An diesem Tag

Alexander Rüstow

Deutscher Philosoph, Sozialwissenschaftler und Volkswirt

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Alexander Rüstow (* 8. April 1885 in Wiesbaden; † 30. Juni 1963 in Heidelberg) war ein deutscher Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler. Er war ein Großneffe von Wilhelm Rüstow.

Rüstow prägte 1938 auf dem Colloque Walter Lippmann den Begriff Neoliberalismus als Bezeichnung für eine erneuerte liberale Ordnung, die sich vom Laissez-faire-Liberalismus unterscheiden sollte. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch einen Bedeutungswandel. Er ist ein Hauptvertreter des dieser heterogenen Denkrichtung zugeordneten Soziologischen (Neo-)Liberalismus. Zudem wird er als einer der Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft bezeichnet. Das im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankerte konstruktive Misstrauensvotum geht teilweise auf Rüstows Kritik der Weimarer Verfassung zurück.

Rüstow wurde in eine preußische Offiziersfamilie geboren. Sein Großvater, der preußische Major und Schriftsteller Cäsar Rüstow (1826–1866), fiel im Deutschen Krieg von 1866. Seine Eltern waren der preußische Generalleutnant der Artillerie Hans Rüstow (1858–1943) und dessen Ehefrau Bertha Ottilie Spangenberg (1862–1940), eine Tochter des Suhler Gewehrfabrikanten Wilhelm Ferdinand Spangenberg (1802–1866).

Die strenge preußische Erziehung des Vaters und die pietistische Erziehung der Mutter prägten ihn dergestalt, dass er zeitlebens eine kritische Einstellung zum wilhelminischen Deutschland und ein ambivalentes Verhältnis zur protestantischen Ethik hatte. Seine Gymnasialjahre verbrachte er in Darmstadt (Ludwig-Georgs-Gymnasium), Wiesbaden (Humanistisches Gymnasium) und Berlin-Schöneberg (Prinz-Heinrichs-Gymnasium), bis er 1903 vorzeitig seine Reifeprüfung am Bismarck-Gymnasium (heute Goethe-Gymnasium) zu Deutsch-Wilmersdorf bei Berlin (heute Ortsteil im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin) ablegte. Er studierte von 1903 bis 1908 in Göttingen, München und Berlin Mathematik, Physik, Philosophie, Altphilologie, Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre. In Göttingen studierte er bei dem Neukantianer Leonard Nelson. 1908 promovierte Rüstow bei Paul Hensel an der Universität Erlangen mit seiner Arbeit Der Lügner. Theorie, Geschichte und Auflösung, in der er sich mit dem Lügner-Paradoxon auseinandersetzte.

In den Jahren 1908 bis 1911 war Rüstow als verantwortlicher wissenschaftlicher Abteilungsleiter im Verlag B. G. Teubner in Leipzig tätig. Er arbeitete von 1911 bis 1914 an einer Habilitationsschrift über die Erkenntnistheorie des Parmenides. Diese Arbeit wurde wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs abgebrochen. Rüstow meldete sich in Familientradition als Freiwilliger zur Armee, wo er mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse und dem Königlichen Hausorden der Hohenzollern ausgezeichnet wurde. Der Kriegsdienst bestätigte aber durchaus seine Abneigung gegen den wilhelminischen Militarismus.

Zusammen mit Walter Benjamin, Hans Blüher, Ernst Joëll, Fritz Klatt, den Brüdern Hans und Walter Koch, Hans Kollwitz, Erich Krems und Alfred Kurella gehörte er dem so genannten Westender Kreis an, der den linken Flügel der bürgerlichen Jugendbewegung zusammenführte. Klatt war wahrscheinlich der geistige und publizistische Motor dieses Bundes.

Rüstow war schon seit der Vorkriegszeit mit Avantgarde-Trends in Kunst und Psychologie vertraut. Seine erste Frau war die Malerin Mathilde Herberger, die mit Käthe Kollwitz eng befreundet war. In ihrem Tagebuch erwähnt Käthe Kollwitz mehrmals Alexander Rüstow mit seiner ersten und zweiten Frau. Bei Kriegsende teilte er die Ansichten der Sozialisten, begrüßte die deutsche Revolution vom November 1918 und soll sich sogar daran beteiligt haben. Noch mit Mathilde Herberger verheiratet lernte Alexander Rüstow am Anfang der Münchner Räterepublik seine spätere zweite Frau und Völkerkundlerin Anna Bresser kennen, die dort studierte. Seit 1907 hatte sich Rüstow mit den Schriften Franz Oppenheimers befasst, dessen Schüler Adolf Löwe, Gerhard Colm und Eduard Heimann in den 1920er Jahren zu seinem wichtigsten Freundeskreis gehörten. Die Theorie Oppenheimers, dessen gesellschaftstheoretische Überlagerungssoziologie, wie auch dessen „Dritter Weg“ zwischen liberalem Kapitalismus und marxistischem Kommunismus beeinflussten das Denken Rüstows. Neben Oppenheimer übte das Lebenslagen-Konzept von Gerhard Weisser einen entscheidenden Einfluss auf Rüstow aus. Seine Vitalpolitik steht inhaltlich in der Tradition solcher Ansätze, die die materiellen und immateriellen Lebensbedingungen betonen. Mit Weisser teilt Rüstow die Einsicht, dass das Individuum für ein selbstverantwortliches Leben von gewissen äußeren Bedingungen abhängig ist, die aber nicht direkt von staatlichen Instanzen beeinflussbar sind. Auf Vermittlung seines Freundes Löwe arbeitete Rüstow von 1919 bis 1924 als Referent für Allgemeine Wirtschaftsfragen im Reichswirtschaftsministerium. Er verfocht bereits damals eine harte Linie in Kartell- und Monopolfragen und gehörte zu den Vätern der Kartellverordnung von 1923. In diesen Jahren entwickelte der damalige „Sozialist im Staatsdienst“ eine tiefe Enttäuschung über die taktisch bedingte Kompromissbereitschaft und Zerrissenheit der Sozialdemokratie sowie über die relative Machtlosigkeit gegenüber dem Lobbyismus verschiedener Interessengruppen.

1924 verließ Rüstow das Reichsministerium für Wirtschaft und übernahm von 1924 bis 1933 eine Stelle als Syndikus und Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung beim Verein deutscher Maschinenbau-Anstalten (VdMA). Seine Arbeit als Verbandsfunktionär bestand zum Teil in der Abwehr der finanzkräftigen Lobby der Großindustrie sowie der Großagrarier und ähnelte insoweit seiner früheren Tätigkeit. In dieser Zeit wechselte Rüstow intellektuell vom rechten sozialistischen Flügel zum linken liberalen Flügel. Es kam zu Kontakten und zum intensiven Gedankenaustausch mit Wilhelm Röpke und Walter Eucken, mit denen er die Erneuerung des Liberalismus anstrebte.

Auf einer letzten, nicht mehr verwirklichten Kabinettsliste des Reichskanzlers Kurt von Schleicher war Rüstow als Wirtschaftsminister vorgesehen. Die Kabinettsumbildung war ein letzter vergeblicher Versuch die Machtergreifung Adolf Hitlers zu verhindern. Kurz nach der Machtergreifung nahm die Gestapo eine Hausdurchsuchung vor, dies nahm Rüstow als Anlass, im Sommer 1933 ins Exil zu gehen. Seiner Einschätzung nach stand sein Name zusammen mit dem Schleichers auf einer Liste derjenigen Personen, die im Rahmen der von der nationalsozialistischen Propaganda als „Röhm-Putsch“ bezeichneten Säuberungswelle ermordet werden sollten. 1933 wurde Rüstow auf einen Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Wirtschaftsgeschichte an die Universität Istanbul berufen. In der Ruhe des türkischen Exils entstand unter anderem das Opus Magnum Ortsbestimmung der Gegenwart, eine universalgeschichtliche Kulturkritik. In Ankara arbeitete Rüstow auch als Verbindungsmann zwischen dem amerikanischen Nachrichtendienst (Office of Strategic Services) und Vertretern des deutschen Widerstands. Die Bemühungen des Kreisauer Kreises zur Kontaktaufnahme und Verhandlung mit den Alliierten liefen über Rüstow, der in Ankara von Helmuth James Graf von Moltke und Adam von Trott zu Solz besucht wurde. Die Verhandlungen scheiterten zu Rüstows Enttäuschung am Misstrauen der Amerikaner.

1949 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde 1950 als Ordinarius auf einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an die Universität Heidelberg berufen. Bis zu seiner Emeritierung (Wintersemester 1955/56) war er gleichzeitig Direktor des Alfred-Weber-Instituts, war von 1951 bis 1956 der erste Vorsitzende und später Ehrenvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, hatte die Funktion als Gesellschafter und Kurator der FAZIT-Stiftung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inne und war von 1954 bis 1962 Vorsitzender und später Ehrenvorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM). Unter dem Vorsitz von Rüstow wurde die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft zu einem angesehenen Thinktank und zum Sprachrohr der Vertreter des Ordoliberalismus. So pflegte Ludwig Erhard engen Kontakt zu Rüstow und war oftmals Redner auf Veranstaltungen der ASM sowie ihr Ehrenmitglied. Unter den deutschen liberalen Denkern kam es zu einer Art Arbeitsteilung. Die Freiburger Schule um Walter Eucken konzentrierte ihre Forschung ausschließlich auf Fragen der Wirtschaftsordnung. Rüstow gehörte zusammen mit Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack dem soziologischen (Neo-)Liberalismus an, der „jenseits von Angebot und Nachfrage“ die Entwicklung eines bestimmten gesellschaftspolitischen Leitbildes, insbesondere der Vitalpolitik, entwarf. In die praktische Politik fanden die gesellschaftspolitischen Vorstellungen vor allem über Alfred Müller-Armack Eingang, als dieser 1952 als Ministerialdirektor ins Bundesministerium für Wirtschaft berufen wurde. Rüstow kannte Ludwig Erhard bereits seit den 1920er Jahren persönlich. Dieser vertrat als Bundeswirtschaftsminister zunehmend auch die außerwirtschaftlichen Ideen des soziologischen (Neo-)Liberalismus.

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