Anna Mae Pictou Aquash oder Anna Mae Aquash, auch Annie Mae genannt, mit ihrem Mi’kmaq-Namen Naguset Eask (* 27. März 1945, Indian Brook 14, Hants County, Nova Scotia, Kanada; † Dezember 1975 in Pine Ridge Reservation, South Dakota, USA) war ein prominentes Mitglied des American Indian Movement (AIM). Nachdem man die Mi′kmaq-Indianerin ermordet in dem vor allem von Oglala bewohnten Indianerreservat aufgefunden hatte, wurde ihre Rolle kontrovers diskutiert.
Vermutlich wurde sie im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Beteiligung von Leonard Peltier an der Jumping-Bull-Schießerei als angebliche Polizeiinformantin und Verräterin gefoltert und erschossen. Teilweise wurde versucht, sie als Märtyrerin der Red-Power-Bewegung darzustellen und die Ermordung der mehrmals inhaftierten AIM-Aktivistin dem FBI zuzuschreiben. Einzelne Gerichtsprozesse im Umfeld der Tat begannen erst nach der Jahrtausendwende. Der AIM-Aktivist John Graham wurde 2011 wegen Mordes an Aquash zu lebenslanger Haft verurteilt. Weitere Verfahren sind über 30 Jahre nach ihrer Ermordung noch nicht abgeschlossen. Zum Umfeld der Tatverdächtigen gehören hochrangige Mitglieder wie juristische Vertreter des AIM.
Engagement in der Red-Power-Bewegung
Eine ihrer ersten Aktionen war die Teilnahme an indianischen Protesten im Bostoner Hafen gegen die 350-Jahr-Feier der Ankunft der Pilgrim Fathers in der Neuen Welt auf der Mayflower. AIM-Aktivisten enterten deren Nachbau, die Mayflower II, an Thanksgiving 1970. Anna Mae Aquash war auch an der Errichtung des Boston Indian Council (heute das North American Indian Center) beteiligt.
Sie zog mit ihren zwei kleinen Töchtern Anfang der 1970er Jahre nach Bar Harbor, Maine und arbeitete am TRIBES Projekt mit. TRIBES stand für Teaching and Research in Bicultural Education School Project und zielte darauf ab, Indianerkindern ihre eigene Geschichte näherzubringen.
Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe, aus der ihre zwei Töchter stammen, lernte sie den kanadischen Ojibwa Nogeeshik Aquash aus Walpole Island kennen. Beide reisten 1973 nach Pine Ridge und nahmen an der Besetzung von Wounded Knee durch die AIM teil und heirateten dort.
1974 half sie bei der bewaffneten Besetzung des Anicinaabe Provincial Park durch die Ojibway Warriors Society in Kenora, Ontario, und Anfang Januar 1975 nahm sie an der Aktion einer Menominee Warriors Society im Alexian Brothers Novitiate, in Gresham, Wisconsin, teil. Vor ihrer Ermordung lebte sie wie andere AIM-Aktivisten aus ganz Nordamerika in Pine Ridge und war auch zeitweise in Los Angeles und in Kanada. Sie stand in der Organisation Dennis Banks und Leonard Peltier nahe und begann, eine prominente weibliche Rolle im AIM zu spielen.
Einige Monate nach dem Schusswechsel auf der Jumping Bull Ranch geriet Aquash unter den Verdacht der Bewegung, der Polizei zuzuarbeiten. Bei der Schießerei waren zwei FBI-Agenten und ein AIM-Aktivist erschossen worden. Leonard Peltier, der später als Hauptbeteiligter zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt wurde, hatte sich durch Flucht nach Kanada der Strafverfolgung entzogen. Ende 1975 wurde Aquash vom AIM Verhören unterzogen, einzelnen Zeugenaussagen zufolge unter Beteiligung von Peltiers Anwalt Ellison.
Anfang 1976 wurde ihre weitgehend entstellte Leiche neben dem South Dakota Highway 73 am nordöstlichen Ende der Pine Ridge Reservation, zehn Meilen nördlich von Wanblee und nahe bei Kadoka, gefunden. Der Rancher Roger Amiotte entdeckte sie während einer ungewöhnlichen Wärmephase am 24. Februar. Die Leiche konnte nicht identifiziert werden, obwohl Polizeibeamte anwesend waren, die Aquash gekannt hatten. Ihre abgeschnittenen Hände mussten ins FBI-Hauptquartier in Washington, D.C. geschickt werden, um Fingerabdrücke abzunehmen. Sie wurde zunächst anonym als Jane Doe beerdigt. Acht Tage danach, nach der Identifizierung, wurde sie am 10. März 1976 auf Wunsch der Familie und auch des FBI exhumiert. Dieses Mal erkannte man die Schussverletzung.
Strafverfahren und ein Mitverschwörer
Am 20. März 2003 wurden zwei Personen wegen des Mordes angeklagt: Fritz Arlo Looking Cloud (ein obdachloser Lakota) und John Graham (dieser war auch als John Boy Patton bekannt), ein Stammesangehöriger der Südlichen Tutchonen aus Whitehorse, Yukon in Kanada. Grahams Adoptivtante Theda Clark wurde nicht angeklagt, obwohl man annahm, dass sie die Tat unterstützt hat.
Leonard Peltiers langjähriger Anwalt Bruce Ellison berief sich auf den Fünften Verfassungszusatz, nach dem niemand gegen sich selbst aussagen muss, und verweigerte jegliche Aussage, sowohl bei vorbereitenden Anhörungen der Grand Jury im Verfahren gegen Looking Cloud als auch beim Verfahren selbst. Der Staatsanwalt nannte ihn in der Verhandlung einen Mitverschwörer und Zeugen sagten aus, der Anwalt habe sich an den Verhören von Annie Mae Aquash am 11. Dezember 1975 beteiligt, die kurz vor ihrer Tötung stattfanden.
Im August 2008 klagte eine Grand Jury eine dritte Person, Vine Richard „Dick“ Marshall, an, bei dem Mord geholfen und Beihilfe geleistet zu haben (aiding and abetting). Marshall war ein Leibwächter von Russell Means.
Graham, Looking Cloud und Theda Clark sollen ihr Opfer in Marshalls Haus verschleppt haben, wo Aquash vor ihrer Ermordung gefangen gehalten worden sein soll. Marshalls Ehefrau Cleo Gates bestätigte dies im Verfahren gegen Looking Cloud. Marshall soll auch die Mordwaffe beschafft haben. Er war schon einmal wegen eines Mordes im Jahr 1975 inhaftiert gewesen (und wurde im Jahr 2000 begnadigt).
Verfahren gegen Graham und Rios 2010
Im September 2009 wurden Graham and Thelma Rios vom Gericht des Staates South Dakota wegen der Entführung und Ermordung von Anna Mae Aquash angeklagt. Thelma Rios verständigte sich im Verfahren und wurde im November 2010 wegen Beihilfe zur Entführung zu einer Haftstrafe von 5 Jahren verurteilt, die aufgrund ihrer schlechten Gesundheitszustandes weitgehend ausgesetzt wurde. Sie verstarb im Januar 2011 an Lungenkrebs. John Graham wurde im Dezember 2010 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
Der Prozess gegen Looking Cloud
Am 8. Februar 2004 begann der Prozess gegen Arlo Looking Cloud vor einer Jury eines US-Bundesgerichtes, der mit einem Schuldspruch endete. Am 23. April 2004 erhielt der Angeklagte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ein auf Video aufgenommenes Verhör, in dem er seine Anwesenheit am Tatort zugegeben hatte, gab den Ausschlag für die Verurteilung. Er behauptete allerdings, nicht von dem Vorhaben gewusst zu haben, dass Aquash getötet werden sollte. Der Angeklagte gab John Graham als Todesschützen an.