Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) war die erste Massenpartei der deutschen Arbeiterbewegung. Er wurde am 23. Mai 1863 in Leipzig (Königreich Sachsen) gegründet. Maßgeblicher Gründer war Ferdinand Lassalle. Nach dessen Tod im Jahr 1864 kam es zu Auseinandersetzungen um seine Nachfolge. Erst unter dem Vorsitz von Johann Baptist von Schweitzer ab 1867 war diese Krise überstanden. Ab 1869 stand der ADAV in Konkurrenz zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, bis sich beide Organisationen auf dem Gothaer Fusionsparteitag Ende Mai 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der unmittelbaren Vorläuferpartei der SPD, vereinigten.
Ansätze zu einer eigenständigen Arbeiterbewegung hatte es bereits vor der bürgerlich dominierten Revolution von 1848/49, beispielsweise in Form des Bundes der Kommunisten und der Allgemeinen Arbeiterverbrüderung, gegeben. Beide fielen nach der Niederlage der Revolution der Reaktionspolitik zum Opfer. Der Kommunistenbund wurde im Zusammenhang mit dem Kölner Kommunistenprozess von der Obrigkeit zerschlagen, die Arbeiterverbrüderung konnte durch das Verbot politischer Vereine durch den Deutschen Bund 1854 nicht weiterarbeiten. Erst das Auslaufen der Reaktionsära in den deutschen Staaten eröffnete auch der Arbeiterbewegung zu Beginn der 1860er Jahre neue Entfaltungsmöglichkeiten. Zunächst entstanden, teilweise gefördert von liberalen und demokratischen Politikern, vor allem in Sachsen und einigen Teilen Preußens Arbeiterbildungsvereine. Aus deren Umfeld kamen auch die wesentlichen Impulse zur Gründung einer eigenen Arbeiterpartei.
Unterstützt auch vom Deutschen Nationalverein besuchte eine Gruppe von etwa fünfzig Arbeitern 1862 die Weltausstellung in London und nahm dort Kontakt zu ausländischen Arbeitern und politischen Emigranten auf, unter ihnen Karl Marx. Zurück in Deutschland wurde während einer Versammlung in Leipzig beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongress einzuberufen. Zum Vorbereitungskomitee aus dem Umfeld des Leipziger Gewerblichen Bildungsvereins gehörten unter anderem August Bebel, Friedrich Wilhelm Fritzsche und Julius Vahlteich. Als sich eine Parteigründung immer stärker abzeichnete, zog sich Bebel von den Vorbereitungen wieder zurück, da er zu dieser Zeit noch auf eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Demokraten setzte. Ähnliche Überlegungen zu einem Kongress gab es auch in Berlin, Hamburg und Nürnberg. Zwar wurde ein solches Treffen von Berliner Arbeitern bereits für November 1862 angekündigt. Dieses fand jedoch nicht statt, und die weiteren Vorbereitungen wurden den Leipzigern überlassen.
Lassalle war ein aktiver Teilnehmer der Revolution von 1848/49 im Rheinland und als solcher Weggefährte von Karl Marx und Friedrich Engels. Wie diese stammte er nicht aus der Arbeiterklasse, sondern war als Jurist Teil des Bildungsbürgertums. Gleichwohl kam er bereits früh mit der entstehenden Arbeiterbewegung in Kontakt und wandte sich ihr zu Beginn der 1860er Jahre ganz zu. Im April 1862 begann er in Versammlungen zu sprechen. Sein Vortrag Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes wurde auch als Arbeiterprogramm veröffentlicht, aber unmittelbar danach von den Behörden beschlagnahmt. In einem weiteren Vortrag Über Verfassungswesen forderte Lassalle vor dem Hintergrund der Auflösung des preußischen Parlaments im selben Jahr die Durchsetzung eines allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts. Einige Zeit später wurde Lassalle wegen dieser Schrift erstmals verurteilt. Die Reden fanden dennoch Widerhall in den Kreisen der gerade entstehenden Arbeiterbildungsvereine und waren für die Leipziger Vertreter entscheidend, sich an Lassalle zu wenden. Diese wandten sich zunächst an den Deutschen Nationalverein. Hermann Schulze-Delitzsch antwortete, dass die Zeit noch nicht reif sei, Arbeiter in den Verein aufzunehmen. Später äußerte er, sie dürften sich allerdings als „geistige Ehrenmitglieder“ fühlen. Das Komitee, unter anderem vertreten von Julius Vahlteich, Friedrich Wilhelm Fritzsche und Otto Dammer, wandte sich am 11. Februar 1863 in einem Brief auch an den Journalisten Ferdinand Lassalle, um dessen Ansicht zur Arbeiterbewegung und den Mitteln, die sie einsetzen sollte, zu erfahren.
Lassalle antwortete dem Komitee am 1. März 1863 mit seinem Offenen Antwortschreiben. Darin forderte er programmatisch:
Er führte weiter aus, dass die soziale Lage der Arbeiter durch das ‚eherne Lohngesetz‘ bestimmt sei, wonach die Reallöhne langfristig gerade so hoch seien, wie nötig sei, um die benötigte Zahl an Arbeitern zu ernähren. Hilfe versprach er sich von Produktivassoziationen mit Unterstützung des Staates.
Innerhalb des Leipziger Komitees kam es zu Auseinandersetzungen vor allem mit liberalen Politikern, die den örtlichen Arbeiterverein bislang gefördert hatten. In einer Abstimmung erklärten sich allerdings 1300 Anwesende gegen 2 Stimmen für die Ausführungen Lassalles. Ein neues Komitee bereitete die Gründung eines entsprechenden Vereins vor. Ende März 1863 fanden in Hamburg, Düsseldorf, Solingen, Köln, Barmen und Elberfeld (heute beide zu Wuppertal) Arbeiterversammlungen statt, die sich den Leipziger Beschlüssen anschlossen. Zahlreiche weitere Arbeitervereine lehnten dagegen unter dem Einfluss der bürgerlichen Liberalen und Demokraten Lassalles Programm ab.
Am 23. Mai 1863 wurde im Pantheon in Leipzig von Ferdinand Lassalle und Abgesandten aus Leipzig, Hamburg, Harburg, Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Barmen, Solingen, Frankfurt am Main, Mainz und Dresden der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben Vahlteich und Fritzsche auch Theodor Yorck und Bernhard Becker. Lassalle wurde für zunächst fünf Jahre zum Präsidenten gewählt. Diese Position war deutlich stärker als in den sozialdemokratischen Parteien der folgenden Jahrzehnte, da der Präsident bei seinen Entscheidungen weitgehende Handlungsfreiheit hatte. Erst nachträglich war die Zustimmung des 23-köpfigen Vorstandes nötig. Hier spielte Julius Vahlteich als Sekretär eine herausgehobene Rolle. Sitz des Vereins war Leipzig. Einen gewissen Ausgleich für die Machtfülle des Präsidenten bot vor allem die jährlich einberufene Generalversammlung, die sich aus gewählten Delegierten zusammensetzte. Allerdings blieb dieser Aspekt innerparteilicher Demokratie bis 1871 ohne nennenswerte Bedeutung. Dazu trugen auch Manipulationen von Seiten der Präsidenten und des Vorstandes bei. Da die bestehenden Vereinsgesetze die Bildung von lokalen Gruppen ausschlossen, musste jedes Mitglied dem zentralen Verein beitreten. Ziel des Vereins war nach seinem programmatischen Selbstverständnis die „Vertretung der sozialen Interessen des deutschen Arbeiterstandes“.
Die optimistische Stimmung der neuen Partei kam auch in dem noch im Gründungsjahr gedichteten Bundeslied von Georg Herwegh zum Ausdruck, das auch nach dem Ende des ADAV fester Bestandteil des Liedgut-Repertoires der Arbeiterbewegung blieb.
Entwicklung bis zum Tod Lassalles
Insbesondere Lassalles These vom ehernen Lohngesetz hatte erhebliche Folgen für die Positionierung des ADAV innerhalb des politischen Spektrums und für seine Politik. Es besagt, dass Selbsthilfeeinrichtungen oder Gewerkschaften letztlich an der sozialen Lage grundsätzlich nichts ändern können, weil die Löhne stets in der Nähe des Existenzminimums bleiben würden, während der Gewinn den Unternehmern zufließe. Der einzige Ausweg war nach Meinung Lassalles, dass die Arbeiter durch Gründung von Produktivgenossenschaften selbst zu Unternehmern werden müssten. Dies war ohne Staatsunterstützung allerdings nicht denkbar. Da die Bewilligung von Geldern für Staatsausgaben Sache der Parlamente war, bedeutete die Durchsetzung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts die zentrale Voraussetzung auch für grundlegende soziale Veränderungen. Diese Position erklärt die relative Staatsnähe des ADAV und seine Vorbehalte, die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung anzuerkennen.
Für Lassalle war der Hauptgegner der Arbeiterbewegung das liberale Bürgertum, das die demokratischen Forderungen von 1848 verraten habe. An diese demokratische Tradition habe die Arbeiterbewegung anzuknüpfen. Die Gegnerschaft gegen den Liberalismus führte auch dazu, dass Lassalle eine gewisse Nähe zu Otto von Bismarck nicht scheute, der zu dieser Zeit als preußischer Ministerpräsident im Verfassungskonflikt ein Gegner der Liberalen war. Lassalle rechnete mit Bismarcks Unterstützung bei der Überwindung des Dreiklassenwahlrechts und auf staatliche Unterstützung für den Aufbau von Produktivgenossenschaften. Tatsächlich haben sich Lassalle und Bismarck auch mehrfach getroffen, um – wenn auch vergeblich – die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auszuloten.