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André-Ernest-Modeste Grétry

Belgisch-französischer klassischer Komponist

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André-Ernest-Modeste Grétry (* 8. Februar 1741 in Lüttich, heute Belgien; † 24. September 1813 in Montmorency bei Paris) gehörte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den wichtigsten Komponisten Frankreichs. Er prägte die Entwicklung der Opéra-comique (Singspiel mit gesprochenem Dialog) maßgeblich mit, schrieb aber auch große Opern (Tragédies lyriques, mit gesungenen Rezitativen). Grétry schuf rund 70 Bühnenwerke, unter denen die Komödien überwiegen; dazu Vokalmusik anderer Genres. Die eingängige Melodik und den Ausdruck edler Gefühle gewichtete er höher als eine reiche Harmonik und eine komplizierte Orchesterbegleitung. Kirchenmusik und Instrumentalmusik komponierte er nur während seiner Ausbildung, die er in Rom abschloss. Im Alter schrieb er zehn Bände Memoiren und Reflexionen.

Grétrys Vater François (1714–1768) spielte erste Geige in Saint-Denis, einer der sieben Lütticher Stiftskirchen. Seine Mutter Marie-Jeanne geborene Defossés (1715–1800) hatte bei ihrem späteren Gatten Musikunterricht genommen. André war das zweite ihrer sechs Kinder. 1750 wurde er Chorknabe in Saint-Denis. In seinen Memoiren schildert er, wie der Stellvertreter des in Rom weilenden Gesangsmeisters die ihm anvertrauten Kinder misshandelte. Erst nach drei Jahren erhielt Grétry einen sensibleren Lehrer. Eine italienische Theatertruppe machte ihn mit den Werken von Pergolesi, Galuppi usw. bekannt. In der Kirche trat er nun als Vokalsolist auf. Eine verheilte Tuberkulose war wohl die Ursache dafür, dass er sein Leben lang periodisch Blut spuckte. Seine Schülerin, die Schriftstellerin und Komponistin Sophie de Bawr (1773–1860), berichtet:

Nach dem Stimmwechsel wurde er zum Geiger umgeschult. Das lokale Jesuitengymnasium scheint er nicht besucht zu haben. Da er zu komponieren begann, verschaffte ihm der Vater Unterricht in Cembalospiel, Generalbass, Harmonik und Kontrapunkt. Nachdem Grétry sechs Sinfonien zur Aufführung gebracht hatte, wurde er vom Propst von Saint-Denis ermutigt, seine Studien in Rom fortzusetzen. Eine Große Messe trug ihm eine Gratifikation des Stiftskapitels ein. Seine Stelle sollte während seiner Abwesenheit vom Bruder versehen werden. Seine Erfahrungen mit der Kirche machten ihn zum Deisten.

1760 reiste der 19-Jährige zu Fuß in die Ewige Stadt. Dort gewährte die Fondation Darchis Stipendiaten aus Lüttich Kost und Logis. Enttäuscht von einem ersten Lehrer, wechselte Grétry zum Kapellmeister der Lateranbasilika, Giovanni Battista Casali. Von einer schweren Erkrankung erholte er sich bei einem Einsiedler. Erhalten sind sechs in Rom entstandene Streichquartette (Video auf YouTube: Nr. 6, c-Moll, 2. Satz, Allegro moderato, Quatuor Cambini-Paris). Am Karneval von 1765 brachte Grétry mit Erfolg zwei Intermezzi mit dem Titel La vendemmiatrice (Die Winzerin) zur Aufführung. Dank der Ratschläge Padre Martinis bestand er in Bologna die Prüfung zur Aufnahme in die Accademia Filarmonica. Mit Martini blieb er in brieflichem Kontakt. In Rom entstand weiter ein Konzert für Flöte, zwei Hörner und Orchester, das er für Lord Abingdon schrieb (Video auf YouTube: Jean-Pierre Rampal). Grétry erlebte dort auch die erste Liebe, doch wollte ihm die Geliebte nicht in die Fremde folgen.

Eine Partitur der Opéra-comique Rose et Colas von Monsigny erweckte in Grétry den Wunsch, in Paris zu arbeiten. Andererseits lud ihn Abingdons Flötenlehrer nach Genf ein. So beschloss er, dort Geld zu verdienen, um sich dann in der Hauptstadt Frankreichs etablieren zu können. Casali gab ihm ein Empfehlungsschreiben mit, in dem er ihn einen „wahren Esel in der Musik“ nannte! Grétry mühte sich ab, zahlungskräftigen Schülerinnen Gesangsunterricht zu erteilen. Dem durchreisenden Wunderkind Mozart legte er eine Komposition vor, die der Zehnjährige nicht ohne zu schummeln vom Blatt spielen konnte. Genf ließ gerade das Theater wieder zu, welches Calvin verboten hatte. So schrieb Grétry hier seine erste Opéra-comique, und diese Neuvertonung von Isabelle et Gertrude (1767) gefiel. Das Libretto von Favart basiert auf einer Erzählung Voltaires, der den jungen Komponisten protegierte.

Bis zur Thronbesteigung Ludwigs XVI.

Während sein Vater sich in Lüttich zu Tode trank, wurde Grétry vom späteren Premierminister Schwedens Graf Creutz darüber hinweggetröstet, dass sein erstes Pariser Werk Les mariages samnites (Die samnitischen Heiraten) 1768 nicht aufgeführt wurde. Im selben Jahr veranlasste Creutz Marmontel, für Grétry nach einer Erzählung von Voltaire das Libretto der Opéra-comique Le Huron (Der Hurone) zu schreiben. Diese reüssierte an der Comédie-Italienne, die zwar ein geringeres Prestige als die Pariser Oper und die Comédie-Française, aber ein beliebtes Ensemble hatte. (Video auf YouTube: Arie der Mlle de St-Yves, Aurore Bureau, Les Agrémens, Guy Van Waas)

Als Grund des Erfolgs nennt Sophie de Bawr: „[…] anstelle jener vagen, schleppenden und unzusammenhängenden Gesänge, die bis dahin die französische Schule gekennzeichnet hatten, hatte man hinreißende Melodien im Ohr, die so perfekt mit den Worten übereinstimmten […]“ Die Eigenart von Grétrys Bühnenschaffen erklärt sich durch den Vorrang der Melodik vor der Harmonik in der italienischen Musik seiner Zeit und jenen der Deklamation vor der Musik in der Opéra-comique. Letztere hatte sich aus dem Vaudeville entwickelt, bei dem die Mitglieder des Ensembles in erster Linie Schauspieler und erst in zweiter Linie Sänger waren. Das Orchester aber bestand damals aus nur zwei Kontrabässen, vier Geigen, zwei Bratschen, zwei Klarinetten, zwei Flöten und zwei Hörnern.

Grétry erhielt das Image eines Aufklärers und eines romantischen Künstlers. Grimm brachte es auf die Formel: „jung, bleich, fahl, leidend, gequält – alle Merkmale eines Mannes von Genie.“ Sophie de Bawr schreibt: „Sein Charakter war melancholisch: Ich glaube nicht, dass man ihn jemals hat lachen sehen; aber sein häufiges Lächeln zeugte ebenso von Zufriedenheit der Seele wie von Feinheit und Güte.“ Und der Gatte einer Nichte, Louis-Victor Flamand-Grétry, ergänzt: „Grétry war in seiner Jugend ein hübscher Junge; auch hatte er immer Augen für das, was die Schönheit der Frauen ausmachte.“ Abbé Galiani glaubte ihn vor „Sirenen“ warnen zu müssen, die sein Klavier umringten. Grétry hütete sich aber, einer Frau zu gestehen, dass sie ihn beim Komponieren inspiriere, fürchtete er doch, dadurch die Inspiration zu verlieren.

Das Jahr 1769 brachte mit Lucile und Le tableau parlant (Das sprechende Bildnis) neue Erfolge. Über die Premiere von Lucile heißt es: „Dieses romantische Werk hat […] das seltene Schauspiel eines in Tränen zerfließenden Publikums erzeugt. […] Jedermann ging weinend und bezaubert hinaus […]“ Dass Grétry die Partituren der erwähnten Werke dem Premierminister der Principauté de Liège bzw. dem früheren französischen Außenminister Choiseul widmete, geschah im Interesse seines Bruders, der wegen eines Liebeshandels verfolgt wurde. Um jene Zeit verliebte der Komponist sich in die fünf Jahre jüngere Jeanne-Marie, genannt Jeannette Grandon (1746–1807), Tochter des verstorbenen Malers der Stadt Lyon Charles Grandon, die sich in Paris auf den Beruf der Pastellmalerin vorbereitete. Nach Grétrys Worten war sie keine Frau von Geist, sie sage nie, was sie empfinde, und die einfache Natur sei ihre Führerin.

Den Winter über war er lebensgefährlich krank. 1770 vertonte er Silvain und Les filles pourvues (Die versorgten Töchter). Grimm schrieb damals:

Glücklicherweise bewahrheitete sich diese Befürchtung nicht, was Grétry der Pflege durch die Geliebte und durch die aus Lüttich herbeigeeilte Mutter verdankte. Letztere, die auch den Verkauf seiner Partituren überwachte, blieb den Rest ihres Lebens bei ihnen. Für den Aufenthalt des Hofes in Fontainebleau, der im Zeichen der Heirat des Dauphins (Ludwig XVI.) mit Marie-Antoinette stand, schrieb Grétry Les deux avares (Die zwei Geizhälse) (Video auf YouTube: Janitscharenmarsch, Bearbeitung für Klavier, Erakko Ippolitov) und L’amitié à l’épreuve (Die Freundschaft auf der Probe). Letztgenanntes Werk widmete er der 15-jährigen Dauphine.

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