Antiqua, ließ seine Werke aber in beiden Schriftarten drucken. Seine Mutter schrieb am 15. Juni 1794

Wichtige Befürworter der Antiqua sind die Brüder Grimm, deren Märchensammlung und Deutsches Wörterbuch zu den wichtigsten Werken deutscher Sprachkultur gehören. Die Fraktur sei in der Majuskel „unförmig“ und hindere die Verbreitung deutscher Bücher im Ausland.

Durch die Einführung der Volksschule im 19. Jahrhundert setzte Preußen die Schulpflicht erstmals für große Bevölkerungsanteile durch. Im Lese- und Schreibunterricht wurde die Deutsche Kurrentschrift („Spitzschrift“) gelehrt.

Für Adel und Bürgertum blieb weiterhin Französisch wichtigste Verkehrssprache; durch den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch mit dem industriell führenden Großbritannien gewann auch Englisch an Bedeutung. Deshalb mussten gebildete deutsche Briefschreiber zusätzlich auch die lateinische Schreibschrift („Rundschrift“) beherrschen.

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