An diesem Tag

Alfred Sohn-Rethel

Deutscher Nationalökonom und Sozialphilosoph (1899-1990)

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Alfred Sohn-Rethel (* 4. Januar 1899 in Neuilly-sur-Seine bei Paris; † 6. April 1990 in Bremen) war ein deutscher Nationalökonom und Sozialphilosoph.

Sohn-Rethel stammte aus einer Familie von Malern mit großbürgerlicher Verwandtschaft. Damit er nicht auch noch Maler würde, sollte er in einem amusischen Haushalt aufwachsen – bei dem mit der Familie befreundeten Düsseldorfer Stahlindustriellen Ernst Poensgen – und später Wirtschafts- oder Naturwissenschaften studieren. Zu Weihnachten 1915 wünschte er sich von seinem Pflegevater Poensgen die drei Bände des Kapitals, die er auch erhielt und dann äußerst gründlich zu studieren begann.

Sohn-Rethel war Urenkel des Historienmalers Alfred Rethel (1816–1859) und des Malers Karl Ferdinand Sohn (1805–1867) sowie Ur-Urenkel des Miniaturmalers August Grahl (1791–1868) und von Elisabeth, geb. Oppenheim (1813–1904). Sohn-Rethels gleichnamiger Vater Alfred (1875–1958), Sohn des Malers Karl Rudolf Sohn (1845–1908) und der Else Sohn-Rethel (1853–1933), Tochter von Alfred Rethel, kann als Maler ebenso wie dessen ebenfalls als Kunstmaler tätige Brüder Otto Sohn-Rethel (1877–1949) und Karli Sohn-Rethel (1882–1966) stilistisch der Klassischen Moderne zugeordnet werden. Sohn-Rethels Mutter Anna Julie Michels (1874–1957) kam aus dem jüdischen Elternhaus Oppenheimer und verfügte über Beziehungen zu einflussreichen Kreisen in Industrie und Hochfinanz. Seine ältere Schwester Elisabeth („Lissi“, 1897–1993) war die zweite Ehefrau des Schauspielers Albert Steinrück. Sein jüngerer Bruder Hans-Joachim Sohn-Rethel war Maler und Kabarettist.

In erster Ehe war Sohn-Rethel seit 1920 mit der Musikerin Tilla Henninger (1893–1945) verheiratet. Der Ehe entstammte die Tochter Brigit (1921–1995), die mit dem Maler Hans Potthof und später mit dem Briten Peter Wright verheiratet war. Tilla Henninger wollte Sohn-Rethel von der Schweiz aus ins französische Zwischenexil nachkommen, doch scheiterten ihre Bemühungen um ein Visum.

Im britischen Exil ging Sohn-Rethel im Jahre 1945 eine Ehe mit Joan Margeret Levi (1907–1980) ein, der die Kinder Ann (* 1949) und Martin (1947–2016) entstammen. Joan Levi arbeitete als Krankenschwester im Queen Elisabeth-Hospital in Birmingham in der Nachbehandlung von Krebskrankheiten. Ihr zuliebe blieb er in Großbritannien, wo er private Nachhilfestunden in Französisch gab und als Lehrer arbeitete. Sein Sohn Martin Sohn-Rethel lehrte von 1990 bis 2013 Film- und Medienwissenschaft am Varndean College in Brighton. Ann Sohn-Rethel ist Keramikerin in Cheltenham.

1984 heirateten Alfred Sohn-Rethel und Bettina Wassmann (1942–2024); Wassmann war in Bremen tätig als Buchhändlerin und Verlegerin.

Alfred Sohn-Rethel wuchs zunächst in Barbizon auf. Von 1908 bis 1912 lebte er als Pflegekind in der Familie des Stahlindustriellen Ernst Poensgen in Düsseldorf und begann bereits in seiner Schulzeit mit der Lektüre des Kapital von Karl Marx. Hier erhielt er erste Kontakte zur Anti-Kriegsbewegung. Die in der Folge entstandenen Konflikte in der Schule und auch in der Familie Sohn-Rethel, die mit ihm 1912 nach Berlin zog, führten dazu, dass Alfred nach Lüneburg übersiedelte, wo er im Januar 1917 am Johanneum sein Abitur ablegte.

Auf Druck der Eltern immatrikulierte er sich zunächst in Darmstadt in Chemie, wechselte aber noch im selben Jahr nach Heidelberg, um Ökonomie, Philosophie, Geschichte und Soziologie zu studieren. Er pendelte zwischen Heidelberg, wo er Emil Lederer, Alfred Weber, Heinrich Rickert hörte, und Berlin, wo Ernst Cassirer über Immanuel Kant und Probleme der Erkenntnistheorie las. 1921/22 zog er sich nach Gaiberg am Königsstuhl zurück, wo er sich für ein Jahr mit dem Marxschen Kapital beschäftigte.

Die desolate wirtschaftliche Situation in Deutschland veranlasste ihn zu einem längeren Aufenthalt in Italien. Hier lebte die junge Familie von 1923 bis 1926 in der Villa des Onkels Otto Sohn-Rethel in Anacapri, sowie in Positano bei Alfreds Lieblingsonkel, dem Maler Karli Sohn-Rethel. In diese Zeit fielen zahlreiche essayistische Texte.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete Sohn-Rethel an seiner Dissertation und promovierte im Frühjahr 1928 in Heidelberg beim austromarxistischen Ökonomen Emil Lederer in Nationalökonomie. In seiner Dissertation kritisiert er die Theorie des Grenznutzens als eine »petitio principii«, da diese Richtung den Zahl-Begriff stillschweigend voraussetzt. Seine theoretischen Fragestellungen und Theorieansätze sowie sein geistiger Hintergrund weisen eine Verwandtschaft mit dem Denken der Kritischen Theorie auf. Im Jahr 1924 hatte er auf Capri Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennengelernt. Schon in Heidelberg war er seit 1920 mit Ernst Bloch befreundet und seit 1921 mit Walter Benjamin bekannt gewesen. Von da an stand er zeitlebens in Kontakt mit den Vertretern der Frankfurter Schule, insbesondere mit Adorno. Es kam aber wegen Max Horkheimers Bedenken einer etwaig zu spekulativen Gesellschaftskritik zu keiner festen Zusammenarbeit.

Durch Vermittlung von Poensgen gelangte er im September 1931 zu einer wissenschaftlichen Hilfstätigkeit beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT). Der MWT war ein Interessenverband der führenden deutschen Industrieunternehmen, Banken und Verbände. Dort konnte Sohn-Rethel – für Soziologen ein seltener Fall – ab 1931 unerkannt „in der Höhle des Löwen“ und aus nächster Nähe, „im zweiten Rang Mitte“, das machtpolitische Geschehen beobachten und nach Branchen analysieren. Seine kommunistischen Überzeugungen verheimlichte er. In der Emigration verfasste Sohn-Rethel später auf der Grundlage eigener Beobachtung seine Analyse, die erst 1973 unter dem Titel „Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus“ veröffentlicht wurde.

Im September 1932 brachte Sohn-Rethel in den Deutschen Führerbriefen, einem in Wirtschaftskreisen viel gelesenen Blatt, anonym einen zweiteiligen Artikel unter, in dem er die Nationalsozialisten dafür lobte, Ersatz für die Massenbasis zu bieten, die bisher die SPD in der Weimarer Republik gehabt habe. Zwar seien sie in Teilen ebenfalls antikapitalistisch, doch stellten sie die einzige Hoffnung auf eine „soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus“ dar. Die Wirtschaft solle sich daher hinter den Nationalsozialismus stellen und ihn so zähmen, wie sie es in den Jahren zuvor mit der SPD getan habe. Dies entsprach nicht Sohn-Rethels Überzeugungen. Er handelte vielmehr als Agent Provocateur: Kaum war der Artikel erschienen, sandte Sohn-Rethel eine Kopie an Die Rote Fahne, die Parteizeitung der KPD, die ihn für ihre Propaganda benutzte, wonach Wirtschaftsbosse und NSDAP unter einer Decke stecken würden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Artikel mehrfach als Indiz dafür angeführt, der Aufstieg der NSDAP gehe auf Unterstützungen aus der Großindustrie zurück, bis Sohn-Rethel 1970 selbst seine Verfasserschaft und seine Motive dabei bekanntmachte.

Von der ersten groß angelegten Razzia, die Polizei und SA nach der NS-Machtübernahme im März 1933 gegen die Künstlerkolonie Berlin durchführten, blieb er verschont. Er wohnte bei seiner Schwester Lissi Steinrück auf der Laubenheimer Straße 1. Die Wohnungstür unter ihm, die des Theaterregisseurs Heinz Hilpert, wurde aufgeschossen, doch zu ihm kamen sie nicht hoch. Im Winter wurde er bei einer folgenden Razzia verhaftet, man hatte in einem Verschlag einen Koffer mit Kampfschriften, Flugblättern und Auszügen aus alten Büchern wie jenes von Rosa Luxemburg: „Die Wirtschaftsgeschichte“ gefunden, und zwei Tage und zwei Nächte saß er in der Gestapo-Zentrale im Prinz-Albrecht-Palais ein. Nach seiner Entlassung verlor Sohn-Rethel seinen Posten beim MWT. Bis 1936 verharrte er in Berlin in der Wohnung einer Baugenossenschaft der Polizei. 1934 hatte er den Posten eines Geschäftsführers der Ägyptischen Handelskammer Deutschland in der Bendlerstraße angetreten. Gleichzeitig hielt er Kontakt zu linkssozialistischen Widerstandsgruppen wie Neu Beginnen und Roter Stoßtrupp und nahm Kontakt auf mit Richard Löwenthal, Margret Boveri, Peter von Haselberg.

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