Alexei Oktjabrinowitsch Balabanow (russisch Алексей Октябринович Балабанов; * 25. Februar 1959 in Swerdlowsk; † 18. Mai 2013 in Sestrorezk) war ein russischer Regisseur, Filmproduzent, Drehbuchautor und Schauspieler. Er erhielt unter anderen den russischen Filmpreis Nika für die Regie des Films Про уродов и людей (englisch Of Freaks and Men) sowie Preise beim Kinotawr-Filmfestival von Sotschi für Der Bruder (russisch Брат brat) und Chechenia Warrior 2 (russisch Война Woina).
Balabanow wurde am 25. Februar 1959 in Swerdlowsk, heute Jekaterinburg, geboren. Nach seiner zehnjährigen Schulzeit in Swerdlowsk studierte er ab 1976 an der Fakultät für Übersetzungen der Linguistischen Hochschule in Gorki, heute Nischni Nowgorod.
Von 1981 bis 1983 leistete er seinen Wehrdienst als Offizier in der Sowjetischen Luftwaffe ab und wurde als Pilot in der Transportluftfahrt eingesetzt, wo er Ziele in Afrika und Asien anflog. Seine Erinnerungen daran spiegelten sich in seinem Film Груз 200 (englisch Cargo 200) wider. Er nahm am Krieg in Afghanistan teil und wurde kurz vor Ende seiner Dienstzeit in die Sowjetische Marine versetzt.
Balabanow arbeitete von 1983 bis 1987 als Regieassistent in den Swerdlowsk Film Studios. Im Jahre 1990 absolvierte er die High Courses for Scriptwriters and Film Directors im Fach Regie.
Seinen ersten Spielfilm drehte er 1987 im Ural. Das Drehbuch wurde über Nacht geschrieben. Der Low-Budget-Film spielt in einem Restaurant und wurde von den Bandmitgliedern der Nautilus Pompilius, mit dessen Frontman Wjatscheslaw Butussow er gut befreundet war, gespielt. In seinen weiteren Filmen suchte Balabanow stets nach Schauspielern, die den Alltag auf die natürlichste und überzeugendste Weise verkörpern und wechselte weniger professionell spielende Schauspieler aus.
Seit dem Jahre 1990 lebte und wirkte Balabanow in Sankt Petersburg. Zusammen mit dem Filmproduzenten Sergei Seljanow gründete er 1992 das Filmproduktionsunternehmen CTB (deutsch STV). Dort produzierte er den Großteil seiner Filme.
Die zwei Filme Счастливые дни (englisch Happy Days, basierend auf Samuel Becketts Theater-Drama) und Замок (englisch The Castle nach Das Schloss von Franz Kafka) beinhalten unvergessliche bemerkenswerte visuelle Darstellungen und übertragen absurde und beengende Gefühle eingebettet in literarische Inspirationen.
Mit dem Film Брат (Der Bruder), der die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der zum Auftragsmörder wurde, erlangte Balabanow in Russland Berühmtheit. In den 1990er-Jahren wurde der Film zu einer der russischen Filmikonen und Sergei Bodrow, der die Hauptrolle verkörperte, wurde „Held der Generationen“ genannt.
Im Jahre 1998 inszenierte er den Film Про уродов и людей (Of Freaks and Men) nach einem Szenario, das er bereits fünf Jahre zuvor verfasst, aber aufgrund fehlenden Budgets nicht früher hatte umsetzen können. Trotz der umstrittenen Handlung (der Film thematisiert die Pornofilm-Produktion im Russischen Reich) wurde der Film in der Kategorie Bester Film mit dem Nika ausgezeichnet.
Balabanow brachte mit Брат 2 im Jahre 2000 die Fortsetzung des Films Брат in Moskau und den Vereinigten Staaten von Amerika heraus. Auch bezüglich des Films Война (2002; englisch War) wurden ihm politische Unkorrektheiten vorgeworfen, beispielsweise dass der Nordkaukasus Schauplatz des Zweiten Tschetschenienkriegs wurde. Danach widmete sich Balabanow weniger anspruchsvollen Filmen wie der Kriminalkomödie Жмурки (englisch Dead Man’s Bluff) und dem Melodram Мне не больно (englisch It Doesn’t Hurt Me).
Im Jahre 2007 zeigte er im Film Груз 200 auf naturalistische Weise die Kehrseite der späten Sowjetunion während des Krieges in Afghanistan und die schreckliche und grausame Seite der Menschheit, was der Grund dafür war, dass einige wohlbekannte Schauspieler den Auftritt im Film ablehnten. In vielen Städten Russlands wurde die Ausstrahlung des Films verboten.
Die Handlung im Film Кочегар (2010) erzählt über Jakuten, Veteranen des Afghanistankrieges und den Widerstand der einfachen Bevölkerung.
In seinem letzten Film Я тоже хочу (2012) erklärt der Regisseur das Problem, einen Menschen aus dem Leben gehen zu lassen. Balabanow stellte selbst eine Rolle in einer Episode des Films dar. In einem Interview erklärte er, dass dies sein letzter Film sein werde.
Amateur- und Dokumentarfilme ausgeschlossen, drehte Balabanow 14 Spielfilme.
Balabanow starb mit 54 Jahren an einem Herzinfarkt. Die Trauerfeierlichkeiten fanden am 21. Mai in der Fürst-Wladimir-Kathedrale in Sankt Petersburg und die Beisetzung auf dem dortigen Smolensker Friedhof statt.
Die meisten Filme Balabanows spielen in den 1980er- bis 1990er-Jahren in Russland und erzählen Lebensgeschichten von Personen. Seinen Durchbruch erlangte er mit der Handlung über Danila Bagrow in den Filmen Брат (Der Bruder) und Брат 2; diese Rolle wurde von Sergei Bodrow gespielt. Im Film erschuf Bodrow eigene Mythen und sein eigenes Wertesystem und wurde deshalb als erster echter Held der post-sowjetischen Kinoleinwand gefeiert.
In den Hauptrollen stellte Balabanow oft Außenseiter dar, die am Abgrund stehen, auf der Suche nach ihrem Platz im Leben sind oder erfolglos nach Lebensharmonie suchen. Nach Ksenija Tschudinowa sind dies „in die Ecke getriebene Wölfe“. Sie sind gezwungen, sich mit Gewalt durch eine fremde Welt zu kämpfen, und dies äußert sich in Balabanows Filmen oft angefangen von kriminellen bis hin zu sexuellen Gewalthandlungen. Der Filmkritiker Andrej Plachow erkannte diese sittlichen Verstöße, die den Menschen durch Verletzung allgemein akzeptierter Normen prägen, als Schlüssel zum Verständnis von Balabanows Kreativität. Er beschreibt Balabanow als sozialkonservativen Menschen, der stets auf der Suche nach der Sittlichkeit der Gesellschaft war, und stellte ihn mit Fjodor Dostojewski und John Ford auf eine Stufe.
Andrei Michalkow-Kontschalowski bezeichnete Balabanow als einen der talentiertesten russischen Regisseure seiner Zeit. „Er war seltsam, unbehaglich, hatte aber eine erstaunliche innere Kernstruktur“, „Für mich ist die Reflexion immer stärker als der einfallende Lichtstrahl, Balabanow aber ging stets auf einer geraden Linie diesen Strahl entlang“ – so beschrieb Nikita Michalkow den Regisseur des Melodrams Мне не больно und der schwarzen Komödie Жмурки, in denen er mitspielte.