Alexander II. Nikolajewitsch (russisch Алекса́ндр II Никола́евич; * 17.jul. / 29. April 1818greg. in Moskau; † 1.jul. / 13. März 1881greg. in Sankt Petersburg) war von 1855 bis 1881 Zar von Russland aus dem Haus Romanow-Holstein-Gottorp.
Wegen der Großen Reformen, vor allem wegen der Abschaffung der Leibeigenschaft während seiner Regierungszeit, verliehen schon die Zeitgenossen Alexander II. den Beinamen „Zar-Befreier“ (russisch Oswoboditel). Während seiner Herrschaft vergrößerte sich das Imperium um beträchtliche Gebiete: der ganze Kaukasus, bis an die Grenzen Afghanistans und das Ussuri-Gebiet im fernen Osten. Die Eroberungskriege waren begleitet von zahlreichen Kriegsverbrechen, für die besonders die Kriegsführung unter General Petrowitsch von Kaufmann stand.
Abstammung, Kindheit und Erziehung
Alexander II. wurde 1818 als Sohn des späteren Zaren Nikolaus I. und der Zarin Alexandra Fjodorowna im Moskauer Kremlpalast geboren. Über seine Mutter war er ein Neffe von Wilhelm I. und ein Cousin von Friedrich III. Seine Thronfolge stand seit seinem achten Lebensjahr – anders als bei den meisten seiner Vorgänger auf dem russischen Thron seit Peter I. – nie in Zweifel. Entsprechend den Gepflogenheiten am russischen Hof war Alexander wie alle Großfürsten für eine Offizierslaufbahn bestimmt und wurde entsprechend ausgebildet. Für die Grundzüge der Erziehung war daher seit seinem siebten Lebensjahr ein Berufssoldat und Veteran aus den napoleonischen Kriegen verantwortlich, nämlich der deutschstämmige Linienoffizier Karl Merder. Merder, der zuvor als Lehrer in einem Kadettenkorps seine pädagogischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte, war über zehn Jahre fast beständig in der unmittelbaren Nähe Alexanders und begleitete ihn auch bei seinen Auslandsreisen. An die Seite Merders trat auf Wunsch der Zarin Wassili Schukowski. Der liberale Dichter und Vorleser der Zarin nahm dabei die Rolle eines Mentors und Tutors ein. Beide hauptverantwortlichen Erzieher achteten darauf, dass Alexander sowohl staatspolitisches Rüstzeug erlangte als auch eine entwickelte Persönlichkeit entfalten konnte. Als eigentliche Lehrer in den jeweiligen Fächern betrauten die Erzieher ausgezeichnete Wissenschaftler und zum Teil die wichtigsten zeitgenössischen russischen Politiker, wie zum Beispiel den leitenden Minister Alexanders I., Michail Speranski. Für den Deutschunterricht wurde der promovierte, später zum Kollegienrat ernannte und geadelte Jurist Friedrich Leberecht Liepmann verpflichtet, der einer in Hamburg und Berlin beheimateten jüdischen Familie entstammte. Es wurden auch Männer – wie zum Beispiel Speranski – mit der Ausbildung des Thronfolgers betraut, die im Gegensatz zur extrem reaktionären Politik von Nikolaus I. standen. In seinem 16. Lebensjahr, am 17. April 1834 wurde Alexander offiziell zum Thronfolger proklamiert.
Im Jahr 1839 lernte Alexander II. seine spätere Frau, die Prinzessin Marie von Hessen und bei Rhein, kennen, die zu dem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt war. Die Hochzeit fand am 4. Apriljul. / 16. April 1841greg. statt. Auch gegen den erheblichen Widerstand am Zarenhof und sogar diplomatische Interventionen hatte Alexander seine Wahl durchgesetzt. Unterstützung bekam er dabei von seinem in politischen Fragen despotischen Vater, der seinem Sohn in dieser Frage nicht im Weg stehen wollte, obgleich die Heirat als „politisch unzweckmäßig“ galt. 1842 wurde ihre erste Tochter Alexandra (1842–1849) geboren.
Alexanders Charakter wurde zwiespältig beurteilt: einerseits wurde er als friedlich, weise und wohlwollend mit einem klaren Sinn für das Gute beschrieben, andererseits galt er (auch seinen Erziehern) als arrogant, wankelmütig, wenig tatkräftig und – wie er selbst später zugab – als bis zur Rachsucht nachtragend. Hinzu kam, dass sein Vater ihm die Grundzüge der autokratischen Herrschaftsauffassung in einer Art vermittelte, dass Alexander trotz aller libertären Tendenzen und Reformen unumstößlich an diesem Prinzip festhielt. Zudem entwickelte der Thronfolger aufgrund der strengen militärischen Ausbildung ein Faible für alles Militärische und speziell für Militärisches Zeremoniell. Er verfügte aber über keinen großen militärischen Sachverstand, obwohl er sich das einbildete.
Alexander hatte wie kaum ein Zweiter schon vor der Übernahme der Regierungsverantwortung tiefe Einblicke in die Regierungstätigkeit gewinnen können, repräsentative Aufgaben wahrgenommen, zahlreiche Reisen ins Ausland und in sämtliche russischen Provinzen unternommen, des Öfteren wichtige Regierungsaufgaben direkt wahrgenommen und im Jahre 1842 sogar einen Monat lang die Regentschaft über das Reich während der Abwesenheit seines Vaters übernommen.
Krimkrieg und Regierungsübernahme
Als Alexander nach dem Tod seines Vaters am 18. Februarjul. / 2. März 1855greg. die Regierungsgeschäfte übernahm, war er zwar mit knapp 37 Jahren ein gereifter, gut ausgebildeter und auch politisch versierter Mann. Allerdings musste er das Reich in einer schweren Krise übernehmen: Im Krimkrieg, den Alexander zunächst fortsetzte, zeichnete sich die Niederlage Russlands schon im Frühjahr 1855 deutlich ab und wurde mit dem Fall Sewastopols unabwendbar. Der Zar besuchte im November selbst Odessa und die Krim und gelangte dabei endgültig zu der Erkenntnis, dass der Krieg verloren sei.
Der Pariser Frieden vom 18. Märzjul. / 30. März 1856greg. beendete den Krieg. Er schwächte Russlands Machtstellung im Orient nur vorübergehend und bedeutete nicht das Ende des russischen Interesses an den türkischen Territorien. Auch nach diesem Frieden wurde der Krieg gegen die kaukasischen Bergvölker fortgesetzt und weite Gebiete zwischen dem Kaspischen Meer und dem Aralsee gelangten unter russischen Einfluss und wurden zum Teil endgültig besetzt.
Die Russland im Pariser Frieden auferlegte Entmilitarisierung der Schwarzmeerhäfen bedeutete indes einen schweren Schlag für das Prestige als Groß- und Ordnungsmacht, als die sich das Reich seit den Napoleonischen Kriegen betrachtet hatte. Besonders in den 1848er Revolutionen hatte sich Russland als europäische Hegemonialmacht präsentiert. Die Günther Stökl zufolge unnötige und kontraproduktive Demütigung Russlands trug nach Überwindung des ersten Schocks zur Entstehung einer religiös-nationalen Stimmung in Russland bei, die eine Revanche für die Kriegsniederlage herbeisehnte.
Am 14. Augustjul. / 26. August 1856greg., fünf Monate nach dem Friedensschluss und fast anderthalb Jahre nach seinem Regierungsantritt, fand in Moskau die Krönungszeremonie des neuen Zaren statt. Ausländischen wie russischen Gästen fiel besonders die Diversität der Untertanen auf, die an den Feierlichkeiten teilnahmen: Baschkiren, Tscherkessen, Tataren und Armenier waren nach Moskau eingeladen worden, um die Vielfalt und das Ausmaß des Reiches zur Schau zu stellen und die Bindung zwischen dem Zaren und seinen asiatischen Völkern symbolisch zu festigen. Zum ersten Mal waren Repräsentanten des Bauernstands zur Zeremonie geladen und wurden in den Krönungsalben eigens erwähnt.
Für die Geschichte Russlands und die politischen Überzeugungen Alexanders II. bedeutete die Niederlage im Krimkrieg einen tiefen Einschnitt. Die Unfähigkeit, eine im Feindesland operierende und schlecht geführte Koalitionstruppe zu besiegen, zeigte Russlands Rückständigkeit in allen Bereichen, von der Wirtschaft über die Infrastruktur (besonders das fehlende Eisenbahnnetz) und das Bildungswesen bis hin zur Heeresorganisation. Daher wurde der Krimkrieg zum Fanal für die russische Politik, denn Alexander II. nutzte den Pariser Frieden dazu, die Basis für sein politisches Programm eines Aufbrechens der verwobenen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Fesseln durch den Impuls von außen zu schaffen. Alexander war bestrebt, Russland möglichst schnell eine Öffentlichkeit bzw. eine Gesellschaft zu geben, um so aus seiner Sicht im Konkurrenzkampf mit den anderen europäischen Großmächten bestehen zu können.
Als Reaktion auf die in der Niederlage im Krimkrieg zutage getretene Rückständigkeit Russlands nahm Alexander weitreichende Reformen in Angriff, die in der wissenschaftlichen Literatur oft mit dem Attribut „groß“ beschrieben werden. Diese Reformen stellen einen der bedeutendsten Einschnitte in der Geschichte Russlands dar, Hoetsch sieht in ihnen sogar ein bedeutenderes Reformwerk als das Peters des Großen. Für Grünwald stehen die Reformen „an den Wurzeln der Revolution“.