Alfred Herrhausen (* 30. Januar 1930 in Essen; † 30. November 1989 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Manager und Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Er strebte an, sie zu einer globalen Universalbank mit integriertem Investmentbanking weiterzuentwickeln und ihre Position im internationalen Wettbewerb zu verbessern. In seinen öffentlichen Stellungnahmen thematisierte Herrhausen nicht allein finanzpolitische Fragestellungen. Immer wieder äußerte er sich darüber hinaus grundlegend zu Aspekten der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ordnung und erlangte insbesondere dadurch Aufmerksamkeit. Er galt als Sprecher nicht nur seiner Bank, sondern – avant la lettre – als Sprecher der „Deutschland AG“. Insbesondere in der zweiten Hälfte der 1970er und der zweiten Hälfte der 1980er Jahre beteiligte er sich in diesem Kontext intensiv an der Debatte über die „Macht der Banken“. Seit Herbst 1987 setzte Herrhausen sich öffentlich dafür ein, die Kreditlasten hochverschuldeter Entwicklungsländer zu reduzieren. Dieser Vorstoß erzeugte weit über seine Branche hinaus Diskussionen. Herrhausen, der seine Berufslaufbahn in der Energiewirtschaft begonnen hatte, starb bei einem Bombenattentat, zu dem sich die Rote Armee Fraktion (RAF) bekannte. Die Täter konnten bis heute nicht identifiziert werden.
Herkunftsfamilie und Bildungsweg
Alfred und seine Zwillingsschwester Anne kamen in Essen als Kinder des Vermessungsingenieurs Karl Herrhausen und seiner Ehefrau Wilhelmine (Hella), geborene Funke, zur Welt. Der Vater entstammte einer Essener Metzgerfamilie, die Mutter einer Offiziersfamilie aus Gelsenkirchen. Herrhausen wuchs in handwerklich-mittelständischen Verhältnissen im Essener Stadtteil Huttrop auf. Die Kinder wurden römisch-katholisch getauft, die Erziehung war jedoch nicht religiös-konfessionell geprägt. Karl Herrhausen trat Ende 1927 in die Dienste der Ruhrgas AG. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise behielt er seine Beschäftigung und sicherte der Familie ein ausreichendes Einkommen. Bis 1940 war seine Tätigkeit mit mehrfachen Wohnsitzwechseln verbunden; erst anschließend ließ sich die Familie dauerhaft wieder in Essen nieder. Hella Herrhausen, Mutter und Hausfrau, teilte den Ehrgeiz ihres Gatten. Aufgrund eigener Neigungen hielt sie ihre Zwillingskinder zu Sport und Musik (Klavierspiel) an. Ihr Sohn, der als hochbegabt galt, übernahm das Leistungsideal seiner Herkunftsfamilie.
Alfred Herrhausen besuchte seit dem Frühjahr 1940 in Essen die neusprachlich ausgerichtete Humboldt-Oberrealschule. Durch die Kinderlandverschickung kam er von Anfang Juni bis Mitte November 1941 auf die Schlüsselburg bei Strakonitz im damaligen deutschen Protektorat Böhmen und Mähren. Den dortigen Schulunterricht und die vielfältigen Freizeitaktivitäten genoss er.
Im Frühjahr 1942 schlug die Kreisleitung der NSDAP Alfred Herrhausen zur Aufnahme auf die Reichsschule Feldafing vor. Der Zwölfjährige trat im September 1942 in diese NS-Ausleseschule ein. Die Ausbildung dort erfolgte nicht in erster Linie mit doktrinär-ideologischen Methoden, sondern in umfangreichen Lern-, Sport-, Kultur- und Ausflugsprogrammen, die die Bereitschaft zu Leistung, Führung und Verantwortung anregen und stärken sollten. Diese Ziele und Vorgehensweisen stießen bei Herrhausen auf positive Resonanz. Er wurde, nicht zuletzt aufgrund seiner sportlichen Fähigkeiten, zum „Klassenführer“ ernannt. Die Übernahme von Rassismus, Antisemitismus und Militarismus – zentrale Elemente der NS-Ideologie – ließ sich nach Ansicht seiner Biografin Friederike Sattler bei Herrhausen nicht feststellen, allerdings verwendete er Vokabular, das Personen stark bewertete, wie etwa „wertvoll“ oder „minderwertig“. Später traten in Briefen an die Eltern gelegentlich Durchhalteparolen und die Aufforderung hinzu, „Defätisten“ entschieden zu widersprechen. Auch eigenhändig verfasste Gedichte, die Soldaten huldigten, trug er 1943 in Feldafing am „Heldengedenktag“ öffentlich vor. Die Militarisierung des Schulalltags verstärkte sich seit Frühjahr 1944 durch die praktische Ausbildung an Waffen sowie ab Herbst 1944 durch eine infanteristische Grundausbildung; klassischer Schulunterricht erfolgte nur noch unregelmäßig. Am 20. April 1945 räumten alle Schüler und Lehrer das Feldafinger Schulgelände; sie erreichten nach drei Tagen Steinach am Brenner. Zur Wiederaufnahme des Unterrichts kam es nicht mehr. Am 30. April folgte die Entlassung der Schüler, sie sollten sich allein nach Hause durchschlagen. Gemeinsam mit anderen suchte Herrhausen zunächst Zuflucht auf einer Alm am Hintersteiner See, um nach Kriegsende einige Wochen in Wörgl zu bleiben, im Elternhaus eines Schulfreundes. Am 17. Juli 1945 entschloss er sich zur Rückkehr nach Essen. Dort fand er fünf Tage später seine Familie unversehrt vor.
Im November 1945 trat Herrhausen in das Carl-Humann-Gymnasium in Essen-Steele ein. Allerdings wurde er wegen des monatelangen Unterrichtsausfalls eine Klasse zurückversetzt. Die schulisch-behördliche Prüfung der Frage, ob er als ehemaliger Schüler einer NS-Eliteschule auf diesem Essener Gymnasium bleiben dürfe, fiel im Januar 1946 positiv aus; eine spätere Relegation fürchtete er dennoch. Ab Ostern 1946 besuchte er die Obersekunda, seinen regulären Jahrgang. Die alliierten Siegermächte betrachtete der Oberschüler skeptisch, ebenso den Parteienwettbewerb; stattdessen plädierte er in Briefen an seine Freunde aus der Feldafinger Zeit für einen Zentralstaat. Den Nationalsozialismus vermisste er nicht, der Gemeinschaft vom Starnberger See trauerte er aber nach. Dennoch hatte er sich spätestens 1947 in Essen wieder eingelebt; im März 1949 bestand er die Abiturprüfungen.
Zunächst erwog Herrhausen, Lehrer zu werden und dafür Geschichte, Philosophie und Philologie zu studieren. Eigene pragmatische Überlegungen und Einwände seines Vaters führten ihn zu der Entscheidung, ein Studium der damals noch breit angelegten Betriebswirtschaftslehre aufzunehmen, das er im Sommersemester 1949 an der Universität zu Köln begann. Er beabsichtigte, seine akademische Ausbildung möglichst rasch zu absolvieren. Zugleich nutzte er das Angebot von „Ferienkursen“ im Ausland, die ihn in die Schweiz und nach Großbritannien führten. Insbesondere durch diese Erfahrungen änderte er seine Haltung gegenüber der repräsentativen Demokratie. Er entwickelte sich vom Skeptiker zum erklärten Befürworter dieses politischen Systems. Bereits zu Beginn seines Studiums wurde er Mitglied der Studentenverbindung Corps Hansea zu Köln. In den Semesterferien absolvierte er berufsbezogene Praktika in der Ruhrgas AG. Zum Wintersemester 1951/1952 trat er eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft im Energiewirtschaftlichen Institut an. Seine von Theodor Wessels betreute Diplomarbeit behandelte „Grenzkostenprobleme in der Energiewirtschaft“; die Diplomprüfung absolvierte er 1952.
Parallel zu seiner ersten Anstellung verfasste er seine Doktorarbeit, eine „theoretisch anspruchsvolle […], im übrigen aber knochentrockene […] Arbeit über ‚Grenznutzen als Bestandteil des Marginalprinzips‘“. Betreut wurde sie von Wessels und von Alfred Müller-Armack. In dieser Zeit besuchte Herrhausen zudem private Kolloquien von Wessels, Gerhard Weisser und Erich Gutenberg. Zugleich entdeckte er zentrale erkenntnistheoretische Schriften von Karl Popper, der unter anderem als Vertreter eines modernen Fallibilismus für ihn lebenslang eine Autorität blieb. Gleichzeitig betonte Herrhausen immer wieder, auch in seiner Dissertation, „richtiges Denken“ könne zu „wahren Aussagen“ führen. Auch mit Werken von Friedrich August von Hayek befasste er sich intensiver. Ende 1954 reichte er seine Schrift ein. Wessels und Müller-Armack bewerteten sie mit „gut“. Diese Note wurde am 26. Februar 1955 in der mündlichen Prüfung bestätigt.
Manager in der Energiewirtschaft
Direktionsassistent der Ruhrgas AG
Nach seiner Diplomprüfung trat er Mitte Oktober 1952 eine Stelle als Direktionsassistent der Ruhrgas AG an. Dieses Unternehmen der Ferngaswirtschaft mit damals mehr als 1100 Mitarbeitern hatte er intensiver durch seine Praktika während des Studiums kennengelernt. Seine Arbeit, die es gestattete, seine Promotion voranzutreiben, verschaffte ihm Kontakte zu Vertretern der Zechen an der Ruhr und weiteren Geschäftspartnern. Der Vorstand, insbesondere sein Förderer Fritz Gummert, zog ihn umfassend zu Alltagsaufgaben der Leitung und zu Sonderaufgaben heran. Zu den letzteren zählte die Umsetzung der „Investitionshilfe der gewerblichen Wirtschaft“, einer Zwangsumlage bei der Konsumgüterindustrie, die Mittel aufbringen sollte, um Erhaltungs- und Erweiterungsinvestitionen in der Schwerindustrie, der Grundstoffindustrie, der Energiewirtschaft, der Wasserwirtschaft und im Waggonbau zu finanzieren. Nach Beendigung seines Promotionsverfahrens schied Herrhausen auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen aus.