Alice Sophie Schwarzer (* 3. Dezember 1942 in Wuppertal) ist eine deutsche Journalistin und Publizistin. Sie ist Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma und wurde in den 1970er Jahren als eine führende Figur der deutschen Frauenbewegung bekannt.
Alice Schwarzer wurde 1942 unehelich in Wuppertal-Elberfeld geboren und wuchs bei ihren Großeltern auf. In einem Interview bezeichnete Schwarzer später ihren Großvater als „sehr mütterlich“ und ihre Großmutter als „sehr politisiert mit einem hohen Gerechtigkeitssinn“. Schwarzer hierzu: „Ich komme aus einer Familie, für die es selbstverständlich war, in der Nazizeit nicht den Blick zu verlieren und mit den Opfern mitzufühlen.“ Nach ihren Angaben habe ihre Familie zwar keinen organisierten Widerstand geleistet, aber private Resistenz: Ihre Großmutter habe auch nach 1938 in jüdischen Läden eingekauft und sei dafür von Nazis geohrfeigt worden, sie habe Zwangsarbeiter unterstützt und den Hitlergruß verweigert.
Schwarzer entstammt einer atheistischen Familie. Sie ließ sich mit zwölf Jahren evangelisch taufen und später auch konfirmieren. Sie bezeichnet sich als „nicht im engeren Sinne gläubig“.
Schwarzer besuchte die Handelsschule und arbeitete einige Jahre im kaufmännischen Bereich. 1963 ging sie nach Paris, wo sie die französische Sprache erlernte, und kehrte 1965 nach Deutschland zurück. Sie volontierte bei der Tageszeitung Düsseldorfer Nachrichten und wurde 1969 Reporterin der Zeitschrift Pardon. Von 1970 bis 1974 arbeitete sie in Paris als freie politische Korrespondentin für Radio, Fernsehen und Zeitschriften. Ihr Spezialgebiet waren „die Folgen von 68 im politischen, sozialen und kulturellen Bereich“. An der Universität Vincennes, die auch Studenten ohne Hochschulreife aufnahm, studierte sie von 1970 bis 1974 ohne Abschluss Psychologie und Soziologie, unter anderem bei Michel Foucault.
Frauenbewegung der 1970er Jahre
1970 freundete sich Schwarzer mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre an. Ihre Interviews mit de Beauvoir, geführt zwischen 1971 und 1982, erschienen 1983 unter dem Titel Weggefährtinnen im Gespräch als Buch. Beauvoir schrieb im Vorwort: „Dank unserer feministischen wie persönlichen Freundschaft war sie in der Lage, mir die Fragen zu stellen, die mich interessierten, und ich konnte ihr ganz und gar offen antworten.“ Schwarzers Fernsehporträt über de Beauvoir für den NDR von 1973 veröffentlichte sie 2007 als DVD im Emma-Verlag. 2007 erschien auch Schwarzers Auswahl von Beauvoirs Texten sowie ein Essay von ihr: Ein Lesebuch mit Bildern.
Zusammen mit Monique Wittig und anderen gehörte Schwarzer zu den Initiatorinnen des Pariser Mouvement pour la libération des femmes (MLF), eine der ersten feministischen Gruppen der französischen Frauenbewegung. Am 5. April 1971 veröffentlichte das französische Wochenmagazin Le Nouvel Observateur ein öffentliches Bekenntnis, in dem 343 Frauen, darunter viele Prominente wie Catherine Deneuve und Simone de Beauvoir, erklärten: „Eine Million Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. […] Ich erkläre, daß ich eine davon bin. Ich erkläre, daß ich abgetrieben habe.“ Auf spektakuläre Weise forderten sie die Legalisierung der Abtreibung und leiteten eine öffentliche Diskussion ein. Schwarzer exportierte diese Aktion unter dem Motto Frauen gegen den § 218 nach Deutschland. Höhepunkt war die Titelgeschichte der Illustrierten Stern am 6. Juni 1971, in der 374 Frauen öffentlich bekannten: Wir haben abgetrieben! Im Herbst desselben Jahres erschien Schwarzers erstes Buch, Frauen gegen den § 218.
In ihrem Buch Frauenarbeit – Frauenbefreiung (1973) kam Schwarzer auf der Grundlage von 16 Interviews mit Frauen sowie der allgemeinen Lage der Frauen zu dem Ergebnis, dass die Voraussetzung zur Gleichberechtigung außerhäusliche Berufstätigkeit sei. Gleichwohl sei sie eine zusätzliche Belastung. Konkrete Hilfe für Frauen müsse folglich bei der gesellschaftlichen Übernahme von Erziehungs- und Hausarbeit ansetzen, bei der Rationalisierung des Haushalts und der gerechten Verteilung sämtlicher die Familie betreffenden Aufgaben zwischen den Partnern. Eine tiefgreifende Veränderung der sozialen Ordnung setze allerdings voraus, dass jede Frau auch in ihrer eigenen Beziehung bereit sei, sich gegen männliche Privilegien zu wehren. Der Kampf, so Schwarzer, müsse immer auf einer kollektiven und einer individuellen Ebene zugleich geführt werden.
In ihrem Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen analysierte sie die Sexualität als „Angelpunkt der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frauen“. Die „Zwangsheterosexualität“ ist für sie nicht angeboren, sondern sei ein kulturelles Gebot. Sie plädierte für eine freie Sexualität und die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. Das Buch erschien 1975 und machte Schwarzer weit über Westdeutschland hinaus bekannt. Es wurde in zwölf Sprachen übersetzt, zuletzt 2001 auf Koreanisch. Seitdem gilt sie als die bekannteste und auch umstrittenste Persönlichkeit der neuen deutschen Frauenbewegung.
Zu Schwarzers Bekanntheit hat auch ein unmoderiertes Streitgespräch mit der argentinisch-deutschen Autorin Esther Vilar beigetragen, das der Westdeutsche Rundfunk Köln im Februar 1975 ausstrahlte und das in den Medien ausführlich kommentiert wurde. Vilar hatte in ihrem Buch Der dressierte Mann mit der These provoziert, dass nicht die Frau durch den Mann unterdrückt werde, sondern umgekehrt der Mann durch die Frau. Das Buch war in feministischen Kreisen sehr umstritten, da es, so die Meinung der Kritiker, sexistische Vorurteile weiterverbreite. Schwarzer erklärte, Vilar sei zynisch, eine Verräterin am eigenen Geschlecht und „nicht nur Sexistin, sondern Faschistin“.
Das TV-Duell machte Schwarzer schlagartig zu einer öffentlichen Person. „Die Frauen waren für Alice – die Männer für Esther“, schrieb die Fernsehzeitschrift HörZu. Bild titelte mit der „Hexe mit dem stechenden Blick durch die Brille“. Hellmuth Karasek im Wochenmagazin Spiegel nannte es ein „High Noon im deutschen Fernsehen“. In dieser Auseinandersetzung hob Schwarzer nachdrücklich hervor, dass das Ziel des feministischen Kampfes keineswegs eine Angleichung an die männliche Lebensform sei.
Im Januar 1977 erschien die erste Ausgabe der von Schwarzer gegründeten Zeitschrift Emma, deren Verlegerin und Chefredakteurin sie seither war. 1979 fuhr Schwarzer zusammen mit einer Gruppe französischer Intellektueller nach Teheran, wenige Wochen nach der Machtergreifung Chomeinis und auf den Hilferuf von Iranerinnen hin, die sich gegen Zwangsverschleierung und Entrechtung wehrten. Schwarzer schrieb darüber in einem Artikel in Emma und Die Zeit: „Diese Frauen waren gut genug, ihr Leben im Kampf für die Freiheit zu riskieren, sie werden nicht gut genug sein, in Freiheit zu leben.“ Seither ist die Gefahr, die von religiösem Fundamentalismus ausgeht, eines ihrer zentralen Themen.
Gegen den Stern, erste Anti-Sexismus-Klage in der Bundesrepublik
Am 23. Juni 1978 reichte Schwarzer gemeinsam mit neun weiteren Frauen, darunter Margarethe von Trotta, Erika Pluhar und Inge Meysel, „wegen Ehrverletzung“ Klage ein gegen Henri Nannen, den Chefredakteur der Zeitschrift Stern. Sie klagten auf Unterlassung, „die Klägerinnen dadurch zu beleidigen, dass auf den Titelseiten des Magazins ‚Stern‘ Frauen als bloßes Sexualobjekt dargestellt werden und dadurch beim männlichen Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne über die Frau beliebig verfügen und sie beherrschen“. Die Klage wurde aus formalen Gründen abgewiesen. Richter Engelschall wies darauf hin, dass es für eine solche Sexismus-Klage keine gesetzliche Grundlage gebe, doch „‚in 20, 30 Jahren‘ würde den Klägerinnen vielleicht rechtgegeben“. Die Stern-Klage war die erste Anti-Sexismus-Klage in der Bundesrepublik und schlug hohe Wellen in den Medien.
1990 rief Schwarzer den Emma-Journalistinnen-Preis ins Leben. Eine wechselnde unabhängige Jury verlieh bis 2012 alle zwei Jahre unter Schwarzers Vorsitz Preise an Journalisten für „journalistisch innovative Artikel, die ein Bewusstsein für gesellschaftliche Realitäten und die Lage der Geschlechter haben“. 1992 bis 1993 moderierte Schwarzer die Fernseh-Talkshow Zeil um Zehn des Hessischen Rundfunks. Von 1990 bis 1993 war sie Teil des Rateteams der von Joachim Fuchsberger moderierten Was bin ich?-Nachfolge-Sendung Ja oder Nein.