Der algerische Bürgerkrieg oder das schwarze Jahrzehnt (französisch: la décennie noire) war ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung Algeriens und verschiedenen islamistischen Gruppierungen, der am 11. Januar 1992 begann und am 8. Februar 2002 nach einem Sieg der Regierungskräfte endete.
Als Beginn des Krieges wurde die Annullierung der ersten freien nationalen Wahlen seit der Unabhängigkeit des Landes nach der Absetzung des Präsidenten Chadli Bendjedid durch einen Militärputsch gesehen und das Verbot der in den Wahlen obsiegenden islamistischen Islamischen Heilsfront (FIS) durch die Militärregierung. Dem Verbot der FIS folgte ein Guerillakrieg verschiedener islamistischer Gruppen gegen den algerischen Staat, welche ihre Ziele mit terroristischen Mitteln durchzusetzen versuchten. Hierbei konnten die Islamisten Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen, in denen sie die Bevölkerung ihren Regeln unterwerfen konnten. Das Militär setzte Folter und außergerichtliche Hinrichtungen sowie Masseninhaftierungen ein. Der Krieg endete mit der Zerschlagung der bewaffneten Terrorgruppen durch die algerischen Sicherheitskräfte. Angaben über Opferzahlen schwanken zwischen 60.000 und 200.000 Toten.
Im Algerienkrieg setzte die FLN die Unabhängigkeit des Landes gegen Frankreich mit militärischen und politischen Mitteln durch. Ebenso setzte die FLN während des Krieges ihren politischen Alleinvertretungsanspruch gegen die konkurrierende Parti du peuple algérien durch und errichtete nach dem Krieg unter Ahmed Ben Bella einen Einparteienstaat nach Vorbild der sozialistischen Staaten des Ostblocks. Kurz nach dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg kam es zu einer kurzlebigen bewaffneten Widerstandsbewegung der FFS-Guerilla unter Hocine Aït Ahmed in der Kabylei. 1965 ersetzte Houari Boumedienne Ben Bella als Staatschef durch einen Militärputsch. Boumedienne nahm weiterhin den Sozialismus als Grundlage, versprach jedoch mehr Egalitarismus und eine Rückbesinnung auf die arabisch-islamische Identität des Landes. Er schuf eine auf sich als Person zugeschnittene Diktatur, bei welcher die hohen Militärs das politische System dominierten. Innenpolitisch sorgte der Militärgeheimdienst Sécurité Militaire (SM) für die Ausschaltung politischer Gegner. Ben Bella und seine Verbündeten wurden inhaftiert. Potentielle Opponenten wie Aït Ahmed, Messali Hadj und Muhammad Boudiaf wurden ins Exil getrieben. Die SM wurde gestärkt durch Ausbildungshilfen der Ostblockgeheimdienste KGB und Stasi zu einer allgegenwärtigen und gefürchteten Institution des FLN-Staates. Sowohl die regierende Nomenklatura als auch deren Repressionsorgane waren für den Gemeinbürger weder transparent greifbar noch juristisch verantwortbar. Die 1976 verabschiedete Verfassung machte den Islam zur Staatsreligion. Das Boumedienneregime kooptierte die vorhandenen Strukturen der Rechtsgelehrten durch Institutionalisierung religiöser Strukturen als Staatsbeamte. Gleichzeitig übte der Staat durch das Ministerium für religiöse Angelegenheiten eine strenge Kontrolle der Lehr- und Predigtinhalte aus. Ziel des Staates war eine kooperierende islamische Rechtsgelehrsamkeit, welche die Religion in das säkular-nationalistische Narrativ der FLN integrierte. Islamistische Organisationen oder politische Abweichung wurden vom Regime nicht toleriert. So wurde die islamistische Rechtsgelehrtenorganisation Al-Qiyam in den Siebzigerjahren verboten. Während der Siebzigerjahre profitierte Algerien wirtschaftlich vom Ölboom und hatte ein hohes Wirtschaftswachstum. Boumediennes Regierung setzte erfolgreich die Verstaatlichung des bisher französisch-dominierten Ölsektors durch. Ebenso forcierte das Regime eine Landreform, die bei den landbesitzenden Eliten und der Religionsgelehrsamkeit auf Widerwillen stießen. Trotz der grassierenden Korruption und Intransparenz konnte das Regime durch Expansion des öffentlichen Sektors und außenpolitisches Prestigegewinn als Mitglied der Blockfreienbewegung innenpolitisch Legitimität gewinnen. Das Problem der Polarisierung und Verarmung insbesondere der in die Städte gezogenen Landbevölkerung konnte die Wirtschaftspolitik Boumediennes nicht lösen. 1977 waren rund 82 % der Stadtbevölkerung des Landes sozial marginalisiert oder arm. Die Mittelklasse wurde auf 11 % beziffert. Die Oberschicht machte 6 % der Bevölkerung aus. Während der Siebzigerjahre nahm die Ungleichheit zu, wobei das Besitzbürgertum und staatsnahe Teile der Mittelklasse prosperierten, während die Lebensumstände der restlichen Bevölkerung stagnierten oder schlechter wurden. Migrationsrenten nach Frankreich ausgewanderter Familienmitglieder wurden zu einer wichtigen Einnahmequelle für Teile der Bevölkerung.
Nach dem Tod von Houari Boumedienne 1979 wurde der Offizier und FLN-Kader Chadli Bendjedid als Kompromisskandidat der verschiedenen Fraktionen der FLN Präsident. Die 1980er Jahre stellten Algerien vor große wirtschaftliche Probleme. Seit der Unabhängigkeit wuchs die Wirtschaft pro Jahr um rund 4 %. Von 1986 bis 1992 waren nur 0,7 % zu verzeichnen. Von 1966 bis 1987 kam es fast zu einer Verdopplung der Bevölkerung auf 23 Millionen Menschen. Zwei Drittel der Bevölkerung waren 1987 unter 25 Jahre. 98 % der Fremdwährungseinnahmen des Landes wurden durch Erdöl- und Erdgasexporte erzielt. In diesem Sektor ereignete sich ein Preisverfall während der 1980er Jahre, ebenso waren die Vorkommen geringer als zunächst durch Exploration erwartet. Allein während des Jahres 1986 verfielen die Einnahmen aus Erdölexporten um 40 %. Die Regierung konnte ihre Finanzen nur durch massive Staatsverschuldung am Kapitalmarkt decken und reagierte mit einer Sparpolitik. Diese wurde für die Bevölkerung durch Nahrungsmittelknappheit, Einschränkung öffentlicher Infrastrukturleistungen und Massenarbeitslosigkeit vor allem unter der jungen Generation spürbar. Die Massen junger arbeitsloser Männer, welche das Straßenbild der Städte prägten, erhielten im einheimischen Sprachgebrauch die Bezeichnung Hittistes, vom arabischen Wort für Wand. Weite Teile der Mitarbeiter in Staatsbetrieben betrieben Korruption. Auch außerhalb des Staates waren ganze Bevölkerungsgruppen auf illegalen Handel und Schmuggel (Trabendo) angewiesen, um den Konsumgüter- und Arbeitsplatzmangel im sozialistischen Staat auszugleichen. Infolgedessen verlor der FLN-Staat bei der jungen Generation entscheidend an Legitimität und wurde als le pouvoir (wörtlich: „die Macht“) sowohl als korrupt und despotisch angesehen als auch in die Nähe der ehemaligen Kolonialmacht gerückt. Ebenso ging der Charakter des Nomenklaturasprößlings, der dank Patronage reüssierte, als Chi-Chi in den algerischen Volksmund ein und wurde zur Hassfigur der jungen Generation.
Die Arabisierungspolitik der FLN sorgte für Unmut unter der Berberbevölkerung der Kabylei. Aus Protest gegen die mangelnde Berücksichtigung der Berbersprache und das Verbot einer Vorlesung auf Berberisch besetzten Studenten und Hochschullehrer am 19. März 1980 den Campus in Tizi-Ouzou. Dies weitete sich zu Unruhen gegen den Zentralstaat aus, welche in einem Generalstreik in der Kabylei im April gipfelten. Dieser in Anlehnung an den Prager Frühling als Tizi-Ouzou-Frühling bezeichnete Protest forderte erstmals in einer Massenbewegung die Legitimität der FLN heraus. Bei der Niederschlagung der Proteste durch die Sicherheitskräfte kam es zu 30 Toten und mehreren hunderten Verletzten. Chadli Benjedid reagierte zunächst mit Zugeständnissen im Sinne der Schaffung von Universitätslehrstühlen für die berberische Sprache und Kultur. Im Sommer 1980 verabschiedete die FLN jedoch eine Kulturcharta die erneut die arabisch-muslimische Identität des Landes ohne Nennung der Berber bekräftigte. Ein erneuter Aufruf zum Generalstreik im Herbst 1980 fand kaum noch Resonanz. Die berberische Protestbewegung konnte sich jedoch über die Schaffung von gesellschaftlichen Organisationen institutionalisieren. So formierte sich mit den Enfants des Chouhada (Kindern der Märtyrer) eine Graswurzelbewegung, welche das Andenken berberischer Unabhängigkeitskriegsveteranen unabhängig von der Arbeit der staatlichen Veteranenorganisation bewahren und dokumentieren sollte. Die 1985 von Abdennour Ali Yahya gegründete Algerische Liga zur Verteidigung der Menschenrechte (LADD) ging personell aus der Berberprotestbewegung hervor.