Alexander Sutherland Neill (meist abgekürzt A. S. Neill, * 17. Oktober 1883 in Forfar, Schottland; † 23. September 1973 in Aldeburgh, Suffolk) war ein Pädagoge und langjähriger Leiter der von ihm gegründeten Demokratischen Schule Summerhill in Leiston (Suffolk).
Neill wuchs als Sohn eines Lehrerehepaares zusammen mit sieben Geschwistern auf. Seine Mutter hatte jedoch ihren Beruf aufgeben müssen, als sie heiratete: verheiratete Frauen durften nicht als Lehrerinnen arbeiten.
Mit viereinhalb Jahren wurde Neill in die einklassige Schule eingeschult, in der sein Vater unterrichtete. Zu dieser Zeit war es üblich, Kinder mit Schlägen und harten Strafen zu disziplinieren. Da er als Sohn des Lehrers nicht als bevorzugt gelten sollte, wurde er besonders streng behandelt.
In seiner Autobiografie beschrieb Neill sich als das „schwarze Schaf“, den Benachteiligten der Familie.
Im Alter von vierzehn Jahren begann Neill nacheinander eine Ausbildung als Buchhalter und Einzelhändler. Er war in diesen Berufen jedoch nicht glücklich und wurde deswegen 1899 Pupil Teacher (eine Art von Lehrling als Lehrer) an der Schule seines Vaters. Nach einer vierjährigen Lehrzeit bekam er sein Lehrerdiplom und war nun Hilfslehrer. Von 1903 bis 1908 arbeitete Neill an unterschiedlichen schottischen Dorfschulen, allerdings befriedigte ihn diese Aufgabe nicht, da er die gängigen pädagogischen Vorgehensweisen ablehnte und in dieser Zeit eine tiefe Abneigung gegen die damals üblichen harten Erziehungsmethoden entwickelte. Daneben nahm er selbst Privatunterricht zur Erlangung der Hochschulreife und studierte schließlich von 1908 bis 1912 an der Universität Edinburgh zunächst Agrarwissenschaften, wechselte jedoch bald auf Anglistik und Literatur. Sein Studium schloss er mit einem Master (M.A.) ab. Anschließend arbeitete er ein Jahr als Redakteur an einer Enzyklopädie mit und ging nach London, wo er als künstlerischer Assistent des Piccadilly Magazine arbeitete.
1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges – Neill war als untauglich für den Kriegsdienst eingestuft worden –, wurde er in Stellvertretung des an die Front gegangenen Rektors, Leiter der Gretna Public School in Schottland. Seine Erfahrungen an dieser Schule führten ihn zum intellektuellen Wendepunkt. Bis dahin noch ein widerwillig angepasster Lehrer, entwickelte er nun neue Ideen in der Schulerziehung und erprobte sie – aufgrund des Krieges weitestgehend unkontrolliert von der Schulaufsichtsbehörde. Er lehnte den Lernzwang und das strafende System ab und legte mehr Wert auf Spiel und Freude.
Seine Schüler konnten zum Beispiel den Unterricht verlassen, wenn sie es wollten. Seine Zeit als Schulleiter in Gretna Green beschrieb er in seinem ersten Buch A Dominie's Log, veröffentlicht 1915. Das Buch wurde ein Bestseller in Großbritannien. Neill verfasste noch vier weitere Dominie-Bücher.
In dieser Zeit bekam er Kontakt zu dem Pädagogen und Sozialreformer Homer Lane. Neill wurde Lanes Schüler, Freund und Patient und übernahm viele seiner Grundsätze. Lane glaubte an das angeborene Gute in jedem Kind. Er hatte beachtliche Erfolge im „Little Commonwealth“, einem Heim für schwer erziehbare Kinder. Hier wandte Lane seine revolutionären therapeutischen Maßnahmen wie etwa psychoanalytisch motivierte „paradoxe Sanktionen“ an, die auch Neill später verwendete, wenn er zum Beispiel Schüler zum Einschlagen von Fensterscheiben ermutigte oder Diebe für ihre Straftaten nicht bestrafte, sondern belohnte. Als Neill nach dem Militärdienst, zu dem er 1916 doch noch einberufen worden war, bei Lane mitarbeiten wollte, musste er erfahren, dass dessen Experiment mit der Schließung des „Little Commonwealth“ beendet worden war.
So bewarb er sich an der King Alfred School von John Russell in Hampstead. Diese koedukative Reformschule hatte Noten und Prügelstrafe abgeschafft. Nach Homer Lanes Beispiel führte er dort das „Self-government“ ein. Als es zu Protesten innerhalb des Lehrerkollegiums bezüglich der teils turbulenten Selbstverwaltung in Neills Klasse kam, legte ihm Russell nahe, die Arbeit an der Schule zu beenden.
„Education of the New Era“ als Plattform
Ab Frühjahr 1920 gab er gemeinsam mit Beatrice Ensor die Zeitschrift „Education of the New Era“ heraus. Nun konnte er sich mit einer breiten Themenauswahl beschäftigen und auf seinen Reisen unterschiedlichste Schulversuche in Großbritannien und auf dem Kontinent kennenlernen. Er übte in seinen „Editorials“ heftig Kritik am bestehenden Schulsystem. Während dieser Zeit lernte er die immer bekannter werdende Montessoripädagogik kennen. Diesen Ansatz lehnte er jedoch als zu wissenschaftlich, zu ordentlich, zu didaktisch ab. Neills radikale Haltung, die er auf Vortragsreisen und durch Veröffentlichungen bekannt machte, entfachte viele Diskussionen und Kontroversen mit anderen Reformpädagogen.
1921 war Neill im Auftrag der New Era in Europa unterwegs. In Deutschland besuchte er in Dresden-Hellerau Lilian Neustätter, eine Bekannte aus der Zeit an der King Alfred School. In Hellerau gab es die Jaques-Dalcroze-Schule, deren Betrieb Neill für die New Era beschrieb. Neill blieb in Deutschland und gründete im gleichen Jahr mit Christine Bear, einer Schülerin des Reformpädagogen Émile Jaques-Dalcroze, sowie Otto Neustätter und dessen Frau Lilian Neustätter die Internationale Schule in Hellerau. Hier ergab sich für Neill die Chance, eine Schule nach seinen Vorstellungen zu führen. Schon bald beendete er seine Tätigkeit bei der New Era, um seine eigene Schulidee in die Realität umzusetzen.
So nahm er beispielsweise die Form des „self-government“ wieder auf, stellte die Teilnahme am Unterricht jedem Schüler frei, hob das Klassensystem auf, wendete „paradoxe Sanktionen“ an und führte „private lessons“ ein. 1923 stellte die Schule ihre Arbeit ein. Die Gründe hierfür waren Abmeldungen von vornehmlich ausländischen Schülern infolge von Unruhen, die in Sachsen ausbrachen. Damit brach die wirtschaftliche Basis für Neills Schulexperiment weg.
Misslungener Neubeginn in Österreich
Nach ihrer Scheidung von Otto Neustätter heiratete Neill Lilian. In Österreich fand sich ein neuer Standort für ihre Schule in einem ehemaligen Klostergebäude der Gemeinde Sonntagberg. Regulärer Unterricht fand an dieser Schule nicht statt. Wenn die insgesamt nur neun Schüler Fragen hatten, wurde eine Gruppe gebildet, die sich mit bestimmten Sachverhalten auseinandersetzte. Neill brachte einen neurotischen Schüler zu einer Analyse bei Wilhelm Stekel in Wien und unterzog sich im Anschluss selbst einer solchen Behandlung bei diesem ehemaligen Schüler Sigmund Freuds. Die Schule auf dem Sonntagberg traf auf heftigen Widerstand in der Bevölkerung und bei der Schulbehörde. So entschied man sich nach weniger als einem Jahr, den Schulsitz nach England zu verlegen. Der Hauptgrund hierfür war, dass Neill keinen Religionsunterricht erteilte (und keinen erteilen wollte). Die Schulbehörde verweigerte die bis dahin fehlende Genehmigung für die Schule. „Der ständigen Auseinandersetzungen mit voreingenommenen Beamten und feindseligen Dörflern müde, brachten Neill und seine Frau 1924 ihre fünf britischen Schüler zurück nach England und ließen sich mit ihnen in Dorset […] nieder.“
Erste Erfolge unter dem Namen „Summerhill“
Als Sitz der Schule wurde ein Haus in Lyme Regis in der Grafschaft Dorset gemietet, das auf dem „Summerhill“ lag. Hier bekam die Schule schließlich den Namen, mit dem sie einmal weltberühmt werden sollte. Die Schule spezialisierte sich auf Problemkinder, die an anderen Schulen schwierig, faul, träge und/oder antisozial erschienen. 1926 erhöhte sich die Popularität von Neills Schule schlagartig infolge des Erscheinens seines mittlerweile achten Buchs The Problem Child.
Das Gebäude in Lyme Regis sollte bald einer anderen Nutzung zugeführt werden, und Neill machte sich auf die Suche nach einem neuen Schulgebäude. In Leiston an der englischen Ostküste fand er ein ehemaliges Mädchenpensionat mit geeigneten Gebäuden und Grünflächen. Er nahm einen Kredit auf und kaufte 1927 das Anwesen.