Andrea Dandolo (* 30. April 1306; † 7. September 1354 in Venedig) war vom 4. Januar 1343 bis zu seinem Tod der – nach eigener Zählweise – 54. Doge von Venedig. Dandolo, der mit Francesco Petrarca in Kontakt stand und auf den Feldern der Rechtsprechung, der Philosophie und Geschichte bewandert war, nahm bereits ab 1328 erheblichen Einfluss auf die Verfassungsentwicklung, die Intensivierung der Verwaltung und die Entfaltung der öffentlichen Staatssymbolik, die Venedig bis heute prägt. Letztere schlug sich in der Umgestaltung zentraler Bauwerke wie der Markuskirche und des Dogenpalasts nieder.
Andrea Dandolo verfasste mit der Extensa eine der wichtigsten Chroniken der Republik Venedig, eine neue Deutung ihrer Geschichte, von der fast alle nachfolgenden Historiker abschrieben. Sie reicht von der Ankunft des Evangelisten Markus im Jahr 48 bis zum Jahr 1280. Das Opus wurde von den Großkanzlern Benintendi de’ Ravegnani und Rafaino de’ Caresini bis 1388 fortgesetzt. „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“ wurden zu zentralen Begriffen der Legitimierung staatlichen Handelns. Seine historischen Werke und seine Gesetzeskompilationen waren so angelegt, dass sie auf allen Stufen der staatlichen Hierarchie als Nachschlagewerke und Richtlinien dienen konnten. Sie sollten bis in die zahlreichen Statuten hineinwirken, und damit in alle gesellschaftlichen Prozesse, und diese zugleich auf eine einheitliche ideologische und gesetzliche Grundlage stellen. Auch sammelte er alle Verträge mit auswärtigen Mächten und ließ diese Pacta transkribieren und in zwei Büchern zusammenstellen, nämlich im liber albus und im liber blancus.
Während seiner Amtszeit – Dandolo wurde schon mit 37 zum Dogen gewählt – wütete 1348 die erste Pestpandemie seit einem halben Jahrtausend auch in Venedig. Die Stadt büßte vielleicht die Hälfte ihrer Bevölkerung ein. Zudem kam es zu Aufständen in Dalmatien und auf Istrien. Doch der schwerste Konflikt entstand im Kampf gegen Genua, der seine letzten vier Herrschaftsjahre ausfüllte.
Die Familie Dandolo spielte in der Geschichte Venedigs vom 12. bis zum 15. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Urkundlich nachgewiesen ist sie seit dem 11. Jahrhundert. Damit war Andrea ein Angehöriger der zwölf angesehensten, einflussreichsten und ältesten Familien Venedigs, der sogenannten „apostolischen“ Familien. Zu diesen vielköpfigen, durch bloße Verwandtschaft definierten Großgruppen zählten neben den Dandolo die Badoer, Barozzi, Contarini, Falier, Gradenigo, Memmo, Michiel, Morosini, Polani, Sanudo und Tiepolo. Vor allem mit den Tiepolo standen die Dandolo in Konkurrenz um die Führung. Die Dandolo stellten insgesamt vier Dogen: Außer Andrea die Dogen Giovanni Dandolo, dann Francesco und Enrico Dandolo. Zwei Frauen der Familie waren mit Dogen verheiratet, nämlich Giovanna Dandolo mit Pasquale Malipiero und Zilia Dandolo mit Lorenzo Priuli. Die Dandolo erschienen der Legende nach bereits um 727 bei der Wahl des (vielleicht ersten) Dogen Orso, auf dessen Familie sich mehrere der ältesten Familien Venedigs zurückführten.
Der Vater Andrea Dandolos war Fantino aus dem Familienzweig S. Luca. Dieser erscheint 1312 unter den Elektoren des Dogen Giovanni Soranzo. Neben Andrea hatte er weitere Kinder, nämlich einen Marco, von dem nichts weiter bekannt ist, und einen Simone, Provveditore der 1345 um Zara kämpfenden Armee, dann Podestà von Treviso, schließlich einer der iudices des Dogen Marino Falier. In einem Testament erscheint darüber hinaus eine Schwester namens Agnese, die als Nonne im Kloster San Giovanni Evangelista auf der Insel Torcello lebte, in der nördlichen Lagune von Venedig.
Bildung: Rechte, Philosophie, Geschichte
Andrea Dandolo wurde am 30. April 1306 geboren, wie sich aus seinem Amtseid, der Promissione ducale, entnehmen lässt. Fantino, Andreas Vater, starb bereits am 13. August 1324. Andrea Dandolo studierte, wie seit langem gemutmaßt wurde, an der Universität Padua die Rechte. Sein Zeitgenosse Guglielmo Cortusi bezeichnete Dandolo als „legali scientia decoratus“, und in einem Dokument vom 13. Dezember 1333 nennt man ihn einen „iurisperitus“. Da er sich auf dem Rechtssektor auch später betätigte und als kenntnisreich galt, schien dies späteren Autoren ein hinreichender Beleg für eine dortige Promotion zu sein.
Auf eine Verwechslung mit seinem Neffen Fantino geht möglicherweise die noch weitergehende Behauptung zurück, er habe in Padua die Rechte gelehrt. Ebenfalls nicht haltbar ist die Behauptung des Marino Sanuto in seinen Vite de’ duchi, Andrea Dandolo sei ein Schüler des gefeierten Juristen Riccardo Malombra gewesen, denn dieser lehrte in Padua nur zwischen 1295 und 1315.
Bei aller Unklarheit über seine juristische Ausbildung ist dennoch offenkundig, dass er zugleich eine breite Bildung erhielt, die auch Philosophie und Geschichte umfasste. Außerdem umgab er sich mit gebildeten Männern, wie Benintendi de’ Ravegnani, Rafaino de’ Caresini, der Ravignani 1365 im Amt des Kanzlers folgte, und Paolo de Bernardo, der dort bereits 1349 tätig war. Unabhängig von der Frage, ob Dandolo von den Vorhumanisten beeinflusst war, oder ob er gutes Latein einfach als Mittel der Propaganda nicht missen mochte, zeigt sich seine hohe Bildung nicht nur in seinen Werken, sondern auch in seinen Briefen an Francesco Petrarca. Dies wiederum wirkte sich auf den Sprachgebrauch in der Dogenkanzlei aus. Die beiden Briefe an Petrarca stammen vom 22. Mai 1351 und vom 13. Juni 1354. Sie wurden entweder von Andrea Dandolo diktiert oder sie stammten von Ravignani und waren stilistisch dem Absender und dem Adressaten angemessen.
Prokurator von San Marco (1328), politische Karriere
Schon mit 22 Jahren wurde er Prokurator von San Marco. Dabei erhielt er zwar viele Gegenstimmen wegen seiner Jugend, doch müssen seine Qualitäten überragend gewesen sein, so dass er dennoch eine Mehrheit erhielt. Wahrscheinlich wurde er, wie aus einem Dokument vom 4. Oktober 1328 hervorgeht, zum procuratore de supra gewählt. Damit folgte er wohl dem im März desselben Jahres gestorbenen Marino Badoer im Amt. Im Gegensatz zu den Procuratori de citra, die sich vornehmlich um karitative Aufgaben kümmerten, und um die Vollstreckung von Stiftungen und Testamenten, war der Procuratore de supra eher für den Kirchenbau selbst und alle daran hängenden Aufgaben zuständig, darunter Besitz und Finanzierung. Während seiner Zeit als Prokurator, also von 1328 bis 1343, wurde er mehrfach zum Savio, zum Sachverständigen für bestimmte Aufgaben, wie es in Venedig üblich war. Auch diente er als Unterhändler, wie etwa bei einer Gesandtschaftsreise nach Ancona mit Giovanni Contarini.
Am 10. November 1336 initiierte er, gemeinsam mit Marco Loredan, die Erfassung des Grundbesitzes der Markusbasilika. Im Mai 1340 war er einer der fünf Provveditori al Frumento. Diese waren für die Getreideversorgung zuständig, insbesondere, wie der Name sagt, für die Versorgung mit dem Hauptgetreide Weizen. Im Zuge des Stadtausbaus entstanden weitere Aufgaben. So war er am 13. April 1341 unter den Savi, die für die Verbreiterung der Gasse zwischen San Bartolomeo und San Giovanni Crisostomo verantwortlich waren.
Als Erfindungen späterer Zeit erwies sich die Betätigung Dandolos auf dem militärischen oder im engeren Sinne politischen Feld. Diese mögen seiner Rechtfertigung gedient haben. So hat er als Provveditore wohl kaum im Kampf von 1336 gegen die Scaligeri von Verona teilgenommen, jedenfalls erscheint sein Name in keinem einzigen diesbezüglichen Dokument. In jedem Falle hielt er sich im Frühjahr und Winter dieses Jahres in Venedig auf. Als unwahrscheinlich gilt inzwischen auch die Behauptung, er sei 1333 Podestà von Treviso gewesen. Dies steht zum einen mit einem Beschluss des Großen Rates vom 30. Dezember 1305, der den Prokuratoren von San Marco explizit die Wahl in ein weiteres Amt „vel regimen“ untersagte, zum anderen ist für dieses Jahr ein Giovanni Vigonza als Podestà belegt. Darüber hinaus hielt sich Andrea Dandolo am 13. Dezember 1333 in Triest auf, wo er vom Bischof in Güter in der Nähe von Pirano auf Istrien investiert wurde.