Allen Welsh Dulles (* 7. April 1893 in Watertown, Jefferson County, New York; † 29. Januar 1969 in Washington, D.C.) war von 1953 bis 1961 Director of Central Intelligence und damit Leiter der CIA. Er gehörte 1963/64 zu den sieben Mitgliedern der Warren-Kommission. Als CIA-Chef war er maßgeblich für die Regierungsumstürze im Iran und in Guatemala sowie für den Mord an Patrice Lumumba verantwortlich, außerdem für das Lockheed-U-2-Programm, das Projekt MKULTRA und die Invasion in der Schweinebucht.
Dulles war der jüngere Bruder von John Foster Dulles, der 1953 Außenminister der Vereinigten Staaten wurde.
Dulles war Sohn eines presbyterianischen Geistlichen. Nach seinem Studium wurde er bereits 1916 für die USA zunächst in der Wiener Botschaft tätig, später in Bern. Berühmt ist die Anekdote, die Dulles im späteren Leben gern auf jeder Party erzählte: Er habe ein Treffen des damals unbekannten russischen Exilpolitikers Wladimir Iljitsch Uljanow in der Schweiz zugunsten eines Tennismatches mit einer jungen Dame ausgeschlagen, worauf der später als Lenin bekannte Mann zurück nach Russland gereist sei und die Oktoberrevolution ausgelöst habe. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er mit seinem Bruder John Foster Dulles als Berater seines Onkels, des US-Außenministers Robert Lansing, bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag mit. Dort kursierten die in Diplomatenkreisen lancierten Protokolle der Weisen von Zion, die Dulles 1921 während seiner Zeit an der Botschaft in Konstantinopel gemeinsam mit dem Journalisten Philip Graves als Fälschung entlarvte. 1920 heiratete er Clover Todd. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. 1926 lehnte er einen Posten als Botschafter in Peking ab und schied aus dem diplomatischen Dienst aus.
Allen Dulles folgte seinem Bruder John Foster Dulles als Anwalt in die auf das Auslandsgeschäft spezialisierte Wirtschaftsanwaltskanzlei Sullivan & Cromwell, welche die Interessen ihrer Mandanten nicht nur rechtlich betreute, sondern vor allem mit Lobby-Arbeit und gelegentlichen Public-Relation-Aktionen unterstützte. Um etwa Anleihen für den deutschen Wiederaufbau, sog. Heidelberg-Bonds, zu fördern, erzeugte man eine deutschfreundliche Stimmung durch Platzierung deutscher Operetten in den USA. Die Kanzlei vertrat US-amerikanische ebenso wie deutsche und andere europäische Unternehmen. Hierzu zählten die Chase Bank der Familie Rockefeller, Ford, ITT, SKF, die I.G. Farben, die Belgische Nationalbank, die für die Errichtung des Panamakanals verantwortliche Kanalbaugesellschaft sowie die United Fruit Company, welche die Landwirtschaft in den Ländern Zentralamerikas dominierte. Die Kanzlei fungierte auch als verdeckter Platzhalter für Gesellschaftsanteile und betätigte sich als politische Lobby. Der zum Direktor von Sullivan & Cromwell aufgestiegene John Foster Dulles fungierte als der amerikanische Generalrepräsentant des damals größten Chemiekonzerns der Welt, der I.G. Farben.
Allen Dulles, der zwischen den Weltkriegen Geschäfte mit deutschen Bankiers wie Hjalmar Schacht betreut hatte, vertrat 1936 auch Prescott Bush bei dessen Geschäften mit dem Deutschen Reich. Während Dulles bei einem Besuch 1933 von Hitler persönlich nicht begeistert war, setzte er sich für deutsche Interessen ein. Die Gebrüder Dulles sprachen sich öffentlich gegen einen Kriegseintritt der USA aus, bis dies nach dem Angriff auf Pearl Harbor politisch nicht mehr opportun war.
Dulles war während des Zweiten Weltkrieges in der von den Achsenmächten umschlossenen neutralen Schweiz Gesandter des nach dem Kriegseintritt der USA gegründeten US-Auslandsgeheimdienstes Office of Strategic Services in Bern. Dulles’ tatsächliche Funktion war ein offenes Geheimnis: er diente als Anlaufstelle für Zuträger und Widerstandskämpfer aus Nazi-Deutschland. Er arbeitete an der Aufklärung deutscher Pläne und Aktivitäten und stand in enger Verbindung zu einem Mitverschwörer des 20. Juli 1944, Hans Bernd Gisevius. Als Leiter der Abwehr in der Schweiz war er im deutschen Generalkonsulat in Zürich in seiner Tarnung als Vizekonsul tätig. Dulles’ wichtigster Agent war der deutsche Diplomat Fritz Kolbe, der aufgrund der hohen Qualität seiner Informationen von den Geheimdiensten Großbritanniens und der USA für einen Doppelagenten gehalten wurde. Kolbe lieferte regelmäßig Geheimdokumente unter anderem über die Entwicklung des V-Waffenprogramms, den von Deutschland erwarteten Landungsort der alliierten Streitkräfte im Juni 1944 an der Atlantikküste sowie über aktive deutsche Spione und Baupläne des Jagdflugzeugs Me 262.
Das Urteil über Dulles’ Arbeit fällt zwiespältig aus. So unterschätzte er die psychologische Wirkung des Flächenbombardements auf die deutsche Zivilbevölkerung. Viele wichtige Informationen aus dem Widerstand wurden verkannt. So wusste Dulles früh vom Holocaust. Der Historiker Neal H. Petersen sprach von einer Zurückhaltung in diesem Punkt, die zu den am wenigsten verständlichen und umstrittensten Aspekten seines Wirkens in Bern gehörte.
Wie viele US-Militärs war der Antikommunist der Ansicht, der vorzugswürdigere Gegner sei die damals mit den USA verbündete Sowjetunion, der die Westmächte etwa durch die Abhörprogramme ULTRA und MAGIC gewonnene taktische Erkenntnisse vorenthielten.
Es bestand laut Petersen gegen Kriegsende auch eine Furcht vor deutschen Putschisten oder gar der Wehrmacht, dass diese Hitler stürzen und sich mit den Russen einigen könnten. Dabei hätten sie vielleicht eine von Russland aufgezwungene Regierung nach Deutschland und damit ins Herz Europas eingeladen. Petersen habe laut Diane Clemens angemerkt, es hätte keine Hinweise darauf gegeben, dass Dulles’ Meinungen oder Empfehlungen jemals Entscheidungen auf höchster Ebene oder Roosevelt direkt beeinflusst hätten.
Dulles galt als hervorragender Agent für einzelne Vorhaben, aber ohne Feingefühl für sichere Kommunikation. So zitiert der Historiker Thomas Boghardt die Notiz eines britischen Agenten:„Können Sie dem Idioten [Dulles], der genau weiß, dass sein Geheimcode geknackt wurde, mitteilen, ob er denselben Code verwendet hat, um über Treffen mit allen möglichen Leuten zu berichten? Die Deutschen konnten die beteiligten Personen vermutlich identifizieren und dazu benutzen, Falschinformationen zu pflanzen. Er schluckt das leicht.“Hintergrund dieses Falls war ein von Goebbels’ Propaganda gestreutes Gerücht über einen deutschen Truppenaufbau 1944 in den Alpen. Die Nazis wollten dadurch erreichen, den Ansturm der US-Truppen von Berlin nach Bayern und Österreich abzulenken. Die von der SS abgehörte Kommunikation von Dulles bestätigte, dass die Propaganda funktionierte.
Im Februar 1945 nahm der SS-General Karl Wolff über Schweizer Mittelsmänner (Max Waibel u. a.) Kontakt mit Dulles auf. Die Verhandlungen führten zum vorzeitigen Waffenstillstand in Italien am 2. Mai 1945, also sechs Tage vor der deutschen Gesamtkapitulation am 8. Mai 1945. Mit dieser Operation Sunrise bereitete Dulles schon früh eine Nachkriegskooperation mit Nationalsozialisten vor, mit deren Hilfe er den Einfluss des Kommunismus eindämmen wollte.
Über die Verschwörer des 20. Juli 1944 schrieb Dulles ein auch auf Deutsch erschienenes Buch, das jedoch weder in den USA noch in Deutschland ein Verkaufserfolg wurde. Während seiner Zeit in Bern arbeitete Dulles u. a. mit einer Freundin und ehemaligen Patientin von Carl Gustav Jung zusammen, der US-Amerikanerin Mary Bancroft. Bancroft übersetzte in Dulles’ Auftrag für den amerikanischen Geheimdienst ein umfangreiches Manuskript von Hans Bernd Gisevius aus dem Deutschen ins Englische. Dulles hatte auch eine Affäre mit ihr. Mary Bancroft machte Dulles mit Carl Gustav Jung bekannt. Jung lieferte ihm seine Einschätzungen zum psychischen Gesundheitszustand hochrangiger nationalsozialistischer Funktionsträger und zur Stimmungslage der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg und während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus. Dulles gab diese Einschätzungen in seinen Berichten an die US-Regierung weiter.
Nach Auflösung des im Krieg improvisierten Geheimdienstes OSS 1945 setzte sich Dulles für die Gründung eines institutionellen Auslandsgeheimdienstes ein, kam jedoch aufgrund der unerwarteten Wiederwahl Trumans, dessen republikanischen Gegenkandidaten Thomas E. Dewey er unterstützt hatte, zunächst nicht zum Zuge. Stattdessen arbeitete er wieder bei Sullivan & Cromwell und pflegte intensiv Kontakte durch von ihm regelmäßig veranstaltete Gesellschaften. Einer seiner Mandanten war Mohammad Reza Pahlavi.