Als die Anarchie (englisch The Anarchy) wird in der englischen Geschichtsschreibung der von 1135 bis 1153 dauernde Bürgerkrieg nach dem Tod König Heinrichs I. bezeichnet. In dem Thronstreit kämpften Heinrichs Tochter Matilda (auch Kaiserin Matilda oder engl. Empress Maud genannt) und sein Neffe Stephan von Blois um die Herrschaft über das Königreich England. Nachdem Stephan sich zunächst durchgesetzt hatte, musste er 1153 im Vertrag von Wallingford Heinrich Plantagenet, den Sohn Matildas mit Graf Gottfried von Anjou, als seinen Nachfolger anerkennen. Infolge dieses Vertrags, mit dem der Konflikt endete, bestieg Heinrich II. 1154 den Thron, womit die über 300 Jahre währende Herrschaft des Hauses Plantagenet über England begann.
König Heinrich I., jüngster Sohn Wilhelms des Eroberers, hatte aus seiner Ehe mit Matilda, einer Nachfahrin Alfreds des Großen, zwei Kinder: seinen Sohn William Ætheling und seine Tochter Matilda. Er hatte auch uneheliche Nachkommen, aber William war der einzig legitime, d. h. ehelich geborene Sohn und Thronerbe. Als der Kronprinz 1120 beim Untergang des Weißen Schiffs vor der Küste der Normandie ertrank, war die Erbfolge ungeklärt. Da Heinrichs zweite Ehe mit Adelheid von Löwen kinderlos blieb, rief er 1125 seine Tochter Matilda, die Witwe Kaiser Heinrichs V., nach England zurück und versuchte, sie gegen starke Widerstände als Thronerbin anerkennen zu lassen. Trotz erheblicher Vorbehalte gegen die Herrschaft einer Frau schworen seine Barone Matilda schließlich den Treueeid. 1128 heiratete sie in zweiter Ehe Geoffrey Plantagenet, den Grafen von Anjou. Die Aristokratie der Normannen lehnte aber mehrheitlich eine Herrschaft Geoffreys ab, da sie die Angeviner schon lange als ihre Hauptgegner betrachteten. Die Hochzeit verstärkte daher die Abneigung des anglonormannischen Adels gegen Matilda.
Nach Heinrichs Tod am 1. Dezember 1135 eilte Matildas Cousin Stephan von Blois, der ein Sohn von Heinrichs Schwester Adela war, nach England. Er nutzte die Abwesenheit Matildas sowie die Vorbehalte der Barone gegen die Herrschaft einer Frau und gegen deren Gatten aus. Stephan zog in London ein, dessen Bevölkerung er durch Verleihung großzügiger Privilegien gewann. Die Londoner Bürger sahen die Königswahl als ihr altes Recht an und ernannten Stephan zum König.
Dann ging Stephan nach Winchester, wo er sich mit Hilfe seines jüngeren Bruders Heinrich von Blois, der dort Bischof war, die Burg, den Staatsschatz und auch sehr bald die Unterstützung bedeutender Prälaten sicherte. Zu diesen hochrangigen Geistlichen zählten vor allem der Erzbischof von Canterbury, Wilhelm von Corbeil, der Chief Justiciar und Bischof von Salisbury, Roger, sowie die Neffen des Letzteren, der Bischof von Lincoln und der Bischof von Ely. Anfangs sträubte sich der Erzbischof von Canterbury wegen seines Matilda geleisteten Eides, Stephan zu krönen, ließ sich aber schließlich überzeugen, dass dieser Schwur unter Zwang erfolgt sei. Außerdem behaupteten Stephans Anhänger, dass Heinrich I. kurz vor seinem Tod aus Enttäuschung über seine Tochter seine Eidesforderungen bereut habe.
So wurde Stephan am 22. Dezember 1135 in Winchester durch Wilhelm von Corbeil gekrönt. Die Barone stimmten der Usurpation mehrheitlich zu und huldigten ihm am 22. März 1136 in Westminster Abbey. Im April 1136 fand eine Synode in Oxford statt, auf der Stephan dem Klerus wichtige Zugeständnisse machte und die Huldigung von Matildas Halbbruder Robert of Gloucester erhielt, ein unehelicher Sohn Königs Heinrich I.
Die Prälaten Englands hatte Stephan mit der Bestätigung der Freiheiten der Kirche gewonnen sowie dem Abstellen von Missbräuchen wie etwa dem Heimfallrecht des beweglichen Erbes verstorbener Bischöfe. Mit vielen weltlichen Fürsten hatte der neue König Individualverträge geschlossen und ihnen im Gegenzug für ihre Unterstützung große Konzessionen gemacht.
Am 11. Dezember 1136 wurde Stephan durch Papst Innozenz II. (der durch seinen Kampf gegen seinen Konkurrenten Anaklet II. anderweitig gebunden war) anerkannt, der ihn als Stephan, König von England anredete. Diese Legitimation durch die höchste geistliche Autorität war insbesondere deshalb wichtig, damit Stephan und die englischen Barone nicht des Eidbruchs bezichtigt werden konnten.
1136–1144: Der Krieg in der Normandie
Matilda und ihr Ehemann Geoffrey Plantagenet gaben der Eroberung der Normandie als Nachbarland des Anjou höhere Priorität als der Rückgewinnung Englands. Die zu Matildas Mitgift gehörigen normannischen Grenzfestungen Argentan, Exmes und Domfront erkannten die Herrschaft der Kaiserin an. Im sicheren Argentan brachte Matilda am 22. Juli 1136 ihren dritten Sohn, William FitzEmpress, zur Welt. Im September 1136 belagerte Geoffrey Le Sap, wurde aber verwundet. Im nächsten Monat führte Matilda Hilfstruppen heran, doch das Paar konnte die Festung nicht einnehmen. Es gelang dem Grafen von Anjou auch nicht, die Unterstützung der Adeligen des Cotentin oder der Haute-Normandie zu gewinnen, wo Galéran de Beaumont, der Graf von Meulan und Schwiegersohn Stephans, den Widerstand anführte. Zu den Anhängern Matildas gehörte der aus England verbannte Baldwin de Redvers, 1. Earl of Devon, der die Umgebung von Bricquebec von seiner Burg Néhou aus kontrollierte. Unterstützung erhielt Mathilde auch von ihrem Halbbruder Reginald de Dunstanville, 1. Earl of Cornwall.
Am 25. Februar 1137 ging Stephan in Frankreich an Land, um durch seinen Sohn Eustace dem französischen König Ludwig VI. für die Normandie zu huldigen. Er konnte aber auf einem Feldzug in der Normandie keine größeren Erfolge gegen seine Rivalen erzielen. Im Juli musste er daher mit Anjou einen zweijährigen Waffenstillstand vereinbaren und nach England zurückkehren, um rebellische Barone zu bekämpfen.
Unterdessen fielen Matildas Anhänger Baldwin de Redvers, Reginald de Dunstanville und Humphrey II. de Bohun ins Cotentin ein, das vom Vicomte Roger von Saint-Sauvour für König Stephan gehalten wurde. Nach Rogers Tod fiel ein Großteil des Cotentin in die Hände der Partei der Kaiserin.
Ostern 1138 wechselte Robert of Gloucester ins Lager seiner Halbschwester über. Er verstärkte deren Position auf dem Kontinent entscheidend; hatte er doch bereits die Burgen von Caen und Bayeux, sowie das Bistum Bayeux in seiner Hand (wo sein Sohn Richard Bischof war) und brachte auch das Bessin mit auf Matildas Seite. Als Reaktion traten Galéran IV. von Meulan und Wilhelm von Ypern, der Befehlshaber der Söldner, in den Kampf ein. Geoffrey von Anjou zog sich in sein Fürstentum zurück. Stephans Anhänger griffen Caen an, konnten es nicht erobern und begnügten sich mit der Plünderung des Umlandes.
1141 griff Geoffrey Plantagenet die Normandie an. Er eroberte die Burgen Le Teilleul und Saint-Hilaire-du-Harcouët in der Grafschaft Mortain, Falaise und Lisieux, verwüstete Le Perche und drang ins Vexin ein. Gleichzeitig wurden Coutances und Saint-Lô belagert. Mit der Gefangennahme Stephans (siehe unten) ging die Normandie dann ganz an Matilda und Geoffrey über.
Im Juli 1142, als Stephan wieder auf dem Thron saß und in England ein Waffenstillstand galt, traf er sich mit Geoffrey in Caen. Am 3. April 1143 starb der Anjou-freundliche Bischof von Bayeux Richard von Gloucester; Bayeux ging an Philippe d’Harcourt, einen Gefolgsmann Stephans, dem Geoffrey die Einnahme seines Sitzes verweigerte. Im selben Jahr starb Geoffreys Vater Fulko V., wodurch Geoffrey Plantagenet Graf von Anjou und Maine wurde. Am 19. Januar 1144 eroberte er Rouen und ließ sich am Tag darauf in der Kathedrale als Herzog der Normandie inthronisieren. Die Garnison auf der Burg von Rouen ergab sich erst drei Monate später. Geoffrey huldigte Ludwig VII. von Frankreich und trat ihm die Burg Gisors ab.
Als Geoffrey Philippe d’Harcourt das Bischofsamt in Bayeux zugestand, trat in der Normandie Frieden ein. 1147 und 1148 flammte der Konflikt um Bayeux noch einmal auf, aber jetzt stellte Geoffrey gemeinsam mit dem Bischof den Frieden wieder her.
Geoffrey Plantagenet starb wenig später im Jahr 1151. Sein und Matildas Sohn Henry Plantagenet (1133–1189) wurde Herzog der Normandie, Graf von Anjou und Maine.