Alice Miller (* 12. Januar 1923 in Piotrków Trybunalski, Polen, als Alicja Englard; † 14. April 2010 in Saint-Rémy-de-Provence, Frankreich) war eine polnisch-jüdische Psychoanalytikerin und Autorin, die seit 1947 in der Schweiz lebte. Sie wurde bekannt durch ihr Buch Das Drama des begabten Kindes (1979) und stellte in den folgenden Jahrzehnten in vielen Werken ihre Ansichten über die Kind-Eltern-Beziehung dar.
Seit etwa 1985 wandte sie sich von der Psychoanalyse ab, da diese ihre neuen Erkenntnisse über den Kindesmissbrauch nicht integrierte und bezeichnete sich selbst zuletzt als „Kindheitsforscherin“.
Alicja Englard wuchs in einer jüdisch-orthodoxen Familie im polnischen Piotrków Trybunalski bei Łódź als älteste Tochter von Gutta und Meylech Englard auf.
Sie charakterisierte später ihren Vater als einen „erfolglose[n] Bankier“ und ihre Mutter als eine Hausfrau, die vorher „ein rechtloses, von ihren Eltern und Brüdern unterdrücktes Mädchen“ „gewesen war“, das mit „Worten über Liebe, Moral und Pflicht“ „großgezogen wurde“. Die Eltern heirateten im Juli 1921. Alicja kam achtzehn Monate danach zur Welt, nach weiteren vier Jahren wurde ihre jüngere Schwester geboren. Über ihre Mutter schrieb sie später, sie „hatte ihre bewährten Vorstellungen, wie man sie damals zu haben pflegte, u. a. daß jede Mutter ex definitione nur ‚das Beste für ihr Kind wolle‘,[…]“. Die Schulhefte ihrer Tochter stellte sie „ihren Freundinnen als Beweis ihrer pädagogischen Talente zur Schau“.
„Die Entdeckung, daß ich ein mißbrauchtes Kind war, daß ich vom Anbeginn meines Lebens unbedingt auf die Bedürfnisse und Gefühle meiner Mutter eingehen mußte und gar keine Chance hatte, meine eigenen zu fühlen, hat mich sehr überrascht.“
1931 zog die Familie nach Berlin, wo Alicja die deutsche Sprache erlernte.
1933 kehrten sie wieder nach Piotrków zurück.
Nach der deutschen Besetzung im Herbst 1939 verschlechterten sich die Lebensumstände für die jüdische Minderheit in Polen dramatisch. Alicja England konnte noch 1940 mit 17 Jahren in Warschau das Abitur ablegen. Danach wurde sie mit ihrer gesamten Familie ins Ghetto Piotrków Trybunalski eingewiesen. Es gelang ihr aber durch Kontakte zur jüdischen Untergrundorganisation, sich einen Pass mit dem Decknamen Alice Rostowska zu beschaffen, das Ghetto im Sommer 1940 wieder zu verlassen und in Warschau unter falscher Identität zu leben, und danach auch ihre Mutter und Schwester aus dem Ghetto zu befreien. Der Vater blieb aber dort und starb 1941.
1942 begann sie mit 19 Jahren Literaturgeschichte und Philosophie an der Geheimen Universität Warschau zu studieren.
1945 setzte sie ihr Studium an der Universität Łódź fort. Dort besuchte sie Lehrveranstaltungen von Władysław Witwicki, Władysław Tatarkiewicz, Józef Chałasiński, Tadeusz Marian Kotarbiński und dessen früherer Studentin und späterer Ehefrau Dina Sztejnbarg.
Ende 1946 emigrierte sie als Alice Rostowski als Stipendiatin der Schweizerischen Akademischen Nachkriegshilfe an die Universität Basel, wo sie ihr Studium an der Philosophisch-Historischen Fakultät fortsetzte, von Dezember 1946 bis Februar 1953 im Hauptfach Philosophie und in den Nebenfächern Psychologie und Soziologie. Sie besuchte dort Lehrveranstaltungen von Fritz Buri-Richard, Hermann Gauss (Professor der Philosophie), Karl Jaspers, Hans Kunz, Hendrik van Oyen (Professor der Theologie), Edgar Salin, Herman Schmalenbach, Andreas Speiser und John Eugen Staehelin-Iselin (Professor der Psychiatrie).
Sie unterbrach ihr Studium mehrfach, am 14. April 1949 heiratete sie den Soziologen Andreas (Andrzej) Miller, der mit ihr aus Polen emigriert war, 1950 wurde ihr Sohn Martin geboren.
1953 erwarb sie den Doktor der Philosophie an der Universität Basel bei Heinrich Barth.
1953 begann Alice Miller eine Ausbildung in freudianischer Psychoanalyse in Zürich, die im sogenannten Kränzli im Auftrag der Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) durchgeführt wurde.
(Zu diesem Kreis gehörten zunächst Fritz Morgenthaler, Jacques Berna und das Ehepaar Goldy Parin-Matthèy und Paul Parin, dann auch Harold Winter, Harold Lincke und Fred Singeisen und noch später Arno von Blarer, Ulrich Moser, Maria Pfister-Ammende, das Ehepaar Renate Grütter und Emil Grütter, Hans Müller-Winterthur und andere.) 1958 wurde daraus das Psychoanalytische Seminar für Kandidaten (PSK) gegründet. Es blieb formell unabhängig von der SGPsa und veröffentlichte seine ersten beiden Programme gemeinsam mit dem nicht freudianisch, sondern daseinsanalytisch orientierten, der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich („Burghölzli“) nahestehenden Institut für ärztliche Psychotherapie.
Alice Miller absolvierte zwei Psychoanalysen; ihre zweite bei Gertrud Boller-Schwing. Trotzdem blieb ihre Kindheitsamnesie nach eigener Feststellung „mehr oder weniger intakt“.
Psychoanalytische Praxis und erste Veröffentlichungen
Um 1960 eröffnete Alice Miller eine psychoanalytische Praxis in Zürich. Sie war Mitglied der SGPsa, später in deren Unterrichtsausschuss unter der Leitung von Fritz Morgenthaler, und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV).