Alice Malsenior Walker (* 9. Februar 1944 in Eatonton, Georgia) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und politische Aktivistin. International bekannt wurde sie vor allem als Autorin des Romans Die Farbe Lila, der 1983 mit dem American Book Award und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und 1985 von Steven Spielberg verfilmt wurde. Sie zählt neben Toni Morrison, Alex Haley, Maya Angelou und August Wilson zu den bedeutendsten Vertretern der afroamerikanischen Literatur. In den letzten Jahren tritt sie auch durch verschwörungsideologische und antisemitische Äußerungen in Erscheinung.
Alice Walker wurde als achtes und letztes Kind der Farmpächter Willie Lee und Minnie Lou Grant Walker im Süden der USA geboren. Als Kind war sie lebhaft und aufgeschlossen und genoss es, beispielsweise sonntags in der Kirche vor anderen Menschen aufzutreten.
1952, als sie acht Jahre alt war, wurde ihr rechtes Auge beim Cowboy-und-Indianer-Spielen von einem Schuss eines Bruders mit einer BB Gun, einer Art Luftgewehr, schwer verletzt. Das Auge entzündete sich, verhärtete schließlich zu einem Grauen Star und erblindete. Noch lange Zeit hatte sie Angst, auch die Sehkraft ihres linken Auges zu verlieren. Wie sie selbst sagt, trug dieser Unfall viel dazu bei, dass sie sich zurückzog und begann, zu lesen und schließlich Gedichte zu schreiben. Andere Kinder zogen sie immer wieder mit der deutlich sichtbaren Schädigung ihres Auges auf, bis sie sich schließlich selbst als unansehnlich empfand und sich ihres Aussehens schämte. Sie erinnert sich an diese Zeit als Jahre, in denen sie in ihren Tagträumen „eher davon träumte, in Schwerter zu stürzen, als für immer glücklich zu leben wie in einem Märchen“. Zugleich erlaubte ihr diese schwierige Zeit, wie sie selbst feststellt, als Person zu wachsen. Sie entdeckte die klassischen Autoren, las stundenlang, während andere Kinder draußen spielten oder den Erwachsenen helfen mussten, beobachtete andere Menschen nun noch intensiver und lernte sie so zu sehen, „wie sie wirklich sind“.
Mit 14 besuchte sie ihren Bruder Bill in Boston. Dieser erkannte, welche seelischen Probleme die Verletzung des Auges seiner Schwester bereitete, brachte sie in ein Spital und bezahlte die Operation, um die Trübung ihres Auges zu entfernen. Danach veränderte sich ihr Leben grundlegend. Sie fand wieder den Mut, anderen zu begegnen, ohne den Blick zu senken, nahm wieder aktiver am Schulleben teil, beendete die High School schließlich als Klassenbeste und wurde von ihren Mitschülern zur beliebtesten Schülerin der Abschlussklasse gewählt.
Nach der High School konnte sie mit 17 dank eines Stipendiums, das sie auf Grund ihrer Augenverletzung und ihrer Schulnoten erhalten hatte, das Spelman College für afroamerikanische Mädchen in Atlanta besuchen. Bereits in dieser Zeit nahm sie an Protestkundgebungen gegen die Rassentrennung in den USA teil, darunter auch an dem Marsch auf Washington, wo sie Martin Luther Kings berühmt gewordene Rede „I have a dream …“ hörte. Zu ihren Lehrern zählte in Atlanta auch der Historiker Howard Zinn.
Zwei Jahre später wechselte sie an das Sarah Lawrence College in Yonkers, New York. In dieser Zeit reiste sie als Austauschstudentin einen Sommer lang nach Uganda. Bereits während ihrer Schulzeit schrieb sie, nicht zuletzt unter dem Eindruck eines Schwangerschaftsabbruchs, der sie in eine Depression stürzte, eine Reihe von Gedichten, die den Grundstock ihres ersten Gedichtbandes bilden sollten. Im Winter 1964/65 schloss sie das College als Bachelor of Arts ab.
Nach Ende des College-Besuchs zog sie für einen Sommer nach Liberty County (Georgia), wo sie sich an einer Kampagne zur Wählerregistrierung beteiligte. Die Begegnung mit der Armut, in der viele der Menschen, vor allem der Afroamerikaner, lebten, und die Erkenntnis, welchen Einfluss diese Lebensumstände auf das Zusammenleben der Menschen hatten, hinterließen einen tiefen Eindruck bei ihr. Sooft sie Zeit fand, schrieb sie, und diese Erlebnisse flossen in ihre Arbeit ein.
Danach zog sie für kurze Zeit nach New York, wo sie im Wohlfahrtsamt arbeitete, und kehrte dann in den Süden der USA zurück. Am 17. März 1967 heiratete sie den ebenfalls in der Bürgerrechtsbewegung aktiven Anwalt Melvyn Leventhal. Sie waren das erste standesamtlich getraute „gemischtrassige“ Paar im Bundesstaat Mississippi. Während ihr Mann vor Gericht gegen die Rassentrennung in Schulen kämpfte, war Alice in Sozialprogrammen zur Förderung schwarzer Kinder aktiv. Aus seiner Umgebung, die immer noch von rassistischen Vorurteilen geprägt war, erfuhr das Paar immer wieder Anfeindungen bis hin zur Androhung von Gewalt. Noch im selben Jahr wurde sie erneut schwanger, verlor jedoch das Kind. 1969 kam ihre Tochter Rebecca zur Welt, die mittlerweile selbst eine bekannte Autorin und Aktivistin ist. Zu dieser Zeit, 1968, wurde auch ihr erster Gedichtband Once veröffentlicht und 1970 auch ihr erster Roman The Third Life of Grange Copeland. Bis zu den frühen 1970ern lebte die Familie in Tougaloo (Mississippi).
Während dieser Zeit entdeckte sie die Werke der Autorin und Anthropologin Zora Neale Hurston. Hatte sie während ihrer Schul- und Studienzeit ausschließlich von weißen Schriftstellern gehört, war die Lektüre dieser afroamerikanischen Frau für sie eine Inspiration und ein entscheidender Einfluss auf ihr eigenes weiteres Werk. In Hurstons Büchern waren Schwarze, ganz im Gegensatz zu den stereotypen Darstellungen weißer Autoren, wirkliche Personen mit Biographien, die an der ganzen Komplexität menschlicher Schicksale Teil hatten.
1972 siedelte Alice Walker mit ihrer Tochter nach Cambridge über, wo sie als Lehrerin am Wellesley College arbeitete. Dort begründete sie den ersten Kurs, der afroamerikanische Autoren studierte. Wenig später unterrichtete sie an der Universität von Massachusetts in Boston und veröffentlichte 1973 ihren zweiten Gedichtband Revolutionary Petunias and Other Poems und kurz darauf den ersten Sammelband von Erzählungen In Love & Trouble: Stories of Black Women. Für beide Bände wurde sie mit Preisen ausgezeichnet (Richard and Hinda Rosenthal Award bzw. Lillian Smith Award).
Schaffenszeit (Die Farbe Lila)
Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter zog Walker 1974 wieder nach New York, um als Herausgeberin des Ms. Magazine zu arbeiten und auch wieder mehr Zeit dem Schreiben zu widmen. 1976 erschien der Roman Meridian, der vom Leben afroamerikanischer Frauen in der Bürgerrechtsbewegung erzählt. Im selben Jahr wurde ihre Ehe einvernehmlich geschieden. Während ihre Tochter für ein Jahr bei ihrem geschiedenen Mann blieb, beschloss sie, nach San Francisco zu ziehen, um mit der Arbeit an ihrem neuen Roman zu beginnen. Sie hatte dafür fünf Jahre veranschlagt. Tatsächlich brauchte sie jedoch nur ein Jahr, bis ihr bislang bekanntestes Werk fertig war: The Color Purple (dt.: Die Farbe Lila).
Für Die Farbe Lila erhielt sie 1983, als erste Afroamerikanerin, den Pulitzer-Preis sowie den American Book Award. Noch im selben Jahr veröffentlichte sie eine Sammlung von Essays: In Search of Our Mothers’ Gardens: Womanist Prose. Der Begriff „womanist“, der maßgeblich von ihr geprägt wurde, steht dabei für die Frauenbewegung der Afroamerikanerinnen: „Womanist is to feminist as purple is to lavender“.
1984 gründete Alice Walker ihren eigenen Verlag: Wild Trees Press. Als die Produzenten Peter Guber und Jon Peters ihr mitteilten, dass Steven Spielberg ihr Buch verfilmen und Quincy Jones die Filmmusik dazu schreiben sollte, stimmte sie nach anfänglichem Zögern zu. Sie erarbeitete selbst ein Drehbuch für den Film Die Farbe Lila, das aber nicht verwendet wurde. Letztlich war sie als Beraterin an der Entstehung des Films beteiligt. Zur gleichen Zeit erkrankte sie an Borreliose, einem Leiden, das Anfang der 1980er noch wenig erforscht war und das sie mitunter für Tage ans Bett fesselte. Ihre Mutter hatte kurz zuvor einen Schlaganfall erlitten und Alice Walker glaubte in dieser Zeit, dass sie beide bald sterben würden. Der Film wurde international ein großer Erfolg und für elf Oscars nominiert, erhielt letztlich aber keinen. Währenddessen wurde – was von manchen als Ausdruck des auch in Hollywood vorherrschenden Rassismus gewertet wurde – Jenseits von Afrika mit sieben Oscars ausgezeichnet, das Ehedrama einer Familie europäischer Kolonialherren in Kenia.