Anna von Sachsen (* 23. Dezember 1544 in Dresden; † 18. Dezember 1577 ebenda) war die Tochter des Kurfürsten Moritz von Sachsen und der Agnes von Hessen und die zweite Frau von Wilhelm von Oranien.
1561 heiratete Anna den aus Nassau-Dillenburg stammenden Wilhelm von Oranien, den wohlhabendsten und einflussreichsten Adeligen der Niederlande, und zog mit ihm auf Schloss Breda. Die Verbindung von Anna und Wilhelm entwickelte sich zur „fürstlichen Ehetragödie des 16. Jahrhunderts“ (Hans Kruse).
Nachdem das Paar 1567 vor der Verfolgung durch den Herzog von Alba und seinen Blutrat aus den Niederlanden nach Dillenburg hatte fliehen müssen und Anna eine Affäre mit Jan Rubens, dem Vater des Malers Peter Paul Rubens, begonnen hatte, zerbrach die Ehe nach mehreren vorhergehenden Krisen endgültig. Anna verbrachte die Jahre von 1571 bis 1575 wegen des Ehebruchs mit Jan Rubens, von dem sie auch ein Kind bekam, unter Hausarrest auf den Schlössern Siegen und Beilstein, zunehmend von seelischer und körperlicher Krankheit gezeichnet, die vermutlich mit wachsendem Alkoholmissbrauch zusammenhing. Als sich Wilhelm von Oranien 1575 von Anna scheiden ließ und erneut heiratete, holte ihr Onkel Kurfürst August sein früheres Pflegekind Anna nach Sachsen zurück. Im Dezember 1577 starb sie fünf Tage vor ihrem 33. Geburtstag in Dresden, in zwei Räumen des Schlosses eingesperrt, psychisch und körperlich schwer krank, an inneren Blutungen.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein stark auflebendes Interesse an Anna von Sachsen zu verzeichnen, nicht nur – naturgemäß – in den Nassauischen Annalen, in denen 2005 und 2007 zwei auf der Auswertung umfangreichen Quellenmaterials basierende Aufsätze zu Einzelaspekten ihres Lebens und ihrer Ehe erschienen sind. Seit 2008 wurden vier Biographien veröffentlicht, zwei in Deutschland, eine in den USA von der Historikerin Ingrun Mann sowie eine in Amsterdam von der niederländischen Historikerin Femke Deen.
In die Erörterungen über eine Neubewertung der Prinzessin schalteten sich Vertreter des sächsischen Hochadels ein. Elmira von Sachsen (1930–2022), Ehefrau des 2012 verstorbenen Albert von Sachsen (1934–2012), zog aus den Erkenntnissen der 2013 von Hans-Joachim Böttcher verfassten Biografie den wohl nicht von vielen Historikern geteilten Schluss, „dass Anna – wäre sie als Knabe geboren – (…) der Griff nach der deutschen Kaiser-, zumindest der Königskrone“ möglich gewesen wäre und „die Geschichte Sachsens und Deutschlands, vielleicht sogar Europas sodann anders verlaufen wäre.“
Auch die Illustrierte Bunte meinte eine aktuelle Relevanz von Anna von Sachsen zu erkennen, allerdings mit einem gänzlich anderen erkenntnisleitenden Interesse als dem Verlauf der europäischen Geschichte: Das Blatt erklärte 2016 seinen Lesern in der Serie „Royals weltweit“ die „leidenschaftliche Sex-Affäre“ von Anna mit Jan Rubens und ihre grausamen Folgen. Dabei wurde die sächsische Prinzessin zu einer frühen Protagonistin weiblicher sexueller Selbstbestimmung stilisiert.
Hingegen warnte Ingrun Mann in der Biografie Anna of Saxony. The Scarlet Lady of Orange davor, Anna von Sachsen zu einer Ikone („poster-child“) der Frauenbewegung zu machen. Auf der einen Seite sei sie mutig und stark gewesen und habe die damals herrschende sexuelle Doppelmoral offen in Frage gestellt. Auf der anderen Seite habe sie Menschen niederen Standes mit abstoßender Arroganz behandelt und ihre Diener und Mägde blutig geschlagen. Ähnlich wie Ingrun Mann sieht auch Femke Deen in Anna von Sachsen „eine intelligente und mutige Frau“, der es aber nicht gelang, mit den damals für Frauen geltenden „Grenzen, Normen und Konventionen umzugehen“.
Die Kindheitsjahre der Anna von Sachsen waren von unbeschreiblichem Luxus geprägt. Die Schlösser in Dresden und Moritzburg gehörten zu den wohlhabendsten Residenzen in ganz Europa und eine Heerschar von Dienern und Dienerinnen kümmerte sich um die kleine Anna, die mit sechs Jahren schon ihren eigenen Hofstaat hatte. Dass sie einziges Kind ihrer Eltern war, muss ihre privilegierte Position in ihrem eigenen Gefühl noch verstärkt haben.
Ingrun Mann, an der Universität von Arizona lehrende Historikerin, sieht in der verschwenderischen Pracht dieser Kindheitserfahrungen, als Anna wohl geglaubt habe, sie gehöre ebenfalls der Sphäre der die Wände verzierenden Halbgötter an, einen Schlüssel für das Verständnis ihres späteren Lebens:
Einen ersten Schicksalsschlag gab es, als Annas Vater Moritz von Sachsen 1553 in der Schlacht bei Sievershausen starb. Annas Mutter heiratete 1555 Johann Friedrich II. von Sachsen. Dessen Residenz in Weimar bot nicht ganz die Prachtentfaltung, die Anna vorher gewöhnt war, dafür aber einen ungewöhnlich freundlichen Stiefvater.
Schon ein halbes Jahr später, im November 1555, starb auch die Mutter Agnes. Die davon schwer getroffene Waise wurde vom Bruder ihres Vaters, Kurfürst August von Sachsen, zurück nach Dresden an seinen Hof geholt. Dort kam sie, nun elfjährig, in die Obhut ihrer Pflegemutter Anna von Dänemark, die August im Jahre 1548 geheiratet hatte.
Anna von Dänemark war eine Frau von unbändiger Energie und Tatkraft, aber auch von großer Strenge gegen andere wie gegen sich selbst. Sie hinterließ 25.000 Briefe, revolutionierte nebenbei die Landwirtschaft und war als Arznei- und Heilkundige europaweit bekannt und begehrt – ein Jahrhunderttalent.
Gegensätzlicher hätten die Charaktere nicht sein können, die hier mit Tante und Pflegetochter aufeinanderprallten. Die Gründe für die entbrennenden Konflikte werden in der Literatur unterschiedlich gesehen, mal sieht man in Anna ein Kind, das „schwer erziehbar“ und „exzentrisch“ war, mal wird die lutherisch strenge Erziehung angeführt, die auf ein traumatisiertes und zerbrechliches Kind traf. Hinweise, dass Anna mit einer besonderen „Grausamkeit“ behandelt wurde, gibt es in den Quellen allerdings keine.
Die häusliche Bildung umfasste Bibelkunde, Lesen, Schreiben und Rechnen sowie diverse Handarbeiten. Musik und Tanz, mit denen sie später am Hofe von Wilhelm von Oranien konfrontiert wurde, gehörten wahrscheinlich nicht dazu. Anna hatte aber wohl Zugang zu den umfangreichen Bibliotheken ihrer Pflegeeltern, zu denen bei August auch Werke wie die Ritterromane des Amadis von Gallien gehörten, die später noch eine Rolle spielen sollten. Und bei aller sittlich strengen Erziehung gab es im Leben am Hof auch genug Zerstreuungen wie Ausflüge und Theateraufführungen.
Anna vermochte aber nicht, sich der Regentin zu fügen und vielleicht sogar von ihr zu profitieren, sondern schlug den Weg einer erbitterten Feindschaft ein – wie so oft in ihrem späteren Leben.
Die Suche nach einem Bräutigam
Anna war eine reiche Erbin und kam aus einem der mächtigsten Fürstenhäuser im Reich. So kamen nur hochgestellte Bewerber als mögliche Ehepartner in Frage.
1556 scheiterte ein erstes Heiratsprojekt mit Erik, dem Sohn des schwedischen Königs Gustav Wasa, aber wohl eher aus politischen Gründen auf Seiten der Schweden. Auch mit einigen anderen Kandidaten verliefen die Gespräche, die vor allem Annas Onkel August führte, zunächst erfolglos.