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Antibabypille

Orales Empfängnisverhütungsmittel

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Die sogenannte Antibabypille, auch als Verhütungspille und kurz Pille bezeichnet, ist ein hormonelles Verhütungsmittel (Kontrazeptivum) zur Einnahme. Die Wirkung entsteht durch eine Unterdrückung des Eisprungs (Ovulationshemmung).

Es handelt sich um ein regelmäßig einzunehmendes Hormonpräparat, das synthetische weibliche Hormone, ein Östrogen und ein Gestagen, in unterschiedlicher Zusammensetzung und Dosis enthält. Sie verhindern die Reifung der Eizelle und somit den monatlichen Eisprung. Bei korrekter Anwendung ist die Antibabypille eines der sichersten Mittel gegen unbeabsichtigte Empfängnis. Der Pearl-Index der Methodensicherheit (bei idealer Anwendung) liegt bei 0,3, wonach von 1000 Frauen, die mit der Pille verhüten, innerhalb eines Jahres etwa 3 schwanger werden. Der Pearl-Index der Gebrauchssicherheit (Praxiswert) liegt nach unterschiedlichen Studien zwischen 1 und 8.

Die Antibabypille wurde seit Ende der 1960er und insbesondere während der ersten Hälfte der 1970er Jahre in den Industriestaaten das am häufigsten verwendete Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft und erreichte nach Lockerung der ärztlichen Verordnungspraxis ab 1970 in Westdeutschland im Jahr 1976 mit 32,8 % Pillennutzerinnen im gebärfähigen Alter ihren Maximalwert.

Die Bezeichnung „Antibabypille“ war in Westdeutschland schon bald nach der Einführung gebräuchlich und erschien auch in Presseschlagzeilen. 1964 kritisierte die Bundesregierung in einer Fragestunde den Gebrauch der Bezeichnung „Antibaby-Pille“ als „grob anstößig“ und „sprachlichen Missbrauch“. Auch einige Ärzte äußerten sich missbilligend.

Anfangs lehnten viele Ärzte es ab, sie zu verschreiben. Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi, der 1951 die Pille mitentwickelt hatte, kritisierte ebenfalls die Bezeichnung „Antibabypille“, da die Pille kein Mittel gegen Babys sei, sondern ein Mittel für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Frau.

In der DDR versuchte man, basierend auf einem Vorschlag des Sozialhygienikers Karl-Heinz Mehlan, den Terminus „Wunschkindpille“ zu etablieren, dem man eine positivere Konnotation zuschrieb als dem im Westen verwendeten Wort „Antibabypille“. Er setzte sich nicht dauerhaft durch. Das im Englischen verwendete „Contraceptive pill“ bzw. im Französischen „Pilule contraceptive“ entspricht der deutschen Bezeichnung „Verhütungspille“ beziehungsweise Kontrazeptivum (Mittel zur Kontrazeption; Kontrazeption ist ein Kofferwort aus kontra (gegen) und Konzeption (Empfängnis)).

Aus galenischer Sicht ist die Bezeichnung als Pille unzutreffend. Pillen waren bereits in den 60er Jahren eine zunehmend ungebräuchliche Arzneiform, es handelt sich bei den sogenannten Antibabypillen, die heute auf dem Markt erhältlich sind, um Filmtabletten, Tabletten und überzogene Tabletten (Dragees).

1921 publizierte der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haberlandt als Erster ein Konzept der hormonellen oralen Kontrazeption. Bevor er seine Entdeckungen praktisch umsetzen konnte, starb Haberlandt 1932 im Alter von 47 Jahren.

Zu den Vätern der Antibabypille gehört der Gynäkologe Carl Clauberg, der im Rahmen seiner Medizinversuche in Block 10 des Konzentrationslagers Auschwitz in Zusammenarbeit mit der Schering-Kahlbaum AG unter anderem Hormonpräparate entwickelte.

Am 21. Januar 2020 sendete Arte den Film Medizinversuche in Auschwitz, der im Jahr zuvor unter der Regie von Sonya Winterberg und Sylvia Nagel entstand und über Clauberg und die Frauen von Block 10 – so der Untertitel – berichtete:

Im Jahr 1951 synthetisierten die Chemiker Carl Djerassi, Luis E. Miramontes und George Rosenkranz als Forscher des Pharmazieunternehmens Syntex mit Norethisteron die erste oral verabreichte synthetische Variante von Gestagen. Mit Norethynodrel des für Searle tätigen Frank B. Colton folgte kurz darauf ein zweites. Auf dieser Grundlage entwickelten Gregory Pincus und John Rock, unterstützt durch die Frauenrechtlerin Margaret Sanger, das Präparat Enovid (Norethynodrel/Mestranol), das Searle ab 1957 zunächst gegen Menstruationsbeschwerden vermarktete.

Zuvor testeten sie das Medikament in San Juan in Puerto Rico an Bewohnerinnen der dortigen Slums. Über 200 der zumeist armen und kinderreichen Frauen meldeten sich freiwillig; das Medikament wurde kostenlos abgegeben.

Am 23. Juni 1960 erfolgte dann durch die Food and Drug Administration (FDA) die offizielle Zulassung als Verhütungsmittel und am 18. August kam Enovid in den USA als erste Antibabypille auf den Markt. Ihre erste Antibabypille Anovlar (Norethisteron/Ethinylestradiol) brachte die Schering AG zuerst am 1. Januar 1961 in Australien und am 1. Juni des gleichen Jahres in Westdeutschland und West-Berlin auf den Markt. Deren Zusammenstellung basierte auf Untersuchungen des belgischen Gynäkologen Ferdinand Peeters. Im Vergleich zu Enovid war dieses Medikament deutlich zuverlässiger und zeigte weniger Nebenwirkungen.

Nach Veröffentlichung einer Studie der FDA in den USA, über die der Spiegel im Oktober 1966 erstmals der Öffentlichkeit berichtete, setzte in Westdeutschland 1967/68 die verstärkte Presseberichterstattung über Sexualität allgemein und Empfängnisverhütung im Besonderen ein. Dennoch war es für die meisten Frauen sehr „schwierig … in den vermeintlich so wilden 68ern … an die Pille zu kommen“. Die meisten Ärzte kannten sich damals kaum mit hormonellen Verhütungsmitteln aus, lehnten diese wegen medizinischer und moralischer Bedenken ab und verschrieben „die Pille“ deshalb zunächst nur äußerst restriktiv an verheiratete Frauen über 30 mit mehreren Kindern (s. o.). Zudem erschütterten der Contergan-Skandal, über den mit Beginn des Contergan-Prozesses im Mai 1968 intensiv in den Medien berichtet wurde, sowie Berichte über krebsauslösende Wirkungen bestimmter Wirkstoffkombinationen der Antibabypille im Tierversuch 1969 das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Arzneimittelsicherheit und die Zuverlässigkeit der Risikostudien. Dies führte zur Zurückziehung einer Reihe von hormonellen Verhütungspräparaten und einem zeitweiligen Rückgang des Interesses an der hormonellen Schwangerschaftsverhütung.

Erst Ende 1970 lockerte die Ärzteschaft – nach Entwarnung durch neue positive Studienergebnisse bzgl. Krebs- und Thrombose-Risiken und der darauf erfolgenden Veröffentlichung der „Leitsätze zur Verordnung oraler Ovulationshemmer“ und breitangelegte Schulungsangebote für die Ärzteschaft durch die Ärztekammer – ihre restriktive Haltung gegenüber der Pille. Danach begann der Absatz hormoneller Verhütungsmittel rasant zu steigen auf 25,6 % Ende 1971 und erreichte im Jahr 1976 in Westdeutschland mit einem Anteil von 32,8 % Frauen, die mit der Pille verhüteten, den damaligen Höchstwert.

In der Zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahre wurde in Westdeutschland die Pille kritisch diskutiert und es bildete sich eine ablehnende Haltung heraus.

An der Einführung und Verbreitung der Pille in der DDR waren neben den Entscheidungsgremien in der SED-Führung und in den Fachministerien auch die pharmazeutische Industrie, Gesundheitsbehörden wie etwa die Sexual- und Familienberatungsstellen, Frauenärzte und Kirchenvertreter beteiligt. Sie wurde 1965, initiiert von Karl-Heinz Mehlan unter dem Namen Ovosiston eingeführt und auch als „Wunschkindpille“ bezeichnet. Ab Einführung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch in der DDR 1972 wurde sie kostenlos abgegeben (§ 4 Absatz 2 Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft), um ungewollte Schwangerschaften von vornherein zu vermeiden (dennoch war die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in der DDR hoch).

Die Antibabypille war umstritten und kollidierte mit den damaligen Moralvorstellungen. Wie schon die Vorläufer in den USA führte Schering sie daher als „Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen“ ein. Die empfängnisverhütende Wirkung wurde beiläufig mit dem Satz „Während der künstlichen anovulatorischen Zyklen tritt keine Konzeption ein.“ erwähnt. Die Pille wurde zunächst nur verheirateten Frauen verschrieben.

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