Anna May Wong (* 3. Januar 1905 als Wong Liu-tsong, chinesisch 黃柳霜 / 黄柳霜, Pinyin Huáng Liǔshuāng, Jyutping Wong4 Lau5soeng1, IPA-Umschrift /wɔːŋ lɐu̯.sœ̽ːŋ/; in Los Angeles, Kalifornien; † 2. Februar 1961 in Santa Monica, Kalifornien) war eine amerikanische Schauspielerin.
In den 1920er und 1930er Jahren, als Hollywood tief vom Rassismus geprägt war und die Selbstzensur der Filmindustrie die Karrieren vieler ostasiatischer Darsteller massiv behinderte, war sie unter den amerikanischen Schauspielerinnen chinesischer Herkunft die erste, der der Aufstieg zum weltweit bekannten Filmstar gelang.
Anna May Wong war das zweite von sechs Kindern eines Ehepaares, das in Lo Sang, der Chinatown von Los Angeles, eine Wäscherei betrieb. Ihre Großeltern waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus China nach Kalifornien eingewandert. Wie viele chinesische Amerikaner erhielt Wong eine teils presbyterianische, teils neo-konfuzianische Erziehung. Sie besuchte zunächst eine gemischte Schule, wechselte nach schlechter Behandlung durch weiße Mitschüler jedoch auf eine Schule, die nur von Chinesen besucht wurde. Nachdem sie als Zehnjährige für einen Modefotografen posiert hatte, spielte sie als Vierzehnjährige neben Alla Nazimova eine kleine Rolle in dem Film The Red Lantern (1919) von Albert Capellani. Die Schauspielerei brachte Wong sich in dieser Zeit selbst bei, indem sie nach Kinobesuchen heimlich zu Hause vor dem Spiegel übte. Ihr erster Förderer war der Regisseur Marshall Neilan, der sie 1920 in einer kleinen Rolle in seinem Abenteuerlustspiel Dinty einsetzte. 1921 brach sie den Besuch der High School ab, um sich ganz ihrer Filmkarriere zu widmen. Ihre nächste wichtige Rolle war die der Toy Sing in Neilans Bits of Life, einem Film, der in Wongs Gesamtwerk insofern eine Sonderstellung einnimmt, als sie darin – als Sechzehnjährige – zum ersten und einzigen Mal die Rolle einer Mutter spielte. Später verhinderten die in Hollywood verbreiteten Stereotypen, dass eine asiatische Figur als Mutter erschien.
1922 folgte in Toll of the Sea Anna May Wongs erste große Hauptrolle. Der Film, dessen Drehbuch auf Puccinis Oper Madama Butterfly basierte, war im frühen Technicolorverfahren produziert und damit einer der ersten Farbfilme der Welt. Die „Lotosblüte“ in Toll of the Sea war für Wong auch die erste einer langen Reihe von Rollen, die dem Klischee der China Doll entsprachen: der Asiatin, die aus unerfüllbarer Liebe zu einem weißen Mann ihr Leben opfert. Der Film wurde im deutschsprachigen Raum auch unter dem Titel Cho-Cho-San aufgeführt und als „[d]er erste Film in natürlichen Farben“ beworben.
1924 erschien Anna May Wong in dem Abenteuerfilm Der Dieb von Bagdad als mongolische Sklavin. Sie trug in diesem Film ein knappes, bauchfreies Kostüm, das Aufsehen erregte, sowie die Ponyfransen, die von da an ihr Markenzeichen waren. Wong erlangte mit diesem Film internationale Bekanntheit und avancierte gleichzeitig zum ersten chinesisch-amerikanischen Filmstar. Noch im selben Jahr trat Wong in Herbert Brenons Peter Pan als Tiger Lily auf, und 1927 wirkte sie als Nebendarstellerin unter anderem in einem Film mit Oliver Hardy (The Honorable Mr. Buggs) und einem Laurel-&-Hardy-Film (Why Girls Love Sailors) mit.
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden die Arbeitsbedingungen für Anna May Wong immer bedrückender. Da interessante Asiatenrollen vorzugsweise mit weißen Darstellern besetzt wurden, boten sich in Hollywood für ihre weitere Karriere kaum Perspektiven. Sie hatte auch kaum Möglichkeiten, Chinesen sympathisch oder einfühlsam darzustellen. Ärger mit der MGM – die in ihrem jüngsten Film Across to Singapore drastische Zensurschnitte vorgenommen hatte – veranlasste sie schließlich, im Mai 1928 nach Europa zu gehen. In London stand Wong gemeinsam mit Laurence Olivier in dem Stück The Circle of Chalk (Der Kreidekreis von Klabund) auf der Bühne. Ihre nächsten Filme drehte sie mit britischen und deutschen Firmen. In E. A. Duponts britischer Produktion Piccadilly (1929) spielte sie neben Jameson Thomas die Tellerwäscherin Shosho, die als Showtalent entdeckt wird. In Deutschland war Wong, wie ihr Biograf Hodges vermutet, seit dem Film Shame (1921) ein Begriff; von der deutschen Öffentlichkeit wurde sie als großer Hollywoodstar empfangen. Der Regisseur und Filmproduzent Richard Eichberg holte sie auf Empfehlung seines Freundes Karl Gustav Vollmoeller gleich für drei Filme nach Berlin: In dem Kolportagefilm Schmutziges Geld (1928) spielte sie eine Asiatin, die sich in einen Messerwerfer verliebt; als er in den Sog seiner lasterhaften und kriminellen Vergangenheit gerät, zieht er auch seine Geliebte in den Abgrund. In Großstadtschmetterling (1928/29) liebt sie einen russischen Maler, wird jedoch von einem brutalen Kriminellen, der sie begehrt und ihr nachstellt, kompromittiert. Der dritte Eichberg-Film – Hai-Tang. Der Weg zur Schande (1930) – war Wongs erster Tonfilm; er wurde in verschiedenen Sprachversionen mit jeweils unterschiedlichen männlichen Hauptdarstellern gedreht. Wong, die gut Deutsch und Französisch sprach, wirkte in allen drei Sprachversionen mit. Sie spielte in dem Film eine chinesische Sängerin, die einen russischen Offizier liebt, jedoch auch von dessen Vorgesetzten verfolgt wird. Obwohl auch diese europäischen Filmproduktionen nicht frei von ethnischen Klischees waren, konstatierte Wong mit Genugtuung, dass sie Charaktere spielen durfte, die im Handlungsverlauf nicht zu sterben brauchten.
Filmhistorisches Gewicht gewannen Wongs Auftritte in deutschen Filmen vor dem Hintergrund, dass Chinesen – insbesondere chinesische Frauen – im öffentlichen und medialen Leben dieses Landes bis dahin kaum existiert hatten. Für große Teile der deutschen Öffentlichkeit war Anna May Wong die erste Chinesin, deren Persönlichkeit für sie sichtbar wurde, und Wongs Leinwandpräsenz war für die damalige Wahrnehmung von Chinesinnen in Deutschland von großer Bedeutung. In der deutschen Presse wurde sie meist nicht als chinesische Amerikanerin, sondern als (amerikanische) Chinesin angekündigt – ein Eindruck, den sie in Interviews selbst noch verstärkte, indem sie diese stets für Auskünfte über den chinesischen Nationalcharakter nutzte.
Berlin galt um 1930 wegen seines avantgardistischen Kulturlebens und seiner Toleranz gegenüber Minderheiten, die unter anderem viele Homosexuelle anzog, als die modernste Stadt der Welt. Wong fühlte sich in diesem Klima sehr heimisch und bewegte sich in Künstler- und Intellektuellenkreisen. Ein Interview, das sie 1928 in Berlin dem Philosophen Walter Benjamin gab, gehört zu den aufschlussreichsten Zeugnissen über die Persönlichkeit der Schauspielerin.
Da sie zum einen von Heimweh getrieben war und zum anderen durch ihre Erfolge in Europa auch in den USA an Ansehen gewonnen hatte, kehrte Anna May Wong 1930 in ihr Heimatland zurück. Zunächst spielte sie am Broadway in dem Erfolgsstück On the Spot und schloss dann einen Vertrag mit der Paramount. Ihre Rückkehr wurde in der Fachpresse als bedeutendes Ereignis kommentiert – sie hatte sich aus einer Darstellerin ethnischer Rollen zu einem anerkannten amerikanischen Filmstar entwickelt. So schrieb die bekannte Kolumnistin Elizabeth Yeaman:
Zudem wurde Wong gelegentlich auf dem Cover von Fanmagazinen präsentiert, was ihren Status als Star unterstreicht.
Wong drehte bei Paramount zwei Filme: Daughter of the Dragon (1931) und Shanghai-Express (1932). In dem Actionfilm Daughter of the Dragon, der typisch für den antichinesischen Rassismus der Zeit ist, spielte Wong die Tochter des intriganten Kriminellen Dr. Fu Manchu. Eindringlicher als alle früheren Filme, in denen Wong mitgewirkt hatte, warnte Daughter of the Dragon vor der Liebe, die es wagte, die Rassenschranken zu überschreiten. Darauf folgte Wongs wohl bekanntester Film, in dem sie allerdings nur in einer Nebenrolle zu sehen war. In Josef von Sternbergs Abenteuerfilm Shanghai-Express spielte Marlene Dietrich die Hauptrolle. Die Gelegenheit, in diesem für ihre Karriere wichtigen Film mitspielen zu können, verdankte Wong den Kontakten, die Karl Gustav Vollmoeller, der Drehbuchautor von Der blaue Engel, zu Josef von Sternberg und Marlene Dietrich unterhielt. Vollmoeller und Wong hatten sich 1924 kennengelernt.